Bundesratswahlen

Guy Parmelin: hart in der Sache, freundlich im Ton

Jean-Christophe Bott/Keystone

Der 56-jährige Guy Parmelin ist Landwirt im Nebenamt.

Jean-Christophe Bott/Keystone

In drei Teilen stellt die «Nordwestschweiz» die drei Bundesratskandidaten der SVP vor. Heute der Westschweizer Bundesratskandidat Guy Parmelin, der als der «nette Waadtländer Weinbauer» bekannt ist.

Bursins. Die Abendsonne taucht die Rebberge oberhalb von Bursins in goldenes Licht. Der Bauernhof der Parmelins liegt etwas abseits von dieser Winzerromantik, in dem grünen Streifen zwischen der Zuglinie und der Autobahn.

Guy Parmelin, «der nette Waadtländer Weinbauer», wie er in Deutschschweizer Medien gerne genannt wird, steht unter der Tür. Er trägt Hemd und Krawatte, ist bereit für das Konzert des Lausanner Kammerorchesters, das er am Abend mit seiner Frau besucht.

Doch auch wenn nicht gerade klassische Musik auf dem Programm steht: Bürokleidung ist bei Parmelin die Regel, es kommt nur noch selten vor, dass der 56-Jährige die Arbeitshosen überstreift. Seit er im Nationalrat sitzt, kümmert sich vorab sein Bruder um den 36-Hektaren-Betrieb.

SVP-Fraktion nominiert Bundesratskandidaten im Dreierticket

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Im Parlament aber setzt sich Parmelin stramm für die Anliegen der Bauern ein. Mit einer Kopfbewegung deutet er vom Wintergarten aus auf die Felder, wo im Sommer Getreide und Ölsaaten wachsen. «Früher hatten wir zwanzig Kühe, doch als der Literpreis auf
55 Rappen fiel, hörten wir mit der Milchwirtschaft auf.» Heute liegt der Preis für Industriemilch ausserhalb der Gruyère-Zone noch viel tiefer.

Weiter nach rechts gerutscht

Guy Parmelin fängt deswegen nicht an zu poltern, doch das kann man sich ohnehin fast nicht vorstellen bei ihm. Der schneidende SVP-Stil passt weder zu seiner Persönlichkeit noch zu seiner politischen Herkunft.

Parmelin liegt in den Kernthemen der SVP zwar auf der Linie der Mutterpartei und ist, wie er gerne betont, in den letzten Jahren eher noch nach rechts gerutscht. Doch aufgewachsen ist er mit den Politdiskussionen seines Vaters und Onkels, beide Mitglieder der bodenständigen SVP-Vorläuferin, der Bauern-, Bürger- und Gewerbepartei BGB.

Parmelin trat der SVP im Alter von 25 bei, die scharfe Rhetorik der jüngeren urbanen Sektionen geht ihm völlig ab. Im Gespräch mit unserer Zeitung wie in politischen Debatten bleibt er ruhig, freundlich und überlegt; er äussert sich respektvoll über die anderen, über die er eigentlich fast lieber zu reden scheint als über sich selbst.

Parmelins Stil mutet an wie das Gegenprogramm zum polarisierenden Walliser Oskar Freysinger, der es am Freitag nicht auf das SVP-Ticket geschafft hat. Im Unterschied zu Freysinger denkt Parmelin auch in Gesellschaftsfragen offen, sagt Ja zur Präimplantationsdiagnostik, zur Kassenpflicht für Abtreibungen und zum Pacs für die gleichgeschlechtliche Partnerschaft.

Kritik an SVP-Dreierticket – Gewinnen könne nur einer, monieren Kritiker: Blocher-Zögling Thomas Aeschi.

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Kann es «der Nette»?

Seinen Einstieg in die Politik bezeichnet Parmelin als Unfall. 1994 sprang er ein, weil sich eine Kandidatin zurückgezogen hatte, und wurde prompt in den Kantonsrat gewählt. Zehn Jahre später folgte der Nationalrat, wo er nun seit zwölf Jahren politisiert. Und nun der Bundesrat?

Aus dem Parlament kommen allseits wohlwollende Rückmeldungen zum weltoffenen und reisefreudigen Waadtländer, der auch schon mehrmals in Indien war.

Dabei ist Parmelin durchaus bewusst, dass das Etikett des Netten, Unauffälligen auch eine Kehrseite hat: Er gilt manchen als etwas blass, wirkt eher väterlich denn dynamisch, was Zweifel an seinen Führungskapazitäten nährt.

Parmelin wehrt sich: Er sei Korporal in der Armee, habe auf dem Betrieb Lehrlinge ausgebildet, mit der SVP Waadt eine Kantonalpartei präsidiert und interimistisch auch die SVP-Fraktion in Bern geführt. «Ich habe klare Positionen und vertrete diese mit Nachdruck. Doch dreinfahren muss ich deswegen nicht.»

Ratsmitglieder aus der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK), die er leitet, attestieren ihm einen kompetenten und eloquenten Stil, allerdings wurde er einmal trotz Präsidiumsfunktion ausgetrickst: Die Rentenreform von Sozialminister Alain Berset (SP) wurde zuerst in den Ständerat geschickt, wo ein Kompromiss von Mitte-Links zustande kam. In der Energiekommission fällt Parmelin wenig auf.

Kein Alibi-Kandidat

Jetzt aber steht der Waadtländer im Scheinwerferlicht: Nachdem die SVP mit knappem Entscheid Christoph Blochers umstrittenen Zögling Thomas Aeschi als Kandidaten der Deutschschweiz auf den Schild gehoben hat, erhalten der Romand wie auch der Tessiner mehr Gewicht.

Ein dritter Sitz für die Westschweiz? Parmelin wiederholt stoisch, er sei kein Alibi-Kandidat, sondern hege ernsthafte Ambitionen als Vertreter des wirtschaftlich dynamischen Arc Lémanique. «Es ist alles möglich.»

Tatsächlich ist vieles offen: Parmelin könnten wegen Karriereplänen von welschen Freisinnigen und Sozialdemokraten Stimmen abgehen, doch fallen ihm vielleicht Stimmen aus der Ostschweiz zu, nachdem kein Ostschweizer Kandidat auf dem Ticket zu finden ist; der Bündner Heinz Brand unterlag gegen den Zuger Aeschi.

Schmale Linie des Erfolgs

Parmelin, der vor der Landwirtschaftslehre mit anschliessender Meisterprüfung in Lausanne die Matura mit Englisch und Latein absolviert hat, spielt auf seinem Lebenslauf mit einem lateinischen Diktum auf die schmale Linie zwischen Erfolg und Misserfolg an.

«La roche Tarpéienne est proche du Capitole», (französisch für Arx tarpeia Capitoli proxima) steht da. Falls er es aufs «Capitole» der Schweizer Politik schaffen sollte, erwiese sich auch sein Verzicht auf eine durchaus aussichtsreiche Regierungskandidatur in der Waadt als der richtige Entscheid.

Parmelin verärgerte damals bürgerliche Politiker im Kanton, beherzigte dafür den Rat einer freisinnigen Kollegin in Bundesbern und hörte «nur auf mich selbst». Er entschied sich für die Bundespolitik. Parmelin schmunzelt und sagt: «Von dem Moment an schlief ich wieder gut.»

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