Postdoktoranden sind der grosse blinde Fleck der Schweizer Wissenschaft. Es handelt sich um jene Beschäftigten an Hochschulen, die ihr Doktorat abgeschlossen, aber noch keine Professur haben. Statistisch sind sie nicht erfasst. Schätzungen gehen davon aus, dass in der Schweiz zwischen 5000 (Staatssekretariat für Bildung Forschung und Innovation, SBFI) und 27 000 (Schweizerischer Nationalfonds, SNF) Postdocs mit befristeten Verträgen tätig sind. Was man aber sicher weiss: Ihre Zahl steigt im Verhältnis zu den Professoren stetig an.

Und: Postdocs sind das Rückgrat der Schweizer Forschung. Denn sie sind effizienter und erfahrener als Doktoranden und können auch auf Projekte mit unsicherem Ausgang angesetzt werden. Zudem sind sie hoch motiviert: Sie befinden sich in einem harten Wettbewerb. Nur ein Bruchteil von ihnen wird irgendwann mal ordentlicher Professor. Gemäss einem Bericht des SBFI waren es 2011 3141.

Schallgrenze 40

Die Aussichtslosigkeit hängt mit dem «germanischen Hochschulsystem» zusammen: Es ist geprägt von einer steilen Hierarchie und grosser Abhängigkeit. Im Zentrum steht der ordentliche Professor. Neben ihm gibt es kaum feste Stellen. Dafür umso mehr Postdocs ohne langfristige Perspektive. «Sie werden instrumentalisiert, um die professorale Reputation zu steigern, statt ihnen Unabhängigkeit zu geben», sagt Caspar Hirschi, Geschichtsprofessor an der Universität St. Gallen und einer der schärfsten Kritiker des Systems. Er leitet die «Gruppe junger Forschender», die 2012 Forderungen zur Reform der akademischen Karrierewege in der Schweiz aufgestellt hat.

Das System hat mehrere Probleme. Einerseits gibt es Nachwuchsforschende, die zu lange im universitären System bleiben – ohne echte Aussicht auf eine Professur oder eine andere unbefristete Stelle an den Hochschulen. «Nach drei bis vier Jahren als Postdoc sollten die Alarmglocken läuten», sagt Hirschi. Denn mit zunehmendem Alter wird es nicht einfacher, in der Privatwirtschaft Fuss zu fassen. «Wenn man Richtung 40 Jahre geht, trägt man den Nimbus des gescheiterten Akademikers», sagt Moritz Niemann, Postdoc an der Universität Bern. In der Industrie gelte man als verbraucht, verbrannt, vorgeprägt – und überqualifiziert. Lange Postdoc-Phasen sind allerdings nicht nur für die Nachwuchsforscher schwierig, sondern auch volkswirtschaftlich problematisch, weil der Privatwirtschaft Fachkräfte entzogen werden. Andererseits führen die unsicheren Perspektiven dazu, dass die einheimischen Jungforscher lieber ganz auf eine akademische Karriere verzichten. «In der Postdoc-Phase ist der Ausländeranteil am höchsten, weil die Schweizer nicht mehr bereit dazu sind», sagt Hirschi.

Schneller in die Unabhängigkeit

Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Schweizer Hochschulen den heimischen Nachwuchs besser fördern müssen. «In der Vergangenheit stand die Internationalität im Zentrum», sagt Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel und Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS). Doch seit zwei, drei Jahren würden die hiesigen Hochschulen vermehrt auf inländische Nachwuchsforscher setzen. Das wichtigste Mittel dazu ist die Schaffung von Assistenzprofessuren mit «tenure track». Nach vier bis fünf Jahren auf solch einem Posten besteht die Aussicht auf eine ordentliche Professur. Dadurch erhalten die jungen Forscher eine klare Karriereperspektive und wissenschaftliche Unabhängigkeit.

Trotz dem Bekenntnis der Hochschulen will das Parlament den Druck aber hochhalten – und den Wandel wohl auch mitfinanzieren. Heute behandelt der Ständerat ein Postulat seiner Wissenschaftskomission. Mit diesem soll der Bund beauftragt werden, einen substanziellen Beitrag zu leisten, damit mehr Assistenzprofessuren mit «tenure track» geschaffen werden. Wie ein solches Sonderprogramm aussehen könnte, wird derzeit zwischen SBFI, CRUS und dem SNF diskutiert. Letzterer kann durch das Sprechen von Fördermitteln indirekt auf das System Einfluss nehmen. Beim SNF erachtet man den Umbau als sinnvoll: «Eine frühe wissenschaftliche Unabhängigkeit ist wichtig, um sich profilieren zu können und eigene Forschungsideen umzusetzen.» Das befruchte den hiesigen Forschungsplatz.