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Grünen-Angriff auf Bundesrat Cassis: Das sind die zwei Handicaps von Regula Rytz

Die Grünen wollen in den Bundesrat - und zwar mit Präsidentin Regula Rytz. Sie will den FDP-Bundesrat Ignazio Cassis angreifen. Die zweite FDP-Vertreterin in der Landesregierung, Karin Keller-Sutter, will sie verschonen.

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Sie will: Die Präsidentin der Grünen kündigt vor den Medien an, dass sie für den Bundesrat kandidiert.

Sie will: Die Präsidentin der Grünen kündigt vor den Medien an, dass sie für den Bundesrat kandidiert.

Peter Klaunzer/Keystone

Nun also doch. Regula Rytz, das Gesicht der grünen Welle, sagt: «Ich bin bereit.» Lange hatte sie geschwiegen, den Anspruch der Grünen auf einen Bundesratssitz trotz historischem Wahlerfolg nur zögerlich gestellt. Gestern wagte sich die Parteipräsidentin aus der Deckung – und kündigte ihre eigene Kandidatur an.

Die grüne Welle soll die 57-jährige Bernerin in die Landesregierung tragen. Sie wolle sich «als Bundesratskandidatin zur Verfügung stellen und Verantwortung übernehmen, für die Menschen und für die Natur», sagte sie.

Grüne wollen sich nicht gedulden

Die Fraktion entscheidet formell erst heute Freitag, ob die Grünen überhaupt antreten, wen sie ins Rennen schicken – und welchen Sitz sie angreifen. Mit ihrer Kandidatur hat Rytz aber vorgespurt und die Strategie ein gutes Stück weit vorweggenommen. Die Grünen gehörten nach dem Wahlsieg in den Bundesrat, erklärte sie.

Zusammen mit den Grünliberalen kommen die Grünen neu auf 21 Prozent Wähleranteil, betonte sie. «Nach einer solchen Richtungswahl kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.» Angesichts der Dringlichkeit der Klimakrise müssten die Grünen jetzt einen Sitz erhalten – und nicht erst in vier Jahren.

Die Grünen nehmen die FDP ins Visier, genauer gesagt: den Sitz von Ignazio Cassis. Rytz machte gestern klar, dass sie nur auf den Sitz des Tessiners zielt. Dieser muss sich als erster der beiden FDP-Bundesräte der Wiederwahl stellen. Karin Keller-Sutter anzugreifen, mache keinen Sinn, wenn der erste Angriff misslinge, argumentierte Rytz. Sie fügte an:

Es ist auch eine Frage der Frauen.

Das Argument ist allerdings heikel. Denn immerhin wären bei einer Wahl von Rytz anstelle von Keller-Sutter nach wie vor drei Frauen im Bundesrat. Hingegen würde mit der Abwahl von Cassis der einzige Tessiner aus der Regierung fliegen.

Die zwei Handicaps der Regula Rytz

Eines erstaunt an Rytz’ Kandidatur: der Zeitpunkt der Ankündigung. Seit Wochen wurde sie als Anwärterin gehandelt, stets betonte sie, zunächst müsse die Fraktion entscheiden. Diese hatte vor zwei Wochen zwar den Auftrag gegeben, nach Kandidaten zu suchen; formell beschlossen ist der Angriff auf Cassis’ Sitz aber noch nicht. Das Vorgehen der Grünen-Präsidentin wirft daher Fragen auf – zumindest bei der politischen Konkurrenz. Die neu gewählte Luzerner CVP-Ständerätin Andrea Gmür twitterte:

Rytz selbst kündigte ihre Kandidatur an, wie man es von einer seriösen Schafferin erwartet: Sie begann die Medienkonferenz auf die Minute pünktlich, lieferte nüchtern Argument um Argument, sprach auch auf Französisch, wie es sich als Bundesratskandidatin gehört. Und zählte auf, was sie mitbringt, um Bundesrätin zu werden: Sie habe erfolgreich eine Partei geführt und als Mitglied der Stadtberner Regierung gezeigt, dass sie Allianzen schmieden könne, erklärt sie.

Tatsächlich bringt Rytz einiges an Rüstzeug für den Bundesrat mit. Gegen sie spricht aber ihr politisches Profil und ihre Herkunft. Gemäss einer NZZ-Auswertung politisiert sie am äussersten linken Rand des Parlaments. Und sie wohnt wie Simonetta Sommaruga in der Stadt Bern.

Aufgewachsen ist Rytz in einem bürgerlichen Umfeld in Thun. Sie machte erst das Lehrerpatent, studierte später Geschichte. Die grünen Werte lebt sie vor: Den Führerschein hat sie nicht, geflogen ist sie gemäss ihren Angaben erst fünfmal. Vergangenen Sonntag scheiterte sie im zweiten Wahlgang für den Ständerat.

Die grosse Zurückhaltung

Scheitern dürfte auch ihr Angriff auf Cassis’ Sitz. Die Grünen bräuchten die Unterstützung der CVP. Vertreter der Partei zeigten bisher aber wenig Lust, den Grünen auf Kosten der FDP zu einem Sitz zu verhelfen. Gestern hielten sich die Parteien bedeckt; sie wollen heute und morgen darüber diskutieren. Von der SVP können die Grünen indes kaum Hilfe erwarten – und von der FDP schon gar nicht.

Selbst bei den Grünliberalen ist offen, ob sie Rytz unterstützen. Die Fraktion will das heute Freitag ein erstes Mal diskutieren. «Den Entscheid kann und will ich nicht vorwegnehmen», sagt Präsident Jürg Grossen. Rytz verwies in ihrer Ankündigung darauf, dass die Grünen gemeinsam mit den Grünliberalen auf 21 Prozent Wähleranteil kommen.

Eine gemeinsame Kandidatur ist es indes nicht, wie Grossen bestätigt. Angesichts des Klimaproblems könne er nachvollziehen, dass Rytz die beiden Wähleranteile zusammenrechne, sagt er. «In Fragen ausserhalb der Klimapolitik haben wir aber auch grosse Differenzen zu den Grünen.» Die GLP sei aber – wie schon nach den Wahlen gesagt – offen, eine Lösung zu suchen, um den Wählerwillen im Bundesrat rechnerisch besser abzubilden.

Die One-Woman-Show der Bernerin

Mit einer Kandidatur vom rechten Parteiflügel hätten die Grünen vermutlich bessere Chancen als mit Rytz. Theoretisch könnten sich noch weitere grüne Kandidaten melden. Doch gegen die Präsidentin will offensichtlich niemand antreten. Mögliche Anwärter haben sich nach Rytz’ Ankündigung aus dem Rennen genommen. Der Zürcher Nationalrat Bastien Girod teilte mit, er habe sich eine Kandidatur «sehr ernsthaft überlegt». Er schätze aber, dass Rytz gute Erfolgsaussichten habe – und trete «darum diesmal nicht an».

Ganz ähnlich klingt es bei der ehemaligen Zuger Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard. Sie hat das Handicap, dass sie eben erst in den Nationalrat gewählt wurde. Auch sie erklärte gestern, sie werde nicht antreten, denn:

Regula Rytz ist die logische Kandidatin der Grünen.

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019
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Parmelin, Guy SVP - Waadt - 2015 bis heute
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Sommaruga, Simonetta SP - Bern - 2010 bis heute
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Blocher, Christoph SVP - Zürich - 2003 bis 2007
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Calmy-Rey, Micheline SP - Genf - 2002 bis 2011
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Metzler, Ruth CVP - Appenzell Innerrhoden - 1999 bis 2003
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Dreifuss, Ruth SP - Genf - 1993 bis 2002
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Schlumpf, Leon SVP - Graubünden - 1979 bis 1987
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Graber, Pierre SP - Neuenburg - 1969 bis 1978
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Bonvin, Roger CVP - Wallis - 1962 bis 1973
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Bourgknecht, Jean CVP - Freiburg - 1959 bis 1962
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Tschudi, Hans Peter SP - Basel-Stadt - 1959 bis 1973
von Moos, Ludwig CVP - Obwalden - 1959 bis 1971
Wahlen, Friedrich Traugott SVP - Bern - 1958 bis 1965
Chaudet, Paul FDP - Waadt - 1954 bis 1966
Holenstein, Thomas CVP - St.Gallen - 1954 bis 1959
Lepori, Giuseppe CVP - Tessin - 1954 bis 1959
Streuli, Hans FDP - Zürich - 1953 bis 1959
Feldmann, Markus SVP - Bern - 1951 bis 1958
Weber, Max SP - Zürich - 1951 bis 1953
Escher, Josef CVP - Wallis - 1950 bis 1954
Rubattel, Rudolphe FDP - Waadt - 1947 bis 1954
Petitpierre, Max FDP - Neuenburg - 1944 bis 1961
Nobs, Ernst SP - Zürich - 1943 bis 1951
Kobelt, Karl FDP - St.Gallen - 1940 bis 1954
von Steiger, Eduard SVP - Bern - 1940 bis 1951
Stampfli, Walter FDP - Solothurn - 1940 bis 1947
Celio, Enrico CVP - Tessin - 1940 bis 1950
Wetter, Ernst FDP - Zürich - 1938 bis 1943
Obrecht, Hermann FDP - Solothurn - 1935 bis 1940
Etter, Philipp CVP - Zug - 1934 bis 1959
Baumann, Johannes FDP - Appenzell Ausserrhoden - 1934 bis 1940
Meyer, Albert FDP - Zürich - 1929 bis 1938
Minger, Rudolf BGB (Vorgängerin der SVP) - Bern - 1929 bis 1940
Pilet-Golaz, Marcel FDP - Waadt - 1928 bis 1944
Häberlin, Heinrich FDP - Thurgau - 1920 bis 1934
Chuard, Ernest FDP - Waadt - 1919 bis 1928
Musy, Jean-Marie CVP - Freiburg - 1919 bis 1934
Scheurer, Karl FDP - Bern - 1919 bis 1929
Haab, Robert FDP - Zürich - 1917 bis 1929
Ador, Gustave Liberale Partei - Genf - 1917 bis 1919
Calonder, Felix-Louis FDP - Graubünden - 1913 bis 1920
Decoppet, Camille FDP - Waadt - 1912 bis 1919
Schulthess, Edmund FDP - Aargau - 1912 bis 1935
Perrier, Louis FDP - Neuenburg - 1912 bis 1913
Motta, Giuseppe CVP - Tessin - 1911 bis 1940
Hoffmann, Arthur FDP - St.Gallen - 1911 bis 1917
Schobinger, Josef Anton CVP - Luzern - 1908 bis 1911
Forrer, Ludwig FDP - Zürich - 1902 bis 1917
Comtesse, Robert FDP - Neuenburg 1899 bis 1912
Ruchet, Marc-Emile FDP - Waadt - 1899 bis 1912
Brenner, Ernst FDP - Basel-Stadt - 1897 bis 1911
Müller, Eduard FDP - Bern - 1895 bis 1919
Ruffy, Eugène FDP - Waadt - 1893 bis 1899
Lachenal, Adrien FDP - Genf - 1892 bis 1899
Zemp, Joseph CVP - Luzern - 1891 bis 1908
Frey, Emil FDP - Basel-Land - 1890 bis 1897
Hauser, Walter FDP - Zürich - 1888 bis 1902
Deucher, Adolf FDP - Thurgau - 1883 bis 1912
Ruchonnet, Antoine Louis John FDP - Waadt - 1881 bis 1893
Hertenstein, Wilhelm FDP - Zürich - 1879 bis 1888
Bavier, Simeon FDP - Graubünden - 1878 bis 1883
Droz, Numa FDP - Neuenburg - 1875 bis 1892
Anderwert, Fridolin FDP - Thurgau - 1875 bis 1880
Hammer, Bernhard FDP - Solothurn - 1875 bis 1890
Heer, Joachim FDP - Glarus - 1875 bis 1878
Borel, Eugène FDP - Neuenburg - 1872 bis 1875
Scherer, Johann Jakob FDP - Zürich - 1872 bis 1878
Ceresole, Paul FDP - Waadt - 1870 bis 1875
Ruffy, Victor FDP - Waadt - 1867 bis 1869
Welti, Emil FDP - Aargau 1866 bis 1891
Challet-Venel, Jean-Jacques FDP - Genf - 1864 bis 1872
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Dubs, Jakob FDP - Zürich - 1861 bis 1872
Pioda Battista, Giovanni FDP - Tessin - 1857 bis 1864
Knüsel, Josef Martin FDP - Luzern - 1855 bis 1875
Fornerod, Constant FDP - Waadt - 1855 bis 1867
Stämpfli, Jakob FDP - Bern 1854 bis 1863
Druey, Daniel-Henri FDP - Waadt - 1848 bis 1855
Franscini, Stefano FDP - Tessin - 1848 bis 1857
Frey-Herosé, Friedrich FDP - Aargau - 1848 bis 1866
Furrer, Jonas FDP - Zürich - 1848 bis 1861
Munzinger, Martin J. FDP - Solothurn - 1848 bis 1855
Naeff, Wilhelm Matthias FDP - St. Gallen - 1848 bis 1875
Ochsenbein, Ulrich FDP - Bern - 1848 bis 1854

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019

Keystone