Bundesratswahl
Grünen-Angriff auf Cassis: Der Tessiner Bundesrat spielt die Minderheitenkarte

Aussenminister Cassis hat sich eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt: Er spielt die Minderheitenkarte. Und erhält im Tessin teilweise Support.

Doris Kleck
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Bundesrat Ignazio Cassis ist in der Europafrage so isoliert wie sein Vorgänger Didier Burkhalter.

Bundesrat Ignazio Cassis ist in der Europafrage so isoliert wie sein Vorgänger Didier Burkhalter.

Anthony Anex/Key

Die Grünen-Präsidentin will den Sitz von Aussenminister Ignazio Cassis erobern. Das kommt nicht überraschend: Die Linke kritisiert den FDP-Bundesrat seit seiner Wahl in die Landesregierung vor zwei Jahren. Er verkörpert für sie die rechte Mehrheit in der Landesregierung ­– und verlorenen Einfluss. Allen voran die persönlichen Angriffe von SP-Präsident Christian Levrat sind fast schon legendär. Indem die Grünen-­Präsidentin Rytz nur Cassis, nicht aber die zweite Freisinnige Karin Keller-Sutter angreift, übernimmt sie Levrats Erzählung vom schwachen Tessiner Bundesrat.

Der Aussenminister hat sich eine Verteidigungsstrategie zurechtgelegt. Zwar verneinte er in einem Interview mit dem «Sonntags-Blick» Wahlkampf zu betreiben. So richtig glauben mag man ihm das aber nicht. Auffällig oft spricht Cassis über seine Probleme als Vertreter einer Minderheit. Er fühle sich als Tessiner «absolut benachteiligt», sagte er: «Das spüre ich als Bundesrat so stark wie nie zuvor. Die Minderheiten sind sympathisch für die 1.-August-Reden. Wenn es aber um Machtteilung geht, spielen sie keine Rolle mehr.» Im Tele Züri begründete er, weshalb er und nicht Keller-Sutter die Zielscheibe sei: «Ich bin anders, komme aus einer anderen Kultur, einer anderen Sprache. Das ist schon mal ein Unterschied, und Unterschiede stören auch.» Und weiter: «Man ist nicht immer für die Vielfalt, man versucht heute, im Mainstream zu sein, dann fühlt man sich in einer Komfortzone wohl.» Die holprig formulierten Sätze zeigen zweierlei: Erstens ist es für Cassis tatsächlich nicht einfach, permanent in den Fremdsprachen zu reden. Die Präzision fehlt. Und zweitens fühlt er sich als Tessiner missverstanden.

Tessiner sprechen von Medienkampagne

Im Tessin hat Cassis Rückhalt. Just am Tag, als Rytz ihren Angriff verkündete, publizierte der Chefredaktor des «Corriere del Ticino» eine Analyse. Darin schreibt er von einer Medienkampagne ennet des Gotthards gegen den Bundesrat der italienischen Schweiz, die stärker werde. Und die ernst zu nehmen sei. Zumal am Sonntag der Tessiner Ständerat Filippo Lombardi abgewählt worden ist. Der Fraktionschef der CVP galt quasi als Bollwerk für die Verteidigung von Cassis. Denn die Christdemokraten sind Mehrheitsmacher: Sie entscheiden, ob die Grünen einen Sitz bekommen oder nicht. Ohne Lombardi, so die Befürchtung, könnten sich die CVPler zu einer Abwahl Cassis' hinreissen lassen. Diese Überlegung machten sich dem Vernehmen nach auch die Spitzen der Grünen. Eine Abwahl nach nur 25 Monaten im Amt und nach 19 Jahren ohne Tessiner Bundesrat wäre für den «Corriere del Ticino» eine «antischweizerische Entscheidung».

So denkt auch der Tessiner CVP-Nationalrat Marco Romano. Rytz müsse man zurück in die Mittelschule schicken, um etwas Staatskunde nachzuholen. «In der Verfassung steht ganz klar, dass die Landessprachen und Landesgegenden angemessen vertreten sein müssen», sagt Romano. Er nennt den Angriff der Grünen-Präsidentin respektlos gegenüber der Vielfalt der Schweiz. Der CVPler sagt zwar: «Ich bin kein Fan von Cassis’ Politik.» Aber er stört sich daran, dass Cassis als Tessiner beurteilt wird. Rytz selbst sagt, sie könne verstehen, dass die Tessiner in der Landesregierung vertreten sein wollen. Doch man könne halt nicht alle Ansprüche auf einmal erfüllen. Die Grüne vertröstet die Tessiner auf später. «Wir haben lange für diesen Sitz gekämpft», sagt hingegen der ehemalige FDP-Präsident Fulvio Pelli. Das Tessin wäre sicher nicht glücklich über eine Abwahl, doch die Diskussion über die Cassis-Frage beginne erst langsam. Der Südkanton schickt neun Vertreter nach Bern. Es ist davon auszugehen, dass die drei linken für Rytz votieren werden. Noch nicht geäussert hat sich ausgerechnet die neue SP-Ständerätin Marina Carrobio. Sie versteckt sich noch hinter ihrem Amt als Nationalratspräsidentin.

Carrobio wäre für den ehemaligen Tessiner SP-Fraktionschef Franco Cavalli eine valable Nachfolgerin für SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Der Marxist Cavalli macht keinen Hehl daraus, dass er lieber eine gute Grüne Bundesrätin hätte, als einen schlechten Tessiner in der Regierung, weil ihm Cassis' Politik nicht gefällt. «Es würde mich zwar schmerzen, keine Tessiner Vertretung mehr im Bundesrat zu haben, aber es kommen bald wieder neue Möglichkeiten», sagt Cavalli. In einem Punkt gibt er Cassis aber recht: «Tessiner politisieren anders. Und dieser Stil wird von den Deutschschweizern nicht immer goutiert.»

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019
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Celio, Enrico CVP - Tessin - 1940 bis 1950
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Etter, Philipp CVP - Zug - 1934 bis 1959
Baumann, Johannes FDP - Appenzell Ausserrhoden - 1934 bis 1940
Meyer, Albert FDP - Zürich - 1929 bis 1938
Minger, Rudolf BGB (Vorgängerin der SVP) - Bern - 1929 bis 1940
Pilet-Golaz, Marcel FDP - Waadt - 1928 bis 1944
Häberlin, Heinrich FDP - Thurgau - 1920 bis 1934
Chuard, Ernest FDP - Waadt - 1919 bis 1928
Musy, Jean-Marie CVP - Freiburg - 1919 bis 1934
Scheurer, Karl FDP - Bern - 1919 bis 1929
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Calonder, Felix-Louis FDP - Graubünden - 1913 bis 1920
Decoppet, Camille FDP - Waadt - 1912 bis 1919
Schulthess, Edmund FDP - Aargau - 1912 bis 1935
Perrier, Louis FDP - Neuenburg - 1912 bis 1913
Motta, Giuseppe CVP - Tessin - 1911 bis 1940
Hoffmann, Arthur FDP - St.Gallen - 1911 bis 1917
Schobinger, Josef Anton CVP - Luzern - 1908 bis 1911
Forrer, Ludwig FDP - Zürich - 1902 bis 1917
Comtesse, Robert FDP - Neuenburg 1899 bis 1912
Ruchet, Marc-Emile FDP - Waadt - 1899 bis 1912
Brenner, Ernst FDP - Basel-Stadt - 1897 bis 1911
Müller, Eduard FDP - Bern - 1895 bis 1919
Ruffy, Eugène FDP - Waadt - 1893 bis 1899
Lachenal, Adrien FDP - Genf - 1892 bis 1899
Zemp, Joseph CVP - Luzern - 1891 bis 1908
Frey, Emil FDP - Basel-Land - 1890 bis 1897
Hauser, Walter FDP - Zürich - 1888 bis 1902
Deucher, Adolf FDP - Thurgau - 1883 bis 1912
Ruchonnet, Antoine Louis John FDP - Waadt - 1881 bis 1893
Hertenstein, Wilhelm FDP - Zürich - 1879 bis 1888
Bavier, Simeon FDP - Graubünden - 1878 bis 1883
Droz, Numa FDP - Neuenburg - 1875 bis 1892
Anderwert, Fridolin FDP - Thurgau - 1875 bis 1880
Hammer, Bernhard FDP - Solothurn - 1875 bis 1890
Heer, Joachim FDP - Glarus - 1875 bis 1878
Borel, Eugène FDP - Neuenburg - 1872 bis 1875
Scherer, Johann Jakob FDP - Zürich - 1872 bis 1878
Ceresole, Paul FDP - Waadt - 1870 bis 1875
Ruffy, Victor FDP - Waadt - 1867 bis 1869
Welti, Emil FDP - Aargau 1866 bis 1891
Challet-Venel, Jean-Jacques FDP - Genf - 1864 bis 1872
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Fornerod, Constant FDP - Waadt - 1855 bis 1867
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Franscini, Stefano FDP - Tessin - 1848 bis 1857
Frey-Herosé, Friedrich FDP - Aargau - 1848 bis 1866
Furrer, Jonas FDP - Zürich - 1848 bis 1861
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Keystone