Im Vorfeld der Abstimmung über die SVP-Familieninitiative wird schweizweit darüber diskutiert, ob Eltern, die ihre Kinder selbst betreuen, in den Genuss von Steuererleichterungen kommen sollen. Perfekter könnte der Moment damit für die in der Bewegung «Grossmütterrevolution» aktiven Frauen nicht sein, auf die unentgeltlichen Leistungen der älteren Generation aufmerksam zu machen - und ihre Forderungen zu bekräftigen.

Grosseltern sind knapp 79 Millionen Stunden pro Jahr als Betreuer ihrer Enkel im Einsatz. Dieser Hütedienst hat einen enormen wirtschaftlichen Wert: Laut der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung entspricht er zwei Milliarden Franken im Jahr. Monika Stocker, ehemalige Zürcher Stadträtin und frühere Nationalrätin, beklagte bereits im Jahr 2010 gegenüber dieser Zeitung, dass dieser Einsatz von der Gesellschaft zu wenig honoriert werde. In der «NZZ am Sonntag» von gestern sagte sie nun: «Wir verlangen, dass diese Arbeit nicht nur Beachtung und Wertschätzung findet, sondern auch Anerkennung bei der Berechnung der Leistungen.»

Lücken in der Altersvorsorge

Auf Anfrage präzisiert Stocker, die sich in der von der Migros unterstützten «Grossmütterrevolution» engagiert, es gehe nicht um eine Entlöhnung des Hütens. Sondern: «Wir möchten, dass diese Arbeit in der sozialen Sicherheit angerechnet wird.» Kinderhüten soll also die Rente aufbessern.

Wie die Studie «Das vierte Alter ist weiblich» (2012) festhält, sind es grossmehrheitlich Frauen, die unbezahlte Care-Arbeit leisten. Sie reduzieren oder unterbrechen zugunsten der Kindererziehung oder der Pflege anderer Angehöriger ihre Erwerbstätigkeit. Später haben sie deshalb mit Lücken in der Altersvorsorge zu kämpfen. «Weil man nur Lohnarbeit sozial absichern kann, gibt es für alte Frauen immer noch ein erhebliches Armutsrisiko», sagt Stocker.

Ideen, wie die Aufbesserung der Rente aussehen könnte, haben die revolutionären Grossmütter: Beispielsweise könnten für das Grosskinderhüten oder die Pflege von Angehörigen, Bekannten oder Nachbarn Gutschriften gesammelt werden - ähnlich einer Erziehungsgutschrift für die Betreuung von Kindern bis 16 Jahre im eigenen Haushalt. Erziehungsgutschriften sind keine direkte Geldleistung, sondern entsprechen einem Zuschlag zum Erwerbseinkommen, aus dem die Rente berechnet wird.

Oder die Stunden, die eine Person für Betreuungs- und Pflegeleistungen aufwendet, könnten auf einem Zeitvorsorge-Konto registriert werden. In der Stadt St. Gallen gibt es bereits ein entsprechendes Projekt, bei dem Rentner unentgeltlich Hochbetagte betreuen und dafür Zeit gutgeschrieben bekommen. Dieses Zeitguthaben können sie später für selbst benötigte Betreuungsleistungen wieder einsetzen.

Mit ihren Forderungen rennen die Frauen offene Türen ein. Mehrere Vorstösse im Bundesparlament drehen sich um das Thema unbezahlte Care-Arbeit und Möglichkeiten der Entschädigung. Bereits publiziert ist ein Bericht des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann zur «Absicherung unbezahlter Care-Arbeit von Frauen und Männern» (2012). Auch der Bundesrat arbeitet seit 2011 an einem Bericht zur Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege. Dieser wird 2014 erwartet.

Nachteile aufgrund von Care-Arbeit

Laut Nationalrätin Silvia Schenker (SP/BS), die eine Subkommission zum Thema leitet, wird der Aspekt der Kinderbetreuung durch Grossmütter in diesem Bericht allerdings nicht berücksichtigt. «Ich würde es unterstützen, diesen Aspekt separat nochmals aufzugreifen», sagt Schenker. Sie unterstreicht wie Stocker auch die grosse Bedeutung der Unterstützungsleistungen, welche ältere Frauen erbringen.

Einer Entschädigung der Betreuungsleistungen von Grosseltern nichts abgewinnen kann hingegen Lucrezia Meier-Schatz (CVP/SG). Die Pro-Familia-Geschäftsführerin sagt: «Die allermeisten Grosseltern sind sehr glücklich, dass sie ihre Enkel hüten dürfen.» Eine Gegenleistung stehe deshalb nicht im Vordergrund. Für Meier-Schatz hat die «Ökonomisierung der Gesellschaft» Grenzen. Auch sie steht jedoch dafür ein, dass Eltern und Personen, die Angehörigenpflege oder -betreuung leisten, nicht im Rentenalter bei der AHV Einbussen verzeichnen müssen. Heute erhalten lediglich 60 Prozent der Paare eine Maximalrente.

Stocker und ihre Mitstreiterinnen sähen gern rasche Resultate: «Wir sind ungeduldig», sagt Stocker. «Wir möchten gern jetzt gewisse Verbesserungen für Frauen, die jetzt alt sind.»