Wahlsieg

Grünen-Präsidentin Regula Rytz spricht von «Wahnsinn» – Protokoll eines aussergewöhnlichen Tages

Regula Rytz wahrend der Elefantenrunde. (KEY/Anthony Anex)

Regula Rytz wahrend der Elefantenrunde. (KEY/Anthony Anex)

Die Grünen haben bei den nationalen Wahlen ein historisches Wahlergebnis eingefahren. Das Protokoll eines aussergewöhnlichen Tags im Bundeshaus.

Es ist kurz vor 12 Uhr an diesem Tag, den es nur alle vier Jahre gibt. Doch davon, dass es um alles geht, ist im Bundeshaus noch nicht viel zu spüren. Da ein Scheinwerfer, der in Stellung gebracht, dort ein Kabel, das ausgerollt wird. Sonst wartet Bern, es braucht Ergebnisse, damit das Bundeshaus in Gang kommt. Ausgezählte Stimmen, Prozente, harte Fakten. Die muss das Land liefern, die Dörfer und Städte. Doch dort stehen noch Leute vor den Urnen, und in den Wahlbüros sind Tausende Helfer damit beschäftigt, die Wahlzettel auszuwerten.

Politiker gibt es noch kaum zu sehen im Bundeshaus. Irgendwann, es ist kurz nach Mittag, taucht Balthasar Glättli auf, der Fraktionschef der Grünen. Für ihn soll es ein guter Tag werden, alle Umfragen sagen das voraus. Glättli, der Zürcher Nationalrat, eilt in einen Lift, von dort ins Zimmer seiner Fraktion. Er sagt, er sei nervös, seit gestern, «und in der Nacht bin ich aufgewacht, um vier Uhr». Es wird nicht lange dauern, bis Glättlis Nervosität kleiner und kleiner wird. Und dann ganz verschwindet.

Nichts ahnende Touristen

Vor dem Bundeshaus steht ein Touristenpaar auf dem Bundesplatz. Sie posiert, er drückt ab. Die beiden sind aus Thailand angereist. Als sie hören, dass in diesem Land gerade gewählt wird, staunen sie. «Nein, das spürt man kein bisschen», sagt der junge Mann. Drinnen, im Bundeshaus, gewinnt der Abstimmungssonntag an Konturen, und langsam kehrt Leben ein. Die Kameras drehen sich jetzt nicht mehr ins Leere, sondern nach Politikern.

Es sieht gut aus für die grünen Parteien und schlecht für die SVP: Minus sechs Prozent im Aargau, sagt eine Hochrechnung. In Glarus hat die Partei auch noch einen Ständeratssitz verloren – und das an die Grünen. Adrian Amstutz, der Wahlkampfchef der SVP, sitzt im Bundeshaus-Restaurant, der «Galerie des Alpes». Er hat Schinken und Kartoffeln auf seinen Teller geladen und sagt, dass es noch zu früh sei für ein Zwischenfazit, «das ist wie beim Lauberhornrennen, da sind die Zwischenzeiten auch oft irreführend».

Im Herzen des Bundeshauses, gleich vor den drei Eidgenossen, ist unterdessen Jürg Grossen eingetroffen, der Präsident der GLP. Auch er ist Berner Oberländer, so wie Amstutz, doch für ihn läuft es besser, viel besser, so gut sogar, dass er alles ein wenig kleinreden will. Die «Grundstimmung sei sehr gut», so klingt das dann. Erste Fragen nach einem grünen Bundesrat wischt Grossen weg, dann eilt er davon.

Die Hoffnung, dass alles noch besser kommt

Ein wichtiger Termin rückt näher, 16 Uhr, die erste nationale Hochrechnung. Für die SP sieht es nicht gut aus, das hat sich in den letzten Stunden immer deutlicher abgezeichnet. In Zürich etwa drohen der Partei schwere Verluste. Es sieht ganz danach aus, dass die grüne Welle auch zulasten der Roten geht.

Matthias Aebischer, Berner Nationalrat, will noch nicht recht daran glauben. Er steht im Untergeschoss des Bundeshauses, hat ein paar Mikrofone vor sich, in die er jetzt sagt, dass er schon erlebt habe, wie sich SP-Präsidenten für eine Wahlniederlage entschuldigten – und am Ende doch etwas zu jubeln hatten. Die Hochrechnung um 16 Uhr sagt: SP minus 2,3 Prozent. Und sie sagt auch: CVP plus 0,4 Prozent.

Das ist eine Überraschung von der Sorte, wie sie Präsident Gerhard Pfister brauchen kann. Der Zuger gibt Interviews, doch auch er hält es wie viele andere Politiker auch: Er gibt sich zurückhaltend, nichts sei sicher, alles in der Schwebe – Hochrechnungen eben.

Es wird immer besser für die Grünen

18 Uhr, im Studio des Schweizer Fernsehens steht ein Höhepunkt an: die Elefantenrunde. Fünf Mikrofone liegen bereit, obwohl es eigentlich nur vier Bundesratsparteien gibt. Doch dieses Jahr darf auch Regula Rytz, die Präsidentin der Grünen, am Tisch mit den Grossen stehen. Und weil dieser Tag nur eine Farbe kennt, muss sie sich kein bisschen verstecken.

Plus 16 Sitze im Nationalrat, das sagt die neuste Hochrechnung, die vor der Elefantenrunde eingeblendet wird. Mehr hat noch nie eine Partei auf einen Schlag zugelegt, nicht einmal die SVP während ihres rasanten Aufstieges. Dazu winken auch im Ständerat Sitzgewinne. Kein Wunder, schwebt Balthasar Glättli schon länger durch die Wandelhalle, strahlt in jede Kamera, und alle wollen etwas von ihm.

Jetzt gehört die Bühne Regula Rytz, und auch ihr Lächeln hat etwas Ungläubiges, als sie auf dem Weg ins Fernsehstudio Glückwünsche entgegennimmt. Dort wird sie als Siegerin vorgestellt. Die Bernerin spricht zuerst davon, «überwältigt» zu sein, doch bald wechselt sie den Ton. Und sie tut, was sie zuvor vermieden hat: Sie meldet Anspruch auf einen Bundesratssitz an, etwas verklausuliert zwar, aber doch so, dass ihr SP-Präsident Christian Levrat zur Seite eilt. Als die Elefantenrunde vorbei ist, tritt eine Mitarbeiterin zu Regula Rytz; sie hat Zettel in der Hand, noch mehr gute Nachrichten, es hört einfach nicht auf. «Wahnsinn», entfährt es Rytz. Wahnsinn, in der Tat.

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Autor

Dominic Wirth

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