Schon die Diagnose und Therapie beim zwölfjährigen Sohn war für eine Familie aus dem Südtessin ein Schock und eine unglaubliche Belastung. Ein Jahr lang wurde der Bub wegen eines bösartigen Sarkoms am Weichgewebe intensiv behandelt. Doch ein zweiter Schock kam, als die Erhaltungstherapie begann, um das Risiko einer Rückkehr dieses äusserst seltenen Tumors zu vermindern. Die Krankenkasse weigerte sich, 3000 Franken für ein Medikament zu übernehmen, das Pierluigi Brazzola, Kinderonkologe und leitender Arzt am Kantonsspital San Giovanni in Bellinzona, seinem jungen Patienten verschrieben hatte. Denn die Familie war nicht in der Lage, diesen Betrag selbst aufzubringen.

Brazzola hat den Fall Anfang Woche über die in Bellinzona erscheinende Tageszeitung «La Regione» publik gemacht. Und sparte nicht mit Kritik an der zuständigen Krankenkasse: «Das ist eine gefährliche Entwicklung, wenn man eine Arznei nur erhält, wenn man selbst bezahlt.»

Europaweit erprobtes Medikament

Im Detail geht es laut Kinderonkologe Brazzola um ein Medikament, das aus Deutschland importiert wurde und in Kombination mit zwei weiteren Medikamenten, die in der Schweiz erhältlich sind, oral eingenommen wird. Die Krankenkasse habe argumentiert, dass es keine ausreichende Literatur gebe, wonach das Medikament für dieses Sarkom geeignet sei. Laut Brazzola ist das Medikament europaweit erprobt.

Der Fall warf unmittelbar hohe Wellen in der Südschweiz. Erst recht in den sozialen Medien. Und der Fall löste zugleich eine grosse Solidarität aus. Innerhalb zweier Tage wurden bis Mittwoch über 20'000 Franken gesammelt, mit welchen die Arzneikosten gedeckt werden. Der Rest soll an die Krebshilfe, speziell für Kinder, gehen. Viele Spendenwillige meldeten sich bei der Zeitung oder direkt bei der onkologischen Abteilung am Kantonsspital in Bellinzona.

Das kantonale Gesundheitsdepartement erklärte derweil in einer Medienmitteilung, dass das fragliche Medikament nicht auf der Liste von Pharmaka aufgeführt sei, deren Kosten von den Krankenkassen obligatorisch erstattet werden müssten. Zudem fehle die Zulassung durch Swissmedic. Daher obliege es allein der Krankenkasse, zu bestimmen, ob sie die Kosten übernehmen wolle. Gegen den Entscheid der Kasse könne rekurriert werden. Der Kanton versicherte aber, dass in diesem spezifischen Fall die Kosten von Dritten übernommen würden, etwa der Krebsliga, falls keine Einigung mit der betroffenen Krankenkasse erreicht werden könne.

Verein Kinderkrebs wird aktiv

Für Peter Lack, Geschäftsführer des Vereins Kinderkrebs Schweiz in Basel, ist es nicht das erste Mal, dass er von solchen Vorfällen hört. Gerade weil in der pädiatrischen Onkologie weniger empirische Studien zur Verfügung stünden und auch kaum spezifische Medikamente, sollten seiner Meinung nach die Krankenkassen mit solchen Fällen pragmatisch umgehen. «Es ist vielleicht legal, aber ethisch problematisch, solche Medikamente nicht zu übernehmen», meint Lack auf Anfrage der «Nordwestschweiz». Sein Verband werde sich dafür einsetzen, dass solche gesetzlichen «Schlupflöcher» geschlossen würden.

Daher ist die Ankündigung der Tessiner SP-Nationalrätin Marina Carobbio, sie wolle den Fall im Herbst in die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit einbringen, ganz im Sinne des Vereins Kinderkrebs Schweiz. Carobbio hat angeregt, Fälle von Kinderkrebs gesetzlich den sogenannten seltenen Krankheiten gleichzustellen. Diese «seltene Gruppe» der Kinderkrebs-Patienten, fordert Carobbio, «braucht offizielle Anerkennung».