«Grüezi, mein Name ist Stefan Kurt. Ich bin Mitglied der SP und rufe Sie im Hinblick der Kantonsratswahlen vom 12. April an.» Die Frau am anderen Ende ist verdutzt, sie beginnt laut zu lachen. Kurt lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. «Vor vier Jahren hatten wir eine tiefe Stimmbeteiligung, die möchten wir jetzt in die Höhe schrauben. Haben Sie denn schon gewählt?» Die Frau lacht noch immer. Bis sie ihre Worte findet, dauert es ein paar Sekunden. Sie unterstütze schon ihr ganzes Leben lang die SP und habe auch dieses Mal nichts anderes vor.

Dass man sie dafür persönlich anrufe, das finde sie nun aber schon «ziemlich speziell», sagt sie. Kurt bedankt sich höflich, verabschiedet sich und trägt die Erkenntnisse in die Datenbank ein. Der nächste Anruf steht an.

Gespräche wie dieses sind die Ausnahme, die meisten verlaufen harmonischer. «Nur ein kleiner Anteil der Personen reagiert befremdet», sagt die Zürcher SP-Kantonsrätin Mattea Meyer. Der Grund dafür liegt auch in der Vorgehensweise der Genossen: Kontaktiert werden nur Sympathisanten, also zum Beispiel Personen, die mal eine Initiative unterschrieben haben. «Es bringt nichts, einfach mal herumzutelefonieren. Wir möchten unsere potenziellen Wähler an die Urne bringen», so Meyer.

100 000 Stimmbürger will die SP ans Telefon kriegen – dies das offizielle Ziel der Partei im Hinblick auf die nationalen Wahlen von Oktober. Zürich und Luzern, wo diesen Frühling auf kantonaler Ebene gewählt wird beziehungsweise wurde, dienen als Testlauf für die grosse Kampagne, die nach den Sommerferien startet.

Hälfte des Budgets eingesetzt

Wie das genau funktionieren soll, zeigte sich am Samstag in der Alten Kaserne von Winterthur. Rund 40 Personen jeglichen Alters sitzen im ganzen Raum verteilt an Einzeltischen. Vor sich einen Computer, in der Hand einen Schreibstift. Man wähnt sich an einer Uni-Prüfung – wenn nicht jeder ein Handy am Ohr hätte. Stimmenwirrwarr erfüllt den Raum.

Was chaotisch wirkt, ist generalstabsmässig geplant: Die SP wirft nicht weniger als die Hälfte ihres Budgets für die nationalen Wahlen 2015 in die Waagschale, rund 700 000 Franken. Zwei Mitarbeiter sind das ganze Jahr über dafür abbestellt. Ein Informatiker hat eigens ein Online-Tool dafür entwickelt, damit zum Beispiel nicht die gleichen Personen mehrfach kontaktiert werden.

Der grösste Teil der Arbeit – die eigentlichen Telefonanrufe – wird allerdings von freiwilligen Parteimitgliedern ausgeführt. In Zürich und Luzern liessen sich immerhin 800 Personen, also rund 15 Prozent der Mitglieder, dazu motivieren. Bis anhin haben sie rund 20 000 Gespräche geführt. Dass das in dieser Dimension überhaupt möglich ist, verdankt die SP nicht zuletzt dem veränderten Konsumverhalten. Viele Mitglieder besitzen ein Flatrate-Abonnement und bezahlen nicht für jeden Anruf zusätzlich.

Entsprechend verwenden fast alle ihr privates Handy. Das ist nicht ohne Nebenwirkungen: «Nach dem letzten Aktionstag klingelte mein Telefon am Abend fast im Minutentakt – das waren alles Leute, die ich am Nachmittag nicht erreicht hatte», sagt Parteimitglied Kurt.

Solch gross angelegte Telefonkampagnen kennt man bislang insbesondere aus den USA. Präsident Barack Obama setzte bei seinen beiden Kandidaturen auch auf diese Strategie. In der Schweiz ist die Welle aber noch nicht flächendeckend angekommen – und wird sie vermutlich auch nie. «Bei uns entscheiden die kantonalen Sektionen, wie sie ihre Kampagne gestalten wollen. Telefonanrufe sind nur eines von vielen Mitteln», sagt CVP-Kommunikationschef Thomas Jauch.

FDP-Mediensprecher Georg Därendinger: «Eine Telefonkampagne ist nicht unser Stil. Wir sprechen lieber direkt vor Ort mit den Bürgern.»