Daniel Aeschbach (SVP), Präsident des Lenzburger Bezirksgerichts, stellt nicht nur typische Richterfragen. Manchmal fragt er wie ein Journalist. Von beiden Gutachtern will er im Rupperswil-Prozess dasselbe wissen: «Sie haben in Ihrer beruflichen Tätigkeit schon tausend Gutachten erstellt. Wo liegt der aktuelle Fall in Ihrem Ranking?»

Elmar Habermeyer, Direktor der Zürcher Klinik für Forensische Psychiatrie: «Er ist einer von zehn Fällen, auf die ich am Berufsende intensiv zurückblicken werde. Es ist ein komplexer Fall, erschreckend destruktiv.»

Josef Sachs, ehemaliger Leiter der forensischen Abteilung der Aargauer Klinik Königsfelden: «Ich hatte noch nie einen Fall dieses Schweregrades von einer Person, die vor der Tat nie straffällig in Erscheinung getreten war.»

Ist Thomas N. ein Monster?

Ist Thomas N. ein Monster?

Zwei Gutachter legten ihre Einschätzungen von Thomas N. vor. Beide schreiben ihm eine Persönlichkeitsstörung zu, halten ihn aber für therapierbar.

Auch bei der wichtigsten Frage ihres Auftritts sind die beiden Gerichtspsychiater einer Meinung: Sie stufen den Beschuldigten Thomas N. als therapierbar ein. Eine Therapie sei nötig, da die Rückfallgefahr hoch sei. Sie sind sich zudem einig, dass er pädophil sei. Die sexuelle Orientierung an sich sei zwar nicht behandelbar, der Umgang damit aber sehr wohl. Ein Pädophiler könne lernen, mit seiner Neigung zu leben, ohne straffällig zu werden.

Da N. als therapierbar gilt, kommt die härteste Massnahme des Schweizer Strafrechts nicht infrage: eine lebenslängliche Verwahrung. Diese fordert Opferanwalt Markus Leimbacher. Einem Privatkläger wie ihm steht es jedoch nicht an, bei der Wahl der Massnahme mitzureden. Denn dabei handelt es sich nicht um eine Strafe. Wie Leimbacher in einer Verhandlungspause sagt, weiss er genau, dass er zu weit geht. Er mache das bewusst, um den Anliegen der Opferfamilien Gehör zu verschaffen: «Thomas N. darf nie mehr auf freien Fuss kommen.» Das Gericht könne trotz der Gutachten eine lebenslängliche Verwahrung anordnen, da die Aussagen der Psychiater vage seien, meint er.

Prozess Rupperswil - Beide Psychiater erklären Beschuldigten als therapiefähig

Prozess Rupperswil - Beide Psychiater erklären Beschuldigten als therapiefähig

Der mutmassliche Vierfachmörder von Rupperswil AG ist therapiefähig, wie beide psychiatrischen Gutachter unabhängig voneinander am Dienstag vor dem Bezirksgericht Lenzburg aussagten. Über den Erfolg einer Therapie konnten sie keine verbindlichen Aussagen machen. SDA Reporter Stefan Lanz fasst das Geschehen im Gericht zusammen.

Zwei Gutachter, zwei Diagnosen

Bei der für die lebenslängliche Verwahrung relevanten Frage sind sich die beiden Gutachter aber einig. In anderen Fragen haben sie allerdings tatsächlich Differenzen. Es beginnt bei der Einstufung der Intelligenz. Habermeyer misst bei N. einen IQ von 106 und spricht von einem «durchschnittlichen Leistungsvermögen». Sachs hingegen hält ihn für «überdurchschnittlich intelligent». Auch für die Therapiedauer verwenden sie andere Messgrössen. Habermeyer hält einen Zeitraum von «deutlich über fünf Jahren» für angebracht, während Sachs «nicht unter zehn Jahre» formuliert.

Der grösste Unterschied besteht bei der Diagnose der Störung. Die Psychiater sind sich zwar einig, dass N. eine Persönlichkeitsstörung hat und keine psychische Krankheit, die zu einer veränderten Realitätswahrnehmung führen würde wie eine Schizophrenie. Doch sie sind sich nicht einig, welche Form von Persönlichkeitsstörung vorliegt. Habermeyer diagnostiziert eine narzisstische, Sachs eine zwanghafte.

„Die Frage ist, ob wirklich eine Veränderungsbereitschaft besteht“

„Die Frage ist, ob wirklich eine Veränderungsbereitschaft besteht“

Thomas Knecht ist forensischer Psychiater. Er glaubt den zwei Gutachter, die Thomas N. für therapierbar halten.

Habermeyer erklärt die narzisstische Persönlichkeitsstörung von N. mit einem Beispiel: «Besonders eindrücklich fand ich, als ich mit ihm darüber diskutiert habe, warum es für ihn so wichtig wäre, Medizin zu studieren. Es war weniger das Fach, sondern das Renommee, das ihn interessierte.»

Sachs erklärt, er sehe die Züge einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung auch, er gewichte diese aber anders: «Ein Narzisst tritt als Blender auf, redet eloquent und sucht sich seine Bezugspersonen so aus, dass sie ihm nützlich sind.» N. hingegen habe Mühe, sich zu vernetzen. Drittpersonen würden über ihn berichten, er wirke kühl und könne einem nicht in die Augen schauen. Es gelinge ihm nicht, eine Sache vom Ende her zu denken.

Die Juristen werden ungeduldig. Welcher Psychiater hat nun recht? Habermeyer beginnt mitten im Mordprozess über Fussball zu sprechen: über die Verletzung von Stürmer-Star Neymar. Experten stritten sich, ob er einen Mittelfussbruch oder einen Haarriss habe: «Das zeigt, dass in der Medizin unterschiedliche Fallkonzepte ihre Berechtigung haben. Deshalb kann man nicht sagen, Herr Sachs habe nicht recht oder Herr Habermeyer habe recht.»

„Die Emotionslosigkeit der Schilderungen ist unerträglich“

„Die Emotionslosigkeit der Schilderungen ist unerträglich“

Markus Leimbacher ist Anwalt der Hinterbliebenen und steht im engen Kontakt mit ihnen. Sie sind froh, dass der Prozess endlich stattfindet.