140 Rekruten meldeten sich diesen Sommer zum Selektionsverfahren, 18 wählte die Armee für den Lehrgang aus. Einer von ihnen, der 20-jährige David, sitzt in der Kaserne hinter einem Computer und löst gerade eine sogenannte Challenge, eine fiktive Aufgabe, bei der er auf eine passwortgeschützte Webseite zugreifen und dort ein eigenes Programm installieren soll.

Hunderte Reihen Programmierbefehle flitzen über den Bildschirm. Mit geübtem Auge filtert der Rekrut Sequenzen heraus, die ihm erlauben, das Passwort zu umgehen. Ein Kinderspiel, wie es scheint.

Mit solchen Übungen lerne er zu verstehen, wie Hacker denken und agieren, erklärt David am Rande einer Medienkonferenz. Nur so könnten eigenen Systeme auch wirkungsvoll geschützt werden.

Denn: "Auch in Friedenszeiten tobt im virtuellen Raum ein Krieg", wie Divisionär Thomas Süssli, Chef der Führungsunterstützungsbasis FUB der Armee, betonte.

Die anonyme Gefahr

Anders als manche Länder beschränkt sich die der Neutralität verpflichtete Schweizer Armee auf die Verteidigung und den Schutz der eigenen Informations- und Kommunikationssysteme und -Infrastrukturen. Subsidiär unterstützt sie auch zivile Organisationen.

Cyber-Attacken sind heute eine ernstzunehmende Bedrohung, sei es im zivilen oder militärischen Bereich. Sie können anonym ausgeführt werden und kosten wenig Geld. Ihre Häufigkeit und Komplexität dürften weiter zunehmen.

"Für die Armee heisst das, dass sie die bestehenden Fähigkeiten ausbauen muss", betonte der Chef der Armee, Korpskommandant Philippe Rebord. Um der zu erwartenden Entwicklung Rechnung zu tragen, braucht die Armee mehr gut ausgebildetes Personal. Genau hier will der Lehrgang ansetzen. Er soll ab 2019 zweimal jährlich im Rahmen der Rekrutenschule (RS) angeboten werden.

Ideale Voraussetzung ist eine abgeschlossenen Lehre im ICT-Bereich. Aber auch Autodidakten mit entsprechenden Kenntnissen können aufgenommen werden. Nicht ungelegen kommen auch besondere Sprachkenntnisse in Russisch, Ukrainisch, Chinesisch und Koreanisch, wie einer Broschüre zum Lehrgang zu entnehmen ist.

Wichtig ist auch die Bereitschaft der Absolventen zum "Weitermachen", denn der Lernstoff ist komplex und kann nicht in einer normalen 18-wöchigen RS vermittelt werden.

Aufstocken

Um sich vor Cyber-Attacken zu schützen oder sie abzuwehren, setzt die Armee Teile der Berufsorganisation der Führungsunterstützungsbasis ein. Diese werden durch Milizangehörige der Armee unterstützt.

Zu ihnen gehören dereinst auch die heutigen "Cyber-Rekruten", wenn sie ihre Wiederholungskurse leisten. Die Armee strebt gemäss Rebord an, den Bestand der Miliz bis 2020 auf bis zu 600 Soldaten und Kader auszubauen. Auch die Berufsorganisation soll mit 64 Spezialisten erweitert werden.

Doppelter Gewinn

Den Cyber-Lehrgang können die Rekruten mit der Berufsprüfung "Cyber Security Spezialist" mit eidgenössischem Fachausweis abschliessen. Ein Abschluss, der den Rekruten im zivilen Berufsleben von Nutzen sein dürfte. Rekrut David jedenfalls möchte sich nach der RS auch im Berufsleben mit IT-Sicherheitsfragen befassen, wie er sagt. Was er nun lerne, könne er später gut gebrauchen.

Andreas Kälin, Präsident des Verbandes für die Berufsbildung im Umfeld der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) Schweiz, bezeichnete den Lehrgang als "Win-win-Situation für Wirtschaft und Armee."

Die Armee kann vom Vorwissen der Rekruten profitieren und sie in der RS auch zum Nutzen der Wirtschaft weiterbilden. Später in den Wiederholungskursen profitiert die Armee von der zivilen Berufserfahrung der "Cyber-Soldaten". Mit dem Lehrgang helfe die Armee mit, etwas gegen den Fachkräftemangel zu tun, sagte Rebord.

Verteidigungsminister Guy Parmelin (SVP) kündigte 2017 eine Aufstockung bei der Cyber-Abwehr an. Auch die Eidgenössischen Räte sprachen sich für einen stärkeren Schutz vor Cyber-Risiken aus.