Harmos: Blindflug oder Fortschritt?

Streitgespraech mit De Courten und Wuethrich zu Harmos, Liestal, Foto Kenneth Nars: Landrat Thomas de Courten (li) und Regierungsrat Urs Wuethrich (re) im Streitgespraech zu Harmos.

Harmos: Blindflug oder Fortschritt?

Streitgespraech mit De Courten und Wuethrich zu Harmos, Liestal, Foto Kenneth Nars: Landrat Thomas de Courten (li) und Regierungsrat Urs Wuethrich (re) im Streitgespraech zu Harmos.

Thomas de Courten leitet für die SVP die Nein-Kampagne, Bildungsdirektor Urs Wüthrich kämpft für das Ja der Regierung zu Harmos.

Jürg Gohl

Thomas de Courten, sind Sie froh, dass Sie noch vor Harmos zur Schule gegangen sind?

Thomas de Courten: Ich kann mich gut erinnern, wie schon zu meiner Zeit Schulversuche und Reformitis den Unterricht beunruhigt und selten Besseres gebracht haben. Mich traf es zum Beispiel mit der Mengenlehre. Ich habe daraus gelernt, dass pädagogische Visionen selten mehr Bildungsqualität bringen.

Was haben Sie, Urs Wüthrich, verpasst, als Sie in kurzen Hosen im Emmental zur Schule gingen, weil es noch kein Harmos gab?

Urs Wüthrich: Man muss die Frage anders stellen. Habe ich, als ich 1960 zur Schule ging, eine Schule gehabt, die mich richtig darauf vorbereitet hat, 1970 erfolgreich ins Berufsleben einsteigen zu können. Das ist entscheidend: Die Schule kann nicht einfach stehen bleiben in einer Welt, die sich immer rascher entwickelt. Wenn ich beobachte, wie im Verbund Aprentas Lehrlinge ausgebildet werden, die gemeinsam im Team Lösungen suchen müssen, dann kann man vorher nicht gleich unterrichten wie vor 50 Jahren. Wenn wir Firmen besuchen, wird dort stets betont, wie wichtig Innovation für jedes Unternehmen sei. Warum soll das in der Schule anders sein?

De Courten: Interessant, was da Urs Wüthrich sagt. Es müsste also auch in der Schule eine Art Wettbewerb geben, um sich zu entwickeln. So kann man besser als die andern sein und auf die spezifischen Ansprüche eines Orts oder Kantons eingehen. Harmos ist aber genau das Gegenteil: eine Gleichschaltung. Alles wird nur noch über einen Leisten geschlagen. Der Bildungswettbewerb ist völlig ausgeschaltet – für uns ein weiterer Grund, gegen diesen Schulumbau anzutreten.

Aber das Volk hat in der Abstimmung 2006 klar gesagt, dass es gerade dieses identische Schulsystem, diese Harmonisierung, wünscht, etwa um problemlos von A nach B zu zügeln.

De Courten: Das ist nicht korrekt. Es ging um die Durchlässigkeit der Bildungslandschaft Schweiz. Punkte wie Schuleintritt, Schuljahrbeginn, Schuldauer, Schulziele, Schulübergänge sollen einheitlich sein. Harmos geht aber viel weiter. Harmos will die Schulpflicht bereits mit vier Jahren einführen. Davon war vorher nie die Rede. Harmos will die generelle Hochdeutsch-Pflicht ab vier Jahren. Es will, dass Ganztagesstrukturen obligatorisch eingerichtet werden. Es kommt der Integrationsauftrag in der Sonderpädagogik. Die Ideologie hinter Harmos ist nicht die Harmonisierung, die Ideologie ist, dass die Erziehung der Kinder an den Staat abgetreten und den Eltern entzogen wird.

Wüthrich: Die SVP hat Harmos nicht begriffen. Harmos heisst: strukturelle Eckwerte wie Eintrittsalter, Dauer der einzelnen Schulstufen, Harmos heisst vor allem auch Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung. Harmos heisst gemeinsame Standards, die alle erreichen wollen, dafür aber unterschiedliche Wege wählen dürfen. Nirgends steht etwas von flächendeckenden Tagesstrukturen. Das geschieht bedarfsgerecht, genau so, wie das unser Kanton geplant hat. Erst muss der Bedarf für Tagesstrukturen nachgewiesen sein. Stolz bin ich, dass im Harmos-Konkordat fast wörtlich abgeschrieben wird, was bereits in unserem Bildungsgesetz steht, nämlich dass bei Bedarf lediglich Schulraum für Unterricht in heimatlicher Kultur und Sprache angeboten wird. Dies ist bei uns bereits seit 2003 in Kraft – vom Stimmvolk abgesegnet. Wenn die SVP klagt, dass wir nun Afrikanisch-Lektionen anbieten müssen, ist das falsch. Und zudem skurril, weil es in Afrika fast 2000 verschiedene Sprachen gibt. Es ist ganz im Sinne der Wirtschaft, dass wir auf diesem kleinen Raum nicht an 26 Schulsystemen basteln.

De Courten: In Paragraf 11 der Harmos-Vereinbarung steht es schwarz auf weiss, dass Tagesstrukturen obligatorisch eingeführt werden müssen. Sie fordert auch ein Angebot für Schülerinnen und Schüler ausserhalb der Unterrichtszeiten. Zur etwas despektierlichen Bemerkung des Bildungsdirektors zu den Kursen in heimatlicher Sprache und Kultur: Sie sind Bestandteil von Harmos, und deshalb muss man das dem Stimmbürger klar sagen.

Die SVP prangert auf dem Plakat den Kindergarten-Zwang ab vier Jahren an. Aber im Baselbiet besuchen bereits 98,2 Prozent den Kindergarten freiwillig vorzeitig. Setzt Sie aufs falsche Pferd?

De Courten: Auch hier wird nicht klar gesagt, dass es um einen grundsätzlichen Wechsel geht. Es geht uns weniger darum, dass dieses zweite Jahr für obligatorisch erklärt wird. Uns stört aber, dass der Kindergarten de facto abgeschafft wird.
Wüthrich: Halt, wo heissts das?

De Courten: Im Harmos-Vokabular fehlt das Wort «Kindergarten» konsequent. Stattdessen schreibt Harmos vor, dass die Kinder nach vollendetem vierten Altersjahr «eingeschult» werden. Sie gehen also nicht in einen Kindergarten, sondern direkt in die Schule. Heute bereitet der Kindergarten die Kinder auf die Schule vor. Das zeigt einmal mehr, welche Ideologie hinter Harmos steht.

Wüthrich: Harmos schreibt in dieser Frage nichts vor. Und so kann Baselland sagen: «Wir führen den Kindergarten wie bisher weiter.» Was soll zudem das Wort «Ideologie»? Hinter Harmos steht der Entscheid von 26 demokratisch gewählten Bildungsdirektoren, sechs oder sieben davon aus der SVP, die klare Mehrheit der Bildungsdirektoren ist bürgerlich. Ich kann beim besten Willen nicht das geringste Demokratie-Defizit ausmachen. Dass man alle Bildungsdirektoren als Bildungsbürokraten abqualifiziert, stört mich. Harmos durchlief eine breite Vernehmlassung, bei der die SVP im Abseits stand.

Weshalb kritisieren die Gegner gleichwohl, dass Parlamente und Stimmvolk in der Bildung ihre Mitsprache verlieren?

De Courten: Mit dem Konkordat wird die Legislative im zentralen Bereich der Bildung schlichtweg ausgehebelt. So können die Bildungsdirektoren frei wirken, unterstützt von ihrem direkten Umfeld mit so genannten Experten – sie nenne ich trotzdem Bildungsbürokraten und Pädagogiktechnokraten. Da ist die Demokratie sehr wohl ausgeschaltet.

Wüthrich: Das ist ja absurd. Wir fragten das Parlament nicht einfach, ob es für oder gegen Harmos sei, sondern wir legten ihm sämtliche Gesetze auf den Tisch. Der Landrat konnte Abänderungen und Ergänzungen anbringen. Wir nannten auch die Preisschilder, und das Parlament bewilligte die Gelder, damit Harmos nicht nur aufgegleist, sondern auch gut umgesetzt wird.

De Courten: Auch diese Aussage stimmt nicht. Am Konkordatstext konnte der Landrat keinen Jota ändern. Die Vorlagen zu Harmos wurden bewusst auch gesplittet. Wir haben das Harmos-Konkordat, das Sonderpädagogik-Konzept und auch – darüber kann das Volk nicht befinden – das Frühfremdsprachenkonzept. Wir haben die familienexterne Familienbetreuung, die im Parlament feststeckt. Das ist nicht ein Guss, das sind viele Salamischeibchen. Die Preisschilder erhielten wir auch nicht alle: Keiner weiss, was uns die Umstellung von 5 Primar- und 4 Sekundarschuljahren auf 6 und 3 kostet.

Auf lange Sicht müsste die Umstellung auf 6/3 Einsparungen bringen, weil weniger Sekundarlehrer-Löhne bezahlt werden.

Wüthrich: Ich begreife die Argumente der SVP nicht. Wir legten im Unterschied zu anderen Kantonen alle drei Projekte gemeinsam auf den Tisch, Harmos-Konkordat, Sonderpädagogik-Konkordat und Bildungsraum. Und brachten das Fremdsprachen-Konzept gleichzeitig vor den Landrat, der sich klar für die Vorlage ausgesprochen hat. Ich bin jetzt irritiert. Nachdem die SVP immer geklagt hat, das Fuder sei überladen, wirft sie uns nun plötzlich Salamitaktik vor.

In der Öffentlichkeit kommt die Sonderpädagogik, die auch bei den Parteien den schwersten Stand hat, etwas zu kurz. Worauf ist das zurückzuführen?

De Courten: Die Sonderpädagogik ist der Teil, der sogar von Gemeinden und Lehrern deutlich abgelehnt wird. Hier besteht heute schon Klarheit, dass dies in der Praxis nicht funktionieren kann. Das Beispiel Zürich lehrt, dass das Projekt nicht umgesetzt werden kann. Dort musste die sozialdemokratische Bildungsdirektorin die Notbremse ziehen, da bin ich auf den Kommentar von Regierungsrat Wüthrich gespannt. Mit der Sonderpädagogik werden die Lernschwachen noch mehr überfordert, die zusätzlich geforderten Lehrer sind vor noch mehr Probleme gestellt. Die integrative Schulform wird die Schulqualität schwächen und schadet den behinderten Kindern mehr, als sie nutzt. Es gibt eine Nivellierung nach unten.

Die Befürworter argumentieren, dass sich nicht viel ändern wird im Vergleich zum Status quo.

Wüthrich: Die integrative Schulung ist längst Realität im Kanton. Derzeit werden über 200 Kinder integrativ beschult bei uns, sehr erfolgreich übrigens. Die Aussage, andere Kinder würden schulisch leiden unter behinderten Mitschülern, ist ein Ammenmärchen, das durch alle Studien widerlegt wird. Wir erfinden mit der Sonderpädagogik die Integration nicht neu. Wer hier dagegen ist, der muss den Mut aufbringen, hinstehen und klar sagen, er möchte das Behindertengleichstellungsgesetz abschaffen. Wir wollen, wie es das Gesetz vorschreibt, individuell prüfen, welche Schulungsform für alle Beteiligten die geeignetste ist. Wir gehen sehr pragmatisch vor. Kleinklassen und Sonderschulen führen wir weiter. Es ärgert mich, wenn man das Sonderpädagogik-Projekt als ideologisch verbrämtes Dogma verteufelt. Da die IV die Sonderpädagogik an die Kantone abgetreten hat, handelten diese zum Glück gemeinsam. Dazu ein Zitat eines SVP-Landrats: «Es kann nicht sein, dass es drauf ankommt, in welchem Kanton ich behindert bin.»

De Courten: Wir könnten uns stundenlang Studien, die sich gegenseitig widerlegen, um die Ohren schlagen. Wir haben aber das Beispiel Zürich, das bei uns die Alarmglocken läuten lassen müsste. Klar ist, dass der separative Unterricht, der direktes Fördern ermöglicht, eingeschränkt wird. Zudem sind zu viele praktische Erfordernisse, zum Beispiel räumlicher oder technischer Natur, ungeklärt. Das ist ein unverantwortlicher Blindflug.

Wüthrich: Von Ihrer Seite habe ich bisher nur Pauschal-Vorurteile gehört, aber nie eine Studie gesehen. Zu Zürich nur so viel: Zürich ging klar zu weit, kombinierte die Integration auch noch mit einer Aktion, um die Kosten zu senken. Zürich buchstabiert nun zurück auf den pragmatischen Baselbieter Weg.

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