Das Interview findet per Skpye statt. Nicola Forster sitzt in seiner Wohnung in Brooklyn, New York. Von dort bricht er nach dem Interview zu einer kleinen Weltreise auf: Zuerst fliegt er auf eine kanadische Insel, um den Thinkthank Foraus USA zu gründen. Danach reist er via Island nach Italien in die Ferien.

Herr Forster, wo feiern Sie den 1. August?

Nicola Forster: Natürlich in der Schweiz.

Wo genau?

Im Tessin, in der Nähe von Locarno. Wir treffen uns dort jedes Jahr mit Freunden. Anschliessend besuche ich das Filmfestival. Das wird eine wunderbare Schweiz-Woche.

Für den 1. August reist man in die Schweiz zurück, selbst wenn man so polyglott unterwegs ist wie Sie?

Nicht nur für den 1. August. Ich mag den Sommer in der Schweiz allgemein sehr. Der Aare- oder Limmatschwumm etwa ist ja schon fast ein konstitutives Merkmal für die Schweiz. (Lacht)

Das realisiert man erst richtig, wenn man in den USA lebt?

In New York gibt es auch ein 1.-August-Fest. Die Auslandschweizer hier versuchen dieses Jahr, mit einem Jodel-Weltrekordversuch ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen. Ich mag’s ehrlich gesagt etwas moderner. Der 1. August hat aber schon seinen Wert: Er regt uns an, über unsere eigene Identität nachzudenken. Was mir Mühe macht: In all den Festreden wird meist stark auf die archaischen Ursprünge der Schweiz fokussiert; man blickt auf 1291 zurück, feiert den Bundesbrief. Die Gründung der modernen Schweiz 1848 wird meist verschwiegen. Noch viel wichtiger wäre für mich ein zukunftsgerichteter Nationalfeiertag: Wir sollten gemeinsam in die Zukunft blicken und uns fragen, wo wir mit der Schweiz hin möchten.

Was ist wichtig für die Zukunft der Schweiz?

Uns fehlt heute leider manchmal der mutige Pioniergeist, der die Schweiz immer auszeichnete. Dieser Mut beflügelte uns schon 1848 bei der Gründung eines fortschrittlichen Staates. In der Industrialisierung waren eingewanderte Wirtschaftspioniere wie Brown, Boveri oder Nestlé neben «Eigengewächsen» wie Alfred Escher entscheidend für die Entwicklung der Schweiz vom armen Auswandererland und Bauernstaat zum grossen Wohlstand, den wir heute geniessen. Heute sind wir ein Wanderland in alle Richtungen. (Lacht)

Der Pioniergeist kam uns abhanden?

Ja, und er wäre heute gefragter denn je im Zeitalter des extremen technologischen Strukturwandels. Dessen Auswirkungen werden unser Wirtschaftsleben, aber auch den Staat und das Sozialsystem völlig auf den Kopf stellen. Wir müssen die Schweiz deshalb jetzt als Land positionieren, das sich positiv mit diesen Veränderungen auseinandersetzt und seine Bürgerinnen und Bürger durch eine digitale Bildungsoffensive darauf vorbereitet. Das würde uns das nötige Selbstvertrauen für die Zukunft geben und die Angst nehmen.

Welche Chancen und Gefahren sehen Sie?

Für unser politisches System wird es ein Kraftakt, Schritt zu halten. Unsere direkte Demokratie ist ein komplexes System, das erst nach einem langwierigen politischen Prozess zu Lösungen führt. Wir wollen in der Schweiz Veränderungen zuerst gründlich verstehen, bevor wir darauf reagieren. Doch die technologischen Entwicklungen sind heute so rasant, dass wir nicht mehr fünf Jahre auf eine politische Reaktion warten können. Wir müssen aktiver werden, die Fühler laufend ausstrecken, um zu wissen, was Neues kommt und welche gesellschaftlichen Folgen das haben wird. Darauf basierend kann die Politik dann falls nötig Regulierungen beschliessen. Sie sollen den Unternehmergeist nicht bremsen, aber die sozialen Auswirkungen abfedern. Baut die Schweiz ihren internationalen, in die Zukunft gerichteten Radar aus, ist sie ausserordentlich gut positioniert.

Weshalb?

Wir haben eine sehr gut ausgebildete Bevölkerung, sind eines der innovativsten Länder der Welt, haben eine enorm hohe Standortattraktivität, unverbaute Natur und kurze Distanzen. Wir müssten einfach noch aktiver versuchen, die Schweiz zukunftsfähig zu machen.

Muss man dafür das politische System der Zeit anpassen?

Das System der direkten Demokratie steht nicht zur Disposition; es garantiert politische Stabilität und eine hohe Legitimität der Entscheidungen. Es ist auch international ein Erkennungsmerkmal der Schweiz, auf das wir stolz sein können. Doch wir könnten etwas von Finnland lernen.

Was?

Finnland hat eine Zukunftskommission im Parlament, die jedes neue Gesetz auf seine Zukunftstauglichkeit hin untersucht. In der Schweiz könnte die Verwaltung ein noch stärkeres Früherkennungssystem für wichtige Entwicklungen bilden. Die Schweiz muss eine Thinktank-Funktion in ihr politisches System einbauen. Dann schafft sie trotz eines eher langsamen, qualitätsfokussierten Systems, mit den beschleunigten Entwicklungen umzugehen.

Die Politik soll schneller mit verschiedensten Leuten zusammenarbeiten wie der Denkfabrik Foraus?

Es ist eine grosse Stärke der Schweiz, dass alle wesentlichen Akteure zusammenarbeiten. Das hat man bei der UBS-Rettung gesehen. Es war beeindruckend, wie die Spitzen von Wirtschaft, Politik und Nationalbank in kürzester Zeit und absoluter Vertraulichkeit eine Lösung für die Krise fanden. So etwas ist nur in wenigen Ländern möglich. Dieses inklusive System sollten wir auf weitere Köpfe ausweiten, die spannende neue Technologien repräsentieren.

Auf wen zum Beispiel?

Nehmen wir die Blockchain als Beispiel. Das ist eine moderne Technologie, die bisher vor allem mit Bitcoin als neuer Währung angewandt wurde. Doch die Blockchain bietet die Möglichkeit, Prozesse neu zu organisieren, und könnte als Tool in verschiedensten Bereichen der Gesellschaft angewendet werden. Banken werden damit potenziell überflüssig, das Steuersystem könnte revolutioniert werden und eine sichere Onlineidentität für uns alle geschaffen werden. Den aktuellen Spitzen von Politik, Wirtschaft und Verwaltung fehlt manchmal der Blick dafür, was wirklich möglich wäre dank dieser disruptiven Innovation. Bundesrat Schneider-Ammann macht doch so gerne runde Tische. Er sollte sie auf unkonventionelle Denkerinnen und Denker ausweiten.

Welche unkonventionellen Denker haben Sie im Auge?

Ich war vor kurzem im Silicon Valley. Es ist beeindruckend zu sehen, wie Designer und Ingenieurinnen von Google, Facebook, aber auch Tesla in den Regierungsprozess involviert werden.

Sogar von der Trump-Regierung?

Ja. Sogar er hat einen Rat, in dem technologische Entwicklungen besprochen werden. Google und Facebook muss man fast zwangsläufig involvieren, da sie inzwischen teilweise staatliche Funktionen übernehmen. Politische Diskussionen finden heute bei Facebook statt. Sie werden privat organisiert. Ein Algorithmus spielt Usern jene Inhalte zu, die sie gemäss ihrer bisherigen Nutzung interessieren. Damit bewegen sich die User immer stärker in ihrer eigenen Meinungsblase. Das macht sie weniger kompromissbereit, führt verstärkt zu Extrempositionen. Eine funktionierende Demokratie braucht einen ausgewogenen Meinungsbildungsprozess. Hier gibt es neue Möglichkeiten.

Welche?

Facebook denkt im Moment über einen Knopf nach, mit dem sich User andere Meinungen anzeigen lassen können. Das Gefährliche ist ja: Wir sind uns gar nicht bewusst, dass unsere Meinungsbildung nur noch von ähnlich denkenden Menschen geprägt wird.

Kamen Sie auf diese Ideen dank Ihres USA-Aufenthalts?

In den USA wird man täglich mit diesem Wandel konfrontiert. Man kann ihm nicht ausweichen, weder im Silicon Valley noch in New York. Das politische System ist sehr stark verschränkt mit dem Innovationssystem. Doch ich möchte die USA überhaupt nicht verherrlichen. Die schnellen disruptiven Entwicklungen haben durchaus auch negative Auswirkungen auf die Jobsicherheit, Altersvorsorge oder den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Lebensqualität in der Schweiz ist um ein Vielfaches höher. Das kleinräumige, seriöse, auf Qualität fokussierte Arbeiten hat definitiv auch sein Gutes.

Was hat die Wahl von Donald Trump verändert?

Sie hat zu einem Wiedererwachen der Politik geführt. Trump baut als Politiker wieder auf eine starke Ideologie; es ist ihm egal, wie seine Positionen umgesetzt werden können und ob sie wissenschaftlich fundiert sind. Mit diesem Populismus reisst er die Leute mit. Während der Obama-Regierung hatten viele das Gefühl, es laufe gut und es gebe keinen Grund, sich zu engagieren. Die Regierung hatte die Lösungen – für den Klimawandel oder das Gesundheitssystem – auf dem Tisch, und es schien nur noch um deren Umsetzung zu gehen. Ein reiner Verwaltungsjob also.

Sie stellen Barack Obama ein sehr schlechtes Zeugnis aus.

Obama war ein sehr starker Umsetzer. Er strebte eine fortschrittliche Gesellschaft an. Aber er hat die Rolle der Politik vergessen. Die Demokraten sind zu einer Partei von Bürokraten geworden.

Letztlich ist Trumps Wahl aber doch ein Rückschritt: Man muss Angst haben wegen der Willkür eines amerikanischen Präsidenten.

Das führt aber eben dazu, dass die Menschen wieder politisch aktiv werden. Das zivilgesellschaftliche Engagement ist enorm. Neue NGOs werden gegründet, Thinktanks aus der Taufe gehoben, ganze Bewegungen losgetreten.

Ist Emmanuel Macron eine Folge dieser Re-Politisierung?

Spannend ist, wie Macron eigentlich unpopuläre Dinge forderte und dennoch an die Macht kam. Er hat sich klar proeuropäisch positioniert und scheut vor grossen Reformen nicht zurück. Er versteht sich als Politiker, der seine Vision ins Zentrum stellt und den Franzosen wieder Zukunftszuversicht vermittelt. Macron steht für ein neues Selbstbewusstsein Frankreichs.

Fehlt es der Linken in der Schweiz an Visionen im Sinne Macrons?

In der Schweiz hat die Linke ihre ganz grossen Projekte bereits durchgebracht – die Altersvorsorge für alle, das Frauenstimmrecht oder den Mutterschaftsurlaub. Jetzt fehlen ihr die Visionen, für die sie kämpfen könnte. Gerade zusammen mit den Gewerkschaften wird sie häufig zur Bremserin, will neue Entwicklungen stoppen, statt sie zu gestalten. Die Linke ist konservativ geworden.

Es gäbe noch ein paar wichtige Projekte: Die Öffnung gegenüber dem Ausland beispielsweise. Aber auch der technologische Wandel.

Absolut. Hier hat die Linke ungenutztes Potenzial. Die Umsetzung von technologisch bedingten gesellschaftlichen Veränderungen müsste eine Kernkompetenz der Linken sein. Doch sie ist zu ängstlich, um sich den grossen Fragen zu stellen, will den Status quo erhalten.

Ist Links-Rechts noch das richtige politische Koordinatensystem?

Nein. Heute geht es um den Ideenwettstreit zwischen Vertreterinnen einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Öffnung sowie Vertretern einer wertkonservativen Haltung, die sich gegen technologische und internationale Veränderungen stellt.

Wer steht wo in diesem Schema?

Die meisten Parteien sind darum bedacht, den Besitzstand zu wahren. Die SVP sowieso, die einfachen Lösungen noch stärker zugeneigt ist als andere. Die Linke hingegen hat Angst vor technologischen Entwicklungen und den damit einhergehenden Veränderungen des Arbeitsmarktes. Die FDP ist aktuell leider kaum gesellschaftsliberal und hat keine Visionen, wenn es um Migrations- und Europapolitik geht. Der Konservatismus ist durchs Band ausgeprägt. Es fehlt überall an Aufbruchstimmung.

Wie sehen Sie CVP, GLP und BDP?

In der Mitte gibt es durchaus spannende Ansätze. Wenn sich SVP und FDP rechts positionieren, die CVP immer konservativer wird und die SP eine der linksten sozialdemokratischen Parteien Europas wird, entsteht ein spannender politischer Raum in der Mitte mit einem grossen Potenzial. Urbane, progressive Wählerinnen und Wähler sind auf der Suche nach einer politischen Heimat, wobei die GLP mit ihrem Thinktank GLPLab neue Wege geht. Sie ist damit sicherlich die modernste Partei der Schweiz. Ich bin aber überzeugt, dass es neben den Kleinparteien Platz gibt für eine visionäre progressive Mitte.

Warum gibt es in der Schweiz kein «en marche»?

Weil es ein Projekt mit einem sehr grossen Risiko ist. Weil es katastrophal in die Hosen gehen kann. Und weil viele Kräfte der Zivilgesellschaft immer noch keinen Grund sehen, in die Hosen zu steigen und die Politik mitzuprägen.

Hätte eine solche Bewegung in der Schweiz überhaupt eine Chance?

Davon bin ich überzeugt. Ich spüre keine Politikverdrossenheit. Im Gegenteil. Die Bürger fühlen sich von den Parteien einfach nicht mehr richtig vertreten. Das ist auch der Grund, warum etwa die Operation Libero als politische Bewegung einen so grossen Zuwachs hat.

Könnte es 2019 auch zu einem Umsturz in der Schweiz kommen?

Nicht gerade zu einem Umsturz. Die Schweiz ist kein Umsturzland, weil alle Gruppierungen gut in den politischen Prozess eingebunden werden. Aber die Schweiz ist reif für neue Ideen und neue Köpfe, die eine Vision für unser Land haben. Für Schweizerinnen und Schweizer, die am 1. August in die Zukunft blicken.