Radio/Fernsehen

Grosse Investitionen trotz Sparkurs: SRG gibt 200 Millionen Franken aus

In Lausanne soll das Prestigeprojekt «Campus RTS» realisiert werden, in Zürich stoppte die SRG ein grosses Bauvorhaben.

In Lausanne soll das Prestigeprojekt «Campus RTS» realisiert werden, in Zürich stoppte die SRG ein grosses Bauvorhaben.

Das Schweizer Radio und Fernsehen steht vor einem Umbruch: Die SRG muss 100 Millionen Franken aus den Budgets streichen. Gespart werden soll vor allem bei den Immobilien. Der Bau eines weiteren multimedialen Redaktionsgebäudes im Leutschenbach wird nicht realisiert.

In einer Woche eröffnet die SRG ihr neues Studio. Für 27 Millionen Franken hat SRF im Hochhaus von Herzog & de Meuron beim Basler Bahnhof ein Redaktionszentrum für die vereinte Kulturabteilung mit rund 300 Mitarbeitern eingebaut. Der Betrag ist beträchtlich und doch nur eine Randnotiz in der grösseren Baurechnung des öffentlich-rechtlichen Multimedia-Konzerns mit 6000 Mitarbeitenden.

Welche Bausummen genau am grössten SRG-Standort Leutschenbach investiert werden, ist Betriebsgeheimnis. In der «SRG-Trägerschaft, Region Bern» gilt als gesicherte Zahl, dass die Investitionen bei 200 Millionen Franken liegen. Die Schätzung dürfte jedoch überholt sein. Denn die Medienabteilung erklärt auf Anfrage: «Das Projekt ‹SRF next› wurde im Rahmen des SRG-Sparprogramms gestoppt.»

Das still und leise sistierte Projekt, das wohl einen höheren zweistelligen Betrag gekostet hätte, war fix als zweite Umbauetappe im Leutschenbach angekündigt. Die Architekten Durisch + Nolli erhielten im Herbst 2017 den Zuschlag, ein multimediales Zentrum für 630 Mitarbeiter zu errichten. 2024 hätte der Bau am heutigen Ort des «Studio 1» bezugsbereit sein sollen.

Ohne «SRF next» bleibt es im Leutschenbach vorerst beim Bau einer Tiefgarage für 300 Fahrzeuge, die eine Auflage des Kantons Zürich ist, sowie beim Neubau eines «Technik-, Informations- und Sportzentrums», das alleine 70 Millionen Franken kostet. Die Einstellplätze können seit Februar genutzt werden. Das Technik- und Redaktionszentrum steht in diesem Jahr vor Vollendung, zumindest partiell. Vergangene Woche wurde die Belegschaft informiert, dass der On-Air-Start verschoben werden müsse. Der redaktionelle Newsroom könne wie geplant im November in Betrieb genommen werden, bei der technischen Fertigstellung käme es jedoch zu Verzögerungen. Die News-Produktion wird deshalb bis März 2020 am alten Standort erfolgen, mit entsprechend langen Wegen für die Mitarbeiter. Die Sportsendungen werden gar erst in einem Jahr aus den neuen Studios gesendet.

Für die Bautätigkeit verfügt die SRG über flüssige Mittel, da sie im vergangenen Geschäftsjahr eine benachbarte Bauparzelle teuer verkaufte. Auch die Stadt Zürich war am Grundstück interessiert, konnte aber nur gerade knapp die Hälfte der 81 Millionen Franken bieten, die der Versicherer Swiss Life schliesslich aufbrachte.

Bausumme von 200 Millionen

Aber auch ohne zweite Leutschenbach-Etappe verbaut die SRG rund 200 Millionen Franken. Denn auch in der Romandie wird kräftig in Immobilien investiert. Ebenfalls bis 2024 soll auf dem Gelände der EPFL bei Lausanne ein «Campus RTS» für 950 Angestellte entstehen. Das Projekt wurde von Gilles Marchand angestossen, als der heutige SRG-Generaldirektor noch RTS verantwortete. Galt bei der Präsentation ein Kostendach von 90 Millionen Franken, so ist seit März bekannt, dass dieses auf 110 Millionen Franken angehoben wurde. Die SRG begründet die Steigerung mit Veränderungen beim Projekt. Zur Verbesserung der Betriebssicherheit würden etwa andere technische Anlagen verbaut als ursprünglich geplant.

Die Gewerkschaft SSM äussert in einem neuen Positionspapier erhebliche Zweifel am Grossprojekt, das sie als «strategischen Irrtum» bezeichnet. Sie kritisiert, das Management habe nicht nachgewiesen, dass mit dem Neubau ein «redaktioneller Mehrwert» entstehe. Das von RTS gewählte «Design»-Projekt beinhaltet zudem architektonische Einschränkungen, welche die Funktionalität des Gebäudes beeinträchtigten.

Kritik am Nutzen der Bauten ist das Letzte, was die SRG brauchen kann. Schliesslich ist ihr zentrales Argument für die Investitionen, dass damit die Voraussetzungen geschaffen würden, um Betriebskosten einzusparen. Die Investition in der Romandie senke diese Kosten um 25 Prozent, erklärt die SRG auf Anfrage. Die Investitionen in Zürich würden die Kosten langfristig um ein Drittel senken, etwa durch den Teilumzug des Radiostudios von Bern nach Zürich. Kombiniert mit weiteren Rochaden liessen sich dadurch jährlich fünf Millionen sparen. Für das laufende Jahr sagt Marchand in einem neuen Interview mit der «Bilanz» rote Zahlen voraus. Bis sich die Investitionen rechnerisch auszahlen, wird es noch einige Jahre dauern.

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Autor

Christian Mensch

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