Nach der Initiative für eine «Grüne Wirtschaft» und der «Atomausstiegsinitiative» ist Ihre Partei mit einer weiteren Volksinitiative gescheitert. Es scheint, als hätten die Ideen der Grünen vor dem Volk keine Chance.

Regula Rytz: Unsere Initiativbilanz ist verglichen mit anderen Parteien und Organisationen gut. Auch bei der Fair-Food-Initiative kommen wir auf fast 40 Prozent Zustimmung. Wie andere Volksbegehren hat auch die Fair-Food-Initiative zudem wichtige Ziele bereits vor der Abstimmung erreicht. Wir konnten mit dem Gegenvorschlag zur Ernährungssicherheit den nachhaltigen Handel in der Verfassung verankern. Damit sind die Pläne von Johann Schneider-Ammann für einen schrankenlosen und aggressiven Freihandel blockiert. Im Laufe der Fair-Food-Kampagne hat der Bundesrat weitere Zugeständnisse gemacht, etwa beim geplanten Mercosur-Abkommen. Aber natürlich muss es unser Ziel sein, mehrheitsfähig zu werden.

Dafür müssen Sie das Volk von der Selbstbeschränkung überzeugen, die bei grüner Politik dazugehört.

Dass die Fair-Food-Initiative zu einer Verknappung und einer Verteuerung des Lebensmittelangebots geführt hätte, ist falsch. Es wären einzelne tierquälerische Angebote verschwunden. Stattdessen hätten bäuerliche Genossenschaften aus Entwicklungsländern neue Produkte auf den Markt bringen können. Die immer stärker industrialisierte Landwirtschaft mit ihrem immer höheren Gifteinsatz geht zulasten der natürlichen Ressourcen. Wenn wir dafür und in der Klimapolitik keine besseren Lösungen finden, dann müssen wir uns um die Lebensqualität künftiger Generationen sorgen.

Eine Lösung wäre die Verkleinerung des ökologischen Fussabdrucks, das geht mit Verzicht einher. Noch einmal: Wie wollen Sie die Bevölkerung dafür gewinnen?

Indem wir aufzeigen, dass es keine Alternativen gibt. Wir haben noch wenige Jahre Zeit für einen Kurswechsel. Als Konsumenten und Bewohner eines reichen Landes müssen wir alle mehr Verantwortung übernehmen. Wenn die natürlichen Ressourcen begrenzt sind, kann man nicht immer mehr davon verbrauchen. Wir Grünen müssen die Zusammenhänge hartnäckig aufzeigen. Irgendwann wird die Diskussion kippen. Der Hitzesommer hat bereits dafür gesorgt, dass die Idee einer Abgabe auf Flugtickets an Zustimmung gewinnt. Vor 30 Jahren haben wir in der Stadt Bern eine Veloinitiative lanciert. Man hat gesagt, das sei eine Spinnerei. Nun ist der Bundesbeschluss über die Velowege klar durchgekommen. Das haben wir ausgiebig gefeiert.

Initiativen für eine grünere Landwirtschaft liegen im Trend. Zwei Initiativen, die sich gegen den Pestizideinsatz richten, sind bereits eingereicht. Wie werden sich die Grünen hier engagieren?

Wir wollen eine Landwirtschaftspolitik, die umwelt- und tierfreundlich ist. Dafür braucht es endlich Fortschritte beim problematischen Pestizideinsatz. Dazu müssen wir stärker mit den fortschrittlichen Bäuerinnen und Bauern zusammenarbeiten. Sie sollen auch in Zukunft ein existenzsicherndes Einkommen und faire Preise haben. Ziel muss es sein, zusammen mit der Landwirtschaft im Rahmen eines Gegenvorschlags Lösungen zu entwickeln.

Bei den Wahlen 2015 stand die Flüchtlingsthematik zuoberst auf der Agenda, die Grünen gehörten zu den Verlierern. Wie wollen Sie die grünen Themen im Vorfeld der Wahlen im kommenden Jahr ins Gespräch bringen?

Wir haben seit 2015 auf kantonaler Ebene zugelegt. Nur die FDP war noch erfolgreicher. Unsere Wahl- und Abstimmungserfolge verdanken wir einer Politik, die auf zwei Beinen steht. Das eine ist die ökologische Frage, dort sind und bleiben die Grünen die erste Adresse. Unser zweites Standbein ist der Kampf gegen die sozialen Gräben, gegen die ungerechte Verteilung von Vermögen und Einkommen. Wir stehen für eine Politik der Vielfalt und gegen die Ausgrenzungsparolen der Rechtspopulisten. 2019 wird eine Klimawahl. Einerseits geht es um das Weltklima und andererseits um das soziale Klima in unserem Land. Unser Ziel bleibt unverändert: Mindestens vier Sitzgewinne und ein Wähleranteil von neun Prozent.

Plus vier Sitze bedeutete 16 Sitze und damit weniger als von 2007 bis 2011. Trotzdem haben die Grünen bereits Bundesratsambitionen angemeldet. Mit welcher Rechtfertigung?

Wir werden sicher nur ins Rennen steigen, wenn wir eine reelle Chance sehen. Das wiederum hängt stark davon ab, wie sich die politischen Gewichte insgesamt verschieben. Also zum Beispiel vom Abschneiden der CVP, die sich im Rückwärtsgang befindet.

Das heisst, die Grünen müssen die CVP überholen und viertgrösste Partei werden, um einen Anspruch erheben zu können?

Ja. Aber die Bundesratsfrage steht für die Grünen nicht im Fokus, das interessiert vor allem die Medien. Für uns steht die inhaltliche Arbeit in den Kantonen und Städten im Vordergrund und dass unsere Lösungen mehrheitsfähig werden.