Corona-Krise

Grosse Sorge im Tessin: Die Zahl der Fälle steigt und steigt

Die Kapazität der Spitäler ist bald erschöpft.

Die Kapazität der Spitäler ist bald erschöpft.

22 Menschen sind an Covid-19 gestorben. Der Kanton fürchtet, dass italienische Ärzte abgezogen werden könnten.

Im Tessin hat die Zahl der Coronainfizierten innerhalb eines Tages um fast 200 Personen zugenommen: von 638 positiv Getesteten am Donnerstag auf 834 am Freitag. Dies gab der Tessiner Kantonsarzt Giorgio Merlani am Freitag in einer Online-Medienkonferenz in Bellinzona bekannt.

Die Zahl der Todesfälle im Tessin infolge der neuen Viruskrankheit ist um sieben auf 22 gestiegen. Verstorben sind hauptsächlich alte und sehr alte Menschen, wie Merlani auf Nachfrage der «Schweiz am Wochenende» präzisierte. 169 Patienten sind hospitalisiert, 35 befinden sich auf der Intensivstation. Der Kanton Tessin nimmt somit landesweit eine Spitzenposition ein.

Privatklinik wird zum Covid-19-Spital

In einem dramatischen Appell erklärte Kantonsarzt Merlani, dass ohne ein Abbremsen dieses exponentiellen Anstiegs die Gesundheitsstrukturen bald kollabieren könnten. «Vier Wochen nach dem ersten Fall in Italien stehen wir an diesem Punkt», sagte er. Die Höchstzahl der Fälle dürfte erst in zwei bis drei Wochen erreicht werden.

«Doch das ist nicht der zentrale Punkt – wir müssen das Wachstum bremsen.» Wenn sich die Fälle wie bisher entwickelten, seien die Kapazitäten der Spitäler im Tessin bald erschöpft. Ein Rückruf Italiens der eigenen Ärzte angesichts der Krisensituation in ihrem eigenen Land wäre ein harter Schlag: «Wir erwarten dies nicht, befürchten aber ein solches Szenario.»

Das kantonale Spitalamt EOC modelte mittlerweile das Spital «La Carità» von Locarno zum Covid-19-Referenzspital für den ganzen Kanton um. In einer Livesendung am Fernsehen RSI bestätigten Spitaldirektor Luca Merlini und der klinische Leiter Michael Llamas, dass die Plätze in der Intensivstation knapp würden. Dank der Umwandlung der Luganeser Privatklinik Moncucco in ein Covid-19-Spital habe «La Carità» eine kleine Verschnaufpause erhalten. Das Personal arbeite indes am Limit.

Einmal mehr wurde gestern der Appell an die Tessiner Bevölkerung gerichtet, zu Hause zu bleiben und soziale Kontakte zu vermeiden. «Es liegt in unserer Hand», so Merlani. Der Tessiner Polizeikommandant Matteo Cocchi appellierte an den gesunden Menschenverstand und mahnte insbesondere junge und alte Menschen, den Anweisungen der Behörden Folge zu leisten. Man wollte vermeiden, mit harten Methoden diese Anweisungen durchzusetzen. Sollten sich bestimmte Szenen und Ansammlungen fortsetzten, werde man aber nicht darum herumkommen.

Von einem Ausgehverbot für 65-Jährige, wie es der Kanton Uri erlassen hat, hält Cocchi nicht so viel: «Aber die müssen verstehen, dass sie nun mal für einige Zeit abtauchen müssen.» Der Wortlaut des Mottos, mit dem der Kanton vor dem Ausgehen warnt, wurde noch weiter verschärft: «Wenn du morgen noch ausgehen willst, musst du heute zu Hause bleiben.»

Ex-Gesundheitsdirektor hat sich angesteckt

Indes haben sich bekannte Persönlichkeiten im Tessin mit dem Virus infiziert. Schon vor einiger Zeit war bekannt geworden, dass Locarnos Festivalpräsident Marco Solari erkrankt war. Inzwischen liegt auch alt Gesundheitsdirektor Paolo Beltraminelli im Spital La Carità.

Der Gemeindepräsident von Chiasso, Bruno Arrigoni, machte über Facebook publik, positiv getestet worden zu sein. Derweil sind in der Kaserne von Losone, die vom Militär schon vor Jahren aufgegeben worden war, wieder Sanitäter eingezogen.

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