Fall Adeline

Gutachter: «Manche Prognosen sind nur wenig präziser als ein Münzwurf»

Gutachter Marc Graf nimmt seine Berufskollegen in Schutz, übt dafür aber Kritik an Richtern.

Gutachter Marc Graf nimmt seine Berufskollegen in Schutz, übt dafür aber Kritik an Richtern.

Nachdem Fabrice A., der Mörder von Adeline M., nicht lebenslang verwahrt wird, stehen die Gutachter in der Kritik. Marc Graf, Klinikdirektor und Chefarzt der forensisch psychiatrischen Klinik Uniklinik Basel, wehrt sich für seine Zunft.

Herr Graf, Was sagen Sie zum Urteil gegen Fabrice A.?

Marc Graf: Als psychiatrischer Gutachter äussere ich mich nicht zu Urteilen, das fällt nicht in meine Kompetenz.

Richter und Gutachter hatten nicht den Mut, die lebenslange Verwahrung auszusprechen.

Es geht nicht um den Mut von Gutachtern oder Richtern, sondern darum geltendes Recht anzuwenden. Das Stimmvolk wollte dass lebenslang verwahrt wird, wer nicht therapierbar ist. Als Gutachter können wir aber keine lebenslange Prognose Stellen. Man kann weder mit einer Volksinitiative noch mit der Revision einer Strafprozessordnung Naturgesetze ändern und diese sind Grundlage von Psychiatrie und Psychologie.

Wie meinen Sie das?

Kriminalprognosen haben eine Trefferquote zwischen 55 und 90 Prozent. Sie sind in gewissen Fällen also nur wenig präziser als ein Münzwurf. Und die Prognose gilt dann für die nächsten zwei bis fünf Jahre. Ein Gutachter, der eine Prognose für das ganze Leben eines Täters stellt, hält grundlegende wissenschaftliche Prinzipien nicht ein. Und das hat nichts damit zu tun, dass Psychologie keine exakte Wissenschaft wäre. Nehmen wir den Wetterbericht. Da geht es um Naturgesetze und die Prognose ist vielleicht für drei Tage zuverlässig.

Schieben die Richter die Verantwortung auf die Gutachter?

Ich habe den Eindruck, dass manche Richter dankbar sind, wenn wir den Entscheid vorweg nehmen. Sie fragen mich dann, ob ich eine stationäre Massnahme empfehle. Aber das darf ich gar nicht, es ist Sache der Richter. Das kommt allerdings selten vor. Und dann gibt es ja noch Anwälte und Staatsanwälte die korrigierend eingreifen.

Gibt es aus Ihrer Sicht überhaupt untherapierbare Täter?

Ziel einer Therapie ist im medizinischen Sinne, dass ein Patient keine Symptome mehr hat. Im Strafrecht ist das Ziel, dass er nicht rückfällig wird. Eine Therapie kann also medizinisch erfolgreich sein und trotzdem besteht die Möglichkeit, dass die therapierte Person eine Straftat begeht. Vergessen wir nicht: Der grösste Teil der Menschen, die getötet werden, werden nicht von psychisch Gestörten ermordet, sondern in der eigenen Familie.

Aber hat die Gesellschaft nicht das Recht für immer von einem Wiederholungstäter wie Fabrice A. geschützt zu werden?

Rechtsprechung ist immer eine Güterabwägung. Das Interesse der Öffentlichkeit, dass nichts mehr passiert wird gegen die Freiheitsrechte eines Täters abgewogen. Eine solche Güterabwägung darf nur ein Gericht machen. Die Betroffenen dürfen nicht selber Rache nehmen. Wir wählen dazu Richter, die für die Gesellschaft nach den gesetzlichen Spielregeln Recht sprechen. Wer das nicht begreift, soll sich nicht äussern. Kennen sie das Prinzip von „Auge um Auge, Zahn um Zahn“?

Ja, es stammt aus dem Alten Testament, es geht um Rache.

Das Gebot wird oft missverstanden. Es stellte eine frühe Beschränkung der Strafe dar. Wenn mir einer einen Zahn ausgeschlagen hat, darf ich ihm auch einen ausschlagen. Mehr aber auch nicht. Dieses strafbegrenzende Prinzip ist wichtig für das Funktionieren unserer Gesellschaft, sonst besteht die Gefahr von Gewaltspiralen. Ich verstehe den Reflex, dass man grausame Täter hart bestrafen will, man muss sich aber an rechtsstaatliche Prinzipien halten.

BDP-Nationalrat Bernhard Guhl fordert ein «Umdenken bei den Gutachtern»?

Das Gericht zieht Sachverständige bei, wenn ihm selber der Sachverstand fehlt. Gefragt vom Gericht ist also meine fachliche Expertise. Nicht meine persönliche Meinung. Darum ist es wenig sinnvoll, wenn Politiker Druck machen auf Gutachter.

Aber der Druck wirkt.

Tatsächlich.  Ich bin Präsident der Prüfungskommission für forensische Gutachter. Dieses Jahr haben zwei Psychiater die Prüfung bestanden. Der Nachwuchs fehlt. Obwohl Gutachten für Gerichte fachlich interessant und finanziell  lukrativ sind, ist es schwieriger geworden, Gutachter zu finden. Denn das Risiko ist gross. Liegt man einer Prognose falsch, drohen neben persönlich-moralischen Vorwürfen, gerichtliche Forderungen. Der Druck führt auch dazu, dass sich Gutachter im Zweifel für die Sicherheit aussprechen.

Im Fall Fabrice A. hat der Druck aber nicht gewirkt. Es gab keine lebenslange Verwahrung.

Das ist ein Zeichen, dass der Rechtsstaat funktioniert hat.

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