Balthasar Glättli ist der vielleicht internet- und technologieaffinste Grünen-Politiker der Schweiz. Nun gerät ausgerechnet die Schweiz ins Hintertreffen, weil die hohen Schweizer Strahlenschutzstandards die Einführung der neuesten Mobilnetzgeneration 5G verzögern oder sogar verhindern könnten. Gegen eine Lockerung der Strahlenbestimmungen im Parlament hat sich auch Glättli ausgesprochen. Fürs Interview ruft der Zürcher Nationalrat die «Nordwestschweiz» von einem Fixanschluss zurück.

Fürchten Sie sich vor Handystrahlung, dass Sie auf das Fixtelefon zurückgreifen, Herr Glättli?

Balthasar Glättli: Nein, ich persönlich spüre Handystrahlung nicht. Zudem bezweifle ich, dass mein Körper gerade weniger hohen Strahlungswerten ausgesetzt ist. Denn in meiner unmittelbaren Nähe stehen zwei Internet-Router, das Handy lädt vor mir auf dem Tisch. Zudem ist das Funktelefon, das ich nutze, schon ein älteres Modell, das sicher nicht mit niedrigen Strahlungswerten glänzt.

Ihre Ablehnung einer Lockerung der Strahlenschutzbestimmungen hat aber trotzdem mit den möglichen Folgen von Handystrahlung auf die Gesundheit zu tun, nehme ich an.

Ja, denn eine gesundheitliche Beeinträchtigung lässt sich heute wissenschaftlich nicht mit genügender Sicherheit ausschliessen. Zudem gibt es eine grosse Zahl von Menschen, die angeben, strahlungssensibel oder gar strahlungsgeschädigt zu sein. Ihre Leiden müssen wir ernst nehmen. Ich habe im Parlament gegen laschere Grenzwerte gestimmt, weil ich überzeugt bin, dass es zwischen technologischem Fortschritt und Gesundheit eine Balance braucht.

Wie kann die Schweiz diesen Balanceakt meistern?

Indem sie wissenschaftliche Abklärungen vornimmt, inwiefern die Einführung von 5G oder die Erhöhung der Strahlung sich tatsächlich auf die Gesundheit auswirken.

Wer soll das tun?

Konsequenterweise müssten solche Untersuchungen eigentlich die Netzbetreiber vorantreiben, weil sie es sind, die schlussendlich aus der Einführung der neuen Technologie Profit schlagen. Nur frage ich mich: Wie vertrauenswürdig wären von Netzbetreibern in Auftrag gegebene Studien, wenn die Ergebnisse ihnen in die Hände spielen würden, also aus gesundheitlicher Sicht nichts vor der Einführung der neuen Technologie steht? Deshalb muss aus meiner Sicht der Bund die Auswirkungen von 5G auf die Gesundheit untersuchen lassen. Eine solche Studie wäre neutral, objektiv und glaubwürdig.

Typisch links-grüne Politik, der Staat soll das bezahlen?

Das wäre durchaus legitim. Es gilt zwischen zwei öffentlichen Interessen abzuwägen: dass die Schweiz technologisch nicht ins Hintertreffen gerät und dass die Gesundheit der Menschen hierzulande nicht gefährdet wird. Man darf nicht vergessen: Mittels Lizenzvergabe an die Mobilnetzbetreiber würde ja auch wieder Geld zurück an den Staat fliessen.

Eine andere Möglichkeit liegt in einem feinmaschigeren Netz an Mobilfunkantennen mit weniger hoher Strahlung. Was halten Sie davon?

Das wäre sachlich absolut richtig und sinnvoll. Denn wir dürfen nicht vergessen. Die Antennen verursachen auch Strahlung im Nullbetrieb, also wenn sie bloss Bereitschaftssignale für die Nutzer mit ihren Handys aussenden. Diese Signale müssen stärker sein bei Antennen, die eine grössere Umgebung abdecken. Mehr Antennen würden also einzeln weniger stark strahlen. Doch hier haben wir es mit einem «Not-in-my-Backyard-Problem» zu tun. Der einzige Weg der strahlungssensiblen Menschen, sich gegen Strahlung zur Wehr zu setzen, liegt im Widerstand gegen neue Antennen in der Nachbarschaft.

Mit diesem Argument sagen die Netzbetreiber selbst, dass die Alternative eben nur in der Erhöhung der Signalstärke liege. Ist das nur ein vorgeschobenes Argument, um Kosten für neue Antennen zu sparen?

Ist es in der Tat. Ich habe viele Menschen beraten, die sich gegen Antennen in ihrer Umgebung zur Wehr setzten. Dabei zeigte sich: Schlussendlich scheitern die wenigsten Antennen-Projekte. Einsprachen zögern sie bloss hinaus. Verhindert werden Handy-Antennen dort, wo sie zum Beispiel den Heimatschutz tangieren würden.

Macht es Sinn, dass jedes Unternehmen sein eigenes Netz unterhält?

Nein, je länger, je weniger. Ich fordere schon lange eine nationale Netzgesellschaft. Wir müssten viel stärker national die Infrastruktur gestalten. Wir bauen ja auch nicht parallel drei Autobahnen oder drei Bahn- linien zwischen den grossen Zentren.