Drogenhandel

Grösster Schweizer Kokainfund: Jetzt ist das Balkankartell angeklagt – die Geschichte der Millionenkoffer

© Andreas Maurer und Christian Mensch

In Zagreb sind die Mafiosi angeklagt, die vor einem Jahr in Basel mit einem Privatjet voller Kokain aufgeflogen sind. Europol und Fedpol feiern den Schlag gegen das Balkankartell. Zentrale Fragen bleiben aber ungeklärt.

Es ist die grösste Menge an Kokain, die je in der Schweiz beschlagnahmt worden ist: 603 Kilogramm stellten Fahnder vor einem Jahr in Basel sicher. Die Justiz behandelt den spektakulären Fall in einem ungewöhnlichen Tempo. Die Schweiz hat den Drogenboss und zwei der Bandenmitglieder trotz juristischer Gegenwehr bereits im vergangenen November nach Kroatien ausgeliefert. Und nun hat die kroatische Staatsanwaltschaft Anklage erhoben.

Verhaftet: Drogenboss Michael Dokovich.

Verhaftet: Drogenboss Michael Dokovich.

Acht Personen müssen sich vor dem Bezirksgericht Zagreb wegen Drogenhandels in einer kriminellen Organisation verantworten. Hauptbeschuldigter ist der Montenegriner Michael Dokovich (60). Der Mann, der viele Namen trägt, wurde als Iljmija Frljuckic geboren und wird El Chapo von Kroatien genannt. Mit auf der Anklagebank wird der Kroate Pero Sarac (48) sitzen, Dokovichs rechte Hand, der für ihn in Südamerika die Kontakte knüpfte. Ausserdem der tschechische Pilot Ales Sokolik (47), Dokovichs bosnische Freundin Nevenka Cuturic (27) und ihr Bruder Sinisa (26) sowie Silvijo Beljevic (37), der für den Weitertransport und die Verteilung der Drogen zuständig war.

Die Strafverfolger haben den Wert der in der Schweiz beschlagnahmten Lieferung berechnet. Aufgrund des hohen Reinheitsgrades der Drogen liege er bei mindestens 18 Millionen Euro.

Die europäische Polizeibehörde Europol koordinierte die Ermittlungen unter dem Namen «Operation Familia». Stolz präsentiert sie den Fall mit einem Kurzfilm, den sie, mit Rockmusik unterlegt, als Blockbuster inszeniert. Die Schweizer Bundespolizei Fedpol bezeichnet die Verhaftungen in Basel als «Meisterstück» der internationalen Polizeiarbeit. In ihrem Jahresbericht schildert sie den Fall «wie aus einer Krimiserie» und mit neuen Details. Die Geschichte klingt fast zu gut.

Businessjet als Tarnung: 21 Koffer mit Kokain an Bord

Der Showdown beginnt am 16. Mai 2019 um 17.26 Uhr. Der Privatjet Gulfstream V mit der Kennung M-FISH landet auf dem privaten Rollfeld des Euroairports. Der Pilot, der Co-Pilot und eine Flugbegleiterin steigen aus. Der Pilot holt zwei Mietwagen; einen Smart und einen Ford Transit. 21 Koffer holt die Besatzung aus dem Flugzeug und verstaut sie im Lieferwagen. In jedem Koffer liegt Pulver im Wert von fast einer Million Franken.

Drogentransporter der Luxusklasse: die Gulfstream V.

Drogentransporter der Luxusklasse: die Gulfstream V.

Der Businessjet tarnt das Drogenbusiness als VIP-Ausflüge. Die Bande hat mit der MD Global Jet eine eigene Fluggesellschaft gegründet, mit der sie zum Schein regelmässig Jetsetter transportierte. Gespielt wurden sie von Hostessen, die für dieses Schauspiel gebucht wurden. So sollte nicht auffliegen, wenn die Maschine zwischendurch auch nur mit Gepäck in der Kabine unterwegs ist.

Auch diesmal wäre die Ankunft mit der Drogenfracht auf dem schwach überwachten Rollfeld des Basler Euroairports wohl unbemerkt geblieben. 48Stunden vor der Landung hat Fedpol von der kroatischen Polizei jedoch eine Meldung zur bevorstehenden Lieferung erhalten. Darin heisst es, auch Boss Dokovich werde am Flughafen erwartet. Gemäss der abgegriffenen Kommunikation hätte er den Piloten bar bezahlen und dann verschwinden sollen. Tatsächlich fährt er 16 Minuten nach der Landung vor und begibt sich mit dem Piloten in ein Café.

Der Kommandant koordiniert den Einsatz vor dem Bildschirm: «Go, go, go!»

Die Polizei verfolgt das Geschehen über Videokameras. Der Kommandoposten ist in Lausanne, von wo aus Fedpol die Aktion mit Polizeivertretern aus Frankreich, Serbien, Kroatien und Tschechien vor dem Bildschirm steuert. Die Ermittler haben vor, den Drogentransport mit einem alten Trick zu stoppen. Die Basler Polizei hätte ihn wie zufällig für eine Routinekontrolle aus dem Verkehr ziehen sollen, sobald er auf Schweizer Boden in die Stadt fährt.

Doch die Bande hält sich nicht ans Drehbuch. Es kommt zu einer doppelten Überraschung. Dokovich verschwindet nicht, sondern begleitet den Transport persönlich. Zudem biegen die beiden Autos direkt nach dem Grenzübergang plötzlich in die Tiefgarage des Basler Grand Casinos ein. Der Kommandant in Lausanne wirft seinen Plan über den Haufen und befiehlt den Basler Polizisten: «Go, go, go!»

Der Polizeieinsatz hätte mit einer blutigen Schiesserei im Parkhaus enden können. Dokovich, Pilot Sokolik und der Transporteur Beljevic lassen sich aber problemlos festnehmen.

Fedpol beendet die Erzählung im Jahresbericht so: «Wie bei jeder Geschichte, die sich von einer guten Krimiserie inspirieren lässt, befinden sich die Kriminellen am Ende hinter Schloss und Riegel.» Die internationale Polizeizusammenarbeit habe es ermöglicht, der grenzüberschreitenden Kriminalität einen Schritt voraus zu sein.

Die andere Seite der Geschichte: Viele Spuren bleiben verwischt

Die Anklage in Kroatien zeigt nun allerdings, dass die glanzvoll erzählte Geschichte auch eine andere Seite hat: Die Strafverfolger können der Bande nur wenig nachweisen. Sie gehen davon aus, dass Dokovich zwanzig oder mehr Transfers organisiert hat. In der Anklage sind aber lediglich drei Kokainflüge dokumentiert, wobei einer in Venezuela schon beim Start scheiterte. Der Privatjet ist kreuz und quer durch Europa geflogen und hat regelmässig in der Schweiz Halt gemacht. Was er dabei transportiert hat, bleibt im Dunkeln. Die Basler Polizei, sagt, sie habe keine Kenntnisse, was sich sonst noch auf dem Euroairport abgespielt habe. Aufgeflogen ist die Bande, weil sie es der Polizei einfach gemacht hat.

Bilder auf den Kokainpackungen zeigen Tony Montana, den Gangsterboss aus dem Kultfilm «Scarface».

Bilder auf den Kokainpackungen zeigen Tony Montana, den Gangsterboss aus dem Kultfilm «Scarface».

Grössenwahnsinnige Gangster: Wenn der Erfolg zu Kopf steigt

Im Oktober zuvor hatten Grenzwächter zwischen Slowenien und Kroatien einen Mercedes mit französischem Kennzeichen angehalten. Im Wagen, der von Dokovichs Freundin gesteuert wurde, fand sich im verschweissten Doppelboden eine Million Euro. Obwohl Dokovich eine Busse zahlen musste, hegte er nicht den Verdacht, dass man ihm auf der Spur und alle seine Schritte überwacht wurden. Er wähnte sich sicher wie ein Gangster eines Hollywoodfilms. Davon zeugen abgehörte Telefonate, aber auch Porträtfotos, die das Balkankartell auf seine Kokainpackungen druckte: Sie zeigen Tony Montana, den Drogenboss des Kultfilms «Scarface».

Im April flog eine Route des Drogenjets über Hongkong nach Australien auf. Die Behörden schlugen dreimal zu, beschlagnahmten 420 Kilogramm Kokain und verhafteten mehrere Personen. Dokovich fühlte sich weiterhin ungefährdet; offenbar war es einfach, Kokain nach Europa zu fliegen. Selbst simple Vorsichtsmassnahmen warfen die Schmuggler über Bord. Nur so ist es zu erklären, dass der Boss selber die Übergabe in Basel begleitet hat. Seine Festnahme in Basel war gar nicht vorgesehen gewesen. Um in der Krimisprache zu bleiben: Kommissar Zufall war es, der ihn überführt hat.

Der Rekordfund in Basel prägt die Statistik im Jahr 2019.

Der Rekordfund in Basel prägt die Statistik im Jahr 2019.

Die Statistiken verstärken den Eindruck, dass die Beschlagnahmungen von Kokain in der Schweiz Zufallsfunde sind. Das Land wird von hochwertigen Drogen überschwemmt. Die Reinheit steigt, der Preis aber bleibt auf tiefem Niveau stabil. Das weist auf ein Überangebot hin. Die Zahl der Konsumenten steigt ebenfalls, aber die Beschlagnahmungen folgen keinem klaren Trend.

Die Menge an Kokain, die jährlich in den Schweizer Handel kommt, wird auf fünf Tonnen geschätzt. Der grösste Fund der Schweizer Geschichte entspricht also gerade einmal der Menge, die hierzulande in anderthalb Monaten geschnupft wird.

Das Balkankartell macht der Polizei die Arbeit auch nach der Festnahme einfach. Pilot Sokolik hat im Auslieferungsverfahren angekündigt, er sei bereit, mit der Justiz zu kooperieren und seine Kollegen anzuschwärzen. Von ihren kriminellen Machenschaften will er nichts gewusst haben.

Boss Dokovich fürchtet sich derweil vor der kroatischen Justiz, die sich in der EU als Hardlinerin im Kampf gegen die Korruption zu positionieren versuche. Auf medialer Ebene werde «ein ungeheurer Druck aufgebaut», dass er «mit der Höchststrafe» verurteilt werde, klagt er vor dem Ausschaffungsrichter. Er leide an Harnblasenkrebs und glaubt, die Haft in einem kroatischen Gefängnis nicht überstehen zu können.

Der geheime Komplize: Dein Freund und Helfer

Dokovich hat eine lange kriminelle Vorgeschichte, in der er ständig die Identitäten wechselte und Ende der 1990er-Jahre in den USA verhaftet und ausgeschafft worden war. Die kroatische Staatsanwaltschaft lüftet nun auch das Geheimnis, wie er es trotz einschlägiger Bekanntheit geschafft hat, eine Fluggesellschaft zu gründen und monatelang unbehelligt Kokain um die Welt zu fliegen. Er hatte einen Helfer bei der Polizei. Der kroatische Polizist Ivica Lesic (36) hat ihm für die Erstellung einer neuen Identität Daten aus der Polizeidatenbank geliefert und ihn vor Fahndungen gewarnt. Auch Lesic steht nun vor Gericht und wird zudem von Serbien wegen Spionage verfolgt.

Der Bandenchef und seine Crew sind gefasst, doch zahlreiche Fragen bleiben offen. Etwa zu den Lieferanten aus Südamerika, zur Asien-Route oder für wen das Kokain in den 21 Koffern bestellt war. Die Fragen zu stellen, hiesse jedoch die schöne Schlussszene des Europol-Krimis zu trüben, die da heisst: Ende gut, alles gut.

Kokain im Überfluss

Wie entwickelt sich der Kokainhandel in Europa und in der Schweiz?

Seit der Entwaffnung der Farc-Rebellen in Kolumbien, wo am meisten Kokain produziert wird, haben sich die Anbauflächen vervielfacht. Gleichzeitig wurde der Handel durch neue Kommunikationsmittel vereinfacht. Es hat eine «Uberisierung» der Drogendealer stattgefunden. So gelangt mehr Kokain nach Europa. In der Schweiz ist eine Dosis zum Preis eines Kinotickets zu haben. Die Reinheit steigt, während die Preise auf tiefem Niveau stabil bleiben. Das zeigt, dass es sich die Dealer weniger leisten können, die Ware zu strecken, sonst verlieren sie Kundschaft.

Wer sind die Konsumenten?

Es gibt in der Schweiz drei Gruppen. 80 Prozent sind Gelegenheitskonsumenten. Sie ziehen ab und zu am Wochenende eine Linie. Diese grösste Gruppe konsumiert aber nur etwa 20 Prozent des Kokains auf dem Schweizer Markt. Den grossen Rest schnupfen zwei Gruppen, die je 10 Prozent der Kokser ausmachen. Erstens die Junkies, die hauptsächlich Heroin nehmen und nebenbei noch Kokain. Sie kaufen unter Zeitdruck kleine Mengen bei Nigerianern auf der Strasse. So erhalten sie die schlechteste Qualität mit gefährlichen Streckmitteln. Die gute Ware kauft – zweitens – die Gruppe der Gutintegrierten, die während der Arbeit und im Sozialleben dauernd auf Kokain ist. Das ist die beste Kundschaft: Sie bestellt grosse Mengen anonym nach Hause und erhält so die beste Qualität.

In welchen Schweizer Städten wird am meisten gekokst?

© CH Media

In den Top Ten von Europas Städten mit dem höchsten Pro-Kopf-Konsum nimmt die Schweiz gleich vier Plätze ein. Bisher stand immer die Party- und Bankenstadt Zürich national auf dem Spitzenplatz. Doch im Jahr 2019 ist etwas Spezielles geschehen: St. Gallen hat Zürich überholt. Das zeigt eine Auswertung der Abwasseranalysen. Es könnte sein, dass die Leute in St. Gallen tatsächlich noch mehr koksen als in Zürich. Wahrscheinlicher erscheint aber eine andere Erklärung: In St. Gallen könnte mehr Kokain mit einem hohen Reinheitsgrad konsumiert werden. Es könnte sein, dass hier die Gruppe der gut betuchten Konsumenten, die sich grosse Mengen in Topqualität nach Hause liefern lässt, einen besonders grossen Anteil ausmacht.

Wie entwickelt sich der Konsum?

In Zürich, St. Gallen, Basel und Genf zeigt der Trend in dieselbe Richtung: steil nach oben. In St. Gallen haben sich die im Abwasser gemessenen Werte in sieben Jahren vervierfacht. In Zürich hat eine Verdoppelung stattgefunden. Nur in einer grossen Stadt findet eine andere Entwicklung statt: Im Berner Urin finden sich bereits zum zweiten Mal in Folge leicht tiefere Werte gegenüber dem Vorjahr. Die Bundesstadt schafft es damit aber immer noch auf Platz 18 des europäischen Städterankings, vor Brüssel und Paris etwa.

Was unternimmt die Polizei?

Sie büsst und büsst und büsst. Die Zahl der Strafanzeigen wegen Kokainkonsums steigt seit 2015 von Jahr zu Jahr auf den aktuellen Höchststand von 4200 Beschuldigten. Am meisten Kokser findet die Polizei in der Altersgruppe der 30- bis 34-Jährigen. Nur jede siebte verzeigte Person ist eine Frau. Der Ausländeranteil liegt bei 50 Prozent (bei einem schweizweiten Ausländeranteil von 25 Prozent).

Wird die Polizei also repressiver?

© CH Media

Nein. Die Zahl der Strafanzeigen steigt parallel zur Zahl der Konsumenten. In der neuen Kokainhauptstadt St. Gallen ist die Polizei sogar laxer geworden. Es ist die erste Schweizer Stadt, in der es offiziell erlaubt ist, zwei Gramm Kokain mit sich herumzutragen. Der Konsum aber bleibt strafbar. Gemäss Bundesgesetzgebung ist der Besitz von «geringfügigen Mengen» straffrei. Die Interpretation ist Sache der Kantone.

Wie hat sich der Lockdown auf den Kokainmarkt ausgewirkt?

Die Massnahmen gegen die Coronakrise sind ein gigantisches Antidrogenprogramm. Transportwege wurden gekappt, Grenzen geschlossen, Clubs und Bars mussten dichtmachen, das Sozialleben stand still. Man könnte also erwarten, dass der Kokainmarkt eingebrochen ist. Eine Studie der Stiftung Schweiz, die derzeit in Arbeit ist, kommt aber zu einem anderen Zwischenresultat: Der Reinheitsgrad und die Preise sind unverändert geblieben. Der Drogenhandel hat also weiterhin funktioniert. Der Markt ist resilient.

Müssen wir uns Sorgen machen?

Frank Zobel, Vizedirektor von Sucht Schweiz, sagt: «Bei den meisten Konsumenten ist Kokain nur eine Phase. Sie gehen meistens vorsichtig damit um und sind nicht gefährdet.» Gefährlich sei die Droge für die Dauerkonsumenten: «Einige Streckmittel können krasse Nebenwirkungen haben.» Zudem drohen Herz- und Kreislaufprobleme. Das Suchtpotenzial ist beträchtlich: Auf das Hoch folgt ein Down, eine Art Depression, die mit erneutem Konsum überbrückt werden kann.

Meistgesehen

Artboard 1