Frau Rytz, Sie stehen vor einem wichtigen Entscheid. Übernehmen Sie das Präsidium des VerkehrsClubs der Schweiz (VCS)? Oder führen Sie die Grünen in die Wahlen?

Regula Rytz: Die Grünen erneuern im Frühling das Präsidium wieder für zwei Jahre. Ich habe mich dafür entschieden, die Partei als Präsidentin in die Wahlen 2019 zu führen.

Weshalb?

Mit Adèle Thorens habe ich die Grünen in den letzten sechs Jahren wieder auf Erfolgskurs gebracht. Wir konnten Themen setzen mit der grünen Wirtschaft, der Energiewende, fairem Handel und gerechter Steuerpolitik. Gleichzeitig gelang es uns, einen Generationenwechsel herbeizuführen. Wenn im März Michael Töngi Louis Schelbert ersetzt, sind wir die jüngste Fraktion mit dem höchsten Frauenanteil. Wir haben junge Talente wie Sibel Arslan, Irene Kälin oder Lisa Mazzone. In einer solchen Phase der Erneuerung braucht es erfahrene Kräfte, die als Drehscheibe dafür sorgen, dass sich die junge Generation inhaltlich profilieren kann.

Wird Mazzone VCS-Präsidentin?

Sie ist ja bereits Vizepräsidentin des VCS und überlegt sich eine Kandidatur. Ohne Verkehrswende gibt es keine vernünftige Klimapolitik.

Was wollen Sie mit den Grünen in den Wahlen 2019 erreichen?

Den Aufwärtstrend fortsetzen und Sitze gewinnen. Wir haben in den letzten zwei Jahren in den kantonalen Wahlen prozentual am stärksten zugelegt, gewannen 14 Sitze in den Kantonsräten. Und gemäss SRG-Wahlbarometer sind wir jene Partei, die am stärksten zulegt: von 7,1 auf 8,1 Prozent. Natürlich müssen wir den Trend noch bestätigen. Doch die Dynamik läuft für uns. Es liegen bis zu 9 Prozent drin.

Die Grünen wollen der FDP einen Bundesrats-Sitz wegschnappen?

Die FDP ist die am stärksten übervertretene Partei im Bundesrat. Ein grüner Sitz würde also auf ihre Kosten gehen. Unser erstes Ziel ist es aber, stärker zu werden, damit die grünen Themen mehr Schub erhalten.

Die Situation scheint fragiler als auch schon. Wie sehen Sie das?

Ja. Das Abstürzen der Unternehmenssteuerreform III war ein wichtiges Zeichen für den Wandel. Das zeigte, dass wir schlechte Entwicklungen mit der Bevölkerung zusammen verhindern können. Das Parlament zieht den Rechtsrutsch in der Wirtschafts- und Finanzpolitik hart durch. Auch die Zweitauflage der Unternehmenssteuerreform geht in die falsche Richtung. Wieder sollen Steuererleichterungen für internationale Konzerne mit massiven Kürzungen im Bereich Bildung und Gesundheit erkauft werden. Ein weiteres Referendum ist möglich.

Die Gemeindewahlen im Aargau führten zu einem Linksrutsch. Siegerin war die SP. Könnte sie das auch bei den Wahlen 2019 werden?

Wir hatten in der Romandie ähnliche Erdrutschsiege. In der Waadt gewannen wir 2016 in den Gemeinden 24 Prozent zusätzliche Mandate. In den Kantonen, in denen es 2015 noch vor den nationalen Wahlen zu einem Rechtsrutsch kam – wie etwa in Baselland – zeigt sich eine interessante Entwicklung: Die Bevölkerung lehnt die Abbaupolitik der bürgerlichen Mehrheit fast an jedem Abstimmungswochenende ab. Deshalb besteht eine grosse Chance, dass wir die unsoziale Politik des bürgerlichen Schulterschlusses 2019 auch national korrigieren können.

Im Seitenwagen der SP?

Nein. Wir ergänzen uns sehr gut, haben unterschiedliche Schwerpunkte. Wir Grünen setzten in den letzten zwei Jahren mit der Atomausstiegs-Initiative und der Initiative für eine grüne Wirtschaft unsere eigenen Themen. 2019 stehen Klimaschutz und fairer Handel im Vordergrund. Die SP hingegen plant eine Initiative im Bereich der Gesundheitskosten.

Für Sie ist nicht mehr so ganz klar, wo die SP das Hauptthema setzt?

Die SP ist eine Partei mit unterschiedlichen Flügeln. Spricht Chantal Galladé über Sicherheitspolitik, ist das weit weg von den Grünen, aber auch von einem Teil der SP. Aufgrund ihrer Breite ist die SP nicht immer einfach lesbar. Was klar ist: Wir setzen uns gemeinsam für eine soziale Steuerpolitik und für einen guten Service public ein.

Was ist der zentrale Unterschied zwischen Grünen und SP?

Differenzen gibt es sicher in der Gewichtung der Umweltpolitik: Wer ein starkes ökologisches Bewusstsein hat, wählt grün. Viel klarer sind die Grünen aber auch in der Grundrechtspolitik, beim Datenschutz und bei Netzsperren. Es gibt einen weiteren Punkt.

Was?

Die Grünen sind offener, wenn es um innovative neue Vorschläge wie das garantierte Grundeinkommen geht. Mit der Digitalisierung und der forcierten Globalisierung kommen ja grosse Umbrüche in der Arbeitswelt und der Mobilität auf uns zu. Arbeitsplätze werden wegrationalisiert. Es braucht deshalb neue Einkommensquellen wie das Grundeinkommen. Die Grünen haben als einzige Partei die nationale Volksinitiative dazu unterstützt.

Die Stadt Zürich wird zum Labor auch der Grünen?

Die grüne Verkehrspolitik hat eine Renaissance der Städte ausgelöst. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Grünen in Städten wie Zürich sehr stark sind. Die Städte sind das Labor für die gesellschaftliche Erneuerung. Wir Grünen wollen hier die Chancen der Digitalisierung nutzen und setzen auf Teil-Netzwerke im Verkehr und bei den Dienstleistungen. So kann der Konsum umweltfreundlicher und sozialer werden.

Ihnen liegen Frauenfragen sehr am Herzen. Werden Sie Frauenallianzen verstärkt fördern?

Ohne das Engagement auch der bürgerlichen Frauen gäbe es in der Schweiz keine Mutterschaftsversicherung und keine Straffreiheit beim Schwangerschaftsabbruch. Leider schlief die Zusammenarbeit in den letzten Jahren etwas ein. Die Bereitschaft der Frauen, über Parteigrenzen hinweg zusammenzuspannen, kehrt aber zurück. Etwa bei der Lohngleichheit oder beim Frauenanteil in Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen. Ich bin überzeugt, dass wir in einer überparteilichen Frauenallianz Mehrheiten finden können für die nötigen Reformen. Das ist sehr wichtig, um das einengende traditionelle Familienbild der Schweiz zu öffnen.