Natürlich kann man gleich einwenden: Es gibt grössere Probleme. Grössere Probleme als die Praxis der SBB, im Fahrplan vorgesehene Halte zuweilen auszulassen, um Verspätungen auszugleichen. Natürlich sollte man darauf verweisen, dass dies verhältnismässig selten vorkommt. Und natürlich darf man nicht oft genug betonen, dass Verspätungen angesichts der hohen Netzdichte unvermeidbar sind. Doch in einem wohlhabenden Land, in dem das Parlament gerade wieder ein Milliarden-Paket für die Bahninfrastruktur gesprochen hat und dessen Bundesbahnen den Anspruch haben, zu den Besten zu gehören, wirft eine solche Praxis Fragen auf.

Reisende eines verspäteten Interregio-Zuges von Bern nach Zürich beispielsweise erfuhren kürzlich unterwegs, dass die Bahnhöfe Brugg und Baden nicht angefahren würden. Wer in die beiden Städte reisen wollte, musste in Olten aussteigen und auf einen anderen Zug warten. Offenbar war es nicht möglich, am Endbahnhof einen Ersatzzug für die Rückreise bereitzustellen, um die Verspätung wettzumachen. Rollmaterial ist derzeit ein knappes Gut – zum Leidwesen der Passagiere. Die SBB sprechen von einer «Massnahme zum Nutzen der Mehrheit». Soll heissen: Damit eine Mehrheit der Reisenden nicht mit noch gravierenderen Verspätungen konfrontiert wird, muss eine Minderheit genau solche hinnehmen. Das ist zu kurz gedacht.

Zum einen sind die SBB aus rechtlicher Sicht dazu verpflichtet, «alle in den Fahrplänen enthaltenen Fahrten durchzuführen». Ausnahmen sind bei höherer Gewalt möglich. Nicht in diese Kategorie fallen dürfte das Aufholen von Verspätungen. Das findet auch das Bundesamt für Verkehr, das unterdessen eine Betriebspflichtverletzung prüft.

Zum anderen ist es stossend, wenn die SBB ausgerechnet bei einem Interregio plötzlich die kleineren Städte aussen vor lassen. So schaffen sie eine geografische Zwei-Klassen-Gesellschaft. Denn Sinn und Zweck dieser Zuggattung ist es eben gerade, zwischen den Regionen zu verkehren. Ein Interregio verbindet per Definition die grossen Zentren mit den kleinen. Die Botschaft, die bei betroffenen Reisenden ankommt, ist fatal: «Sorry, die grossen Städte sind uns wichtiger, Ihr müsst zum Wohle anderer in den sauren Apfel beissen.»