So unscheinbar, und doch so gross: Innerhalb eines Jahres ist die 16-jährige Greta Thunberg aus Stockholm zum Gesicht einer weltweiten Klimabewegung geworden, die in Lausanne ihren vorläufigen Höhepunkt fand. An der Universität begann der Europäische Gipfel der «Fridays for Future»-Streiks. Es ist der Versuch, aus den Protestmärschen in den Strassen, konkrete Ziele zu formulieren. Zum ersten Mal treffen während einer Woche 450 junge Klima-Aktivisten aus 37 Ländern Europas in einem professionellen Rahmen zusammen, um über ihre Strategie zu debattieren.

Mittendrin ist auch Greta. Vergeblich betonen die Organisatoren des Klimagipfels «Smile for Future», dass die Schwedin nicht im Zentrum der Veranstaltung stehen soll. Alle Blicke und Kameras richten sich auf die junge Frau, als sie den Raum für die Pressekonferenz betritt. Mehrfach muss die Moderatorin um Ruhe bitten, um mit der Diskussion beginnen zu können. Auf der Bühne sind auch der Schweizer Nobelpreisträger Jacques Dubochet und Ernst von Weizsäcker, Ehrenpräsident des Club of Rome.

Greta Thunberg in Lausanne: «Wir kratzen noch immer an der Oberfläche»

Greta Thunberg in Lausanne: «Wir kratzen noch immer an der Oberfläche»

Mit einer Medienkonferenz begann am Montag in Lausanne der Klimagipfel “Smile for future”. Mit dabei waren Jacques Dubochet, Greta Thunberg und Ernst von Weizsäcker. Sie sprachen vor versammelter Menge. Bis Freitag treffen sich mehr als 450 junge Aktivisten an der Universität Lausanne, um über Klimafragen und die Zukunft ihrer Bewegung zu diskutieren.

Sie sei etwas müde, weil sie schon so viel gesprochen habe, sagt Greta. «Sehr dankbar» sei sie für die Organisation dieses Gipfels und für die weltweiten Klimastreiks. Viel mehr habe sie aber eigentlich nicht zu sagen. Auf Nachfragen der Journalisten tut sie es dennoch. Mal sehr detailliert und besonnen, mal kurz und etwas gelangweilt.

Gespräche mit Obama und Schwarzenegger

Die Teenagerin, die inzwischen Ex-US-Präsident Barack Obama oder den ehemaligen Gouverneur Kaliforniens, Arnold Schwarzenegger, zu ihren Gesprächspartnern zählt, gewährt einen Blick in ihr neues Leben. «Die letzten Monate waren sehr speziell.» Sie müsse sich manchmal kneifen, um zu wissen, ob das alles nur ein Traum sei. Dabei sei sie nicht gerne im Zentrum der Aufmerksamkeit. «Ich bin nur eine von vielen Aktivisten.»

Sie und ihre Altersgenossen würden lieber in den Alltag zurückkehren, als protestieren zu gehen oder sich hier in Lausanne zu organisieren, sagt Greta. «Wir sind Kinder. Es wäre schön, wenn uns mehr Erwachsene unterstützen und Last von unseren Schultern nehmen würden.» Sie müsse sich selber öfters daran erinnern, dass sie für eine gute Sache kämpfe und sich der Aufwand lohne, wenn die Medien über sie berichteten. Greta setzt derzeit für ein Jahr lang die Schule aus, um sich für ihr Anliegen einzusetzen. Ihre Forderung: Reiche Industrieländer sollen ihre Treibhausgasemissionen jährlich um 15 Prozent senken, so wie es der Weltklimarat verlangt. In sechs bis zwölf Jahren sollen die Emissionen bei null liegen.

Im Saal nebenan sind derweil rund 450 junge Klimastreikende daran, an diesen Taten zu arbeiten. Im Verlauf der Woche möchten sie einen gemeinsamen Nenner für ihre Ziele, Werte und politischen Forderungen finden. Einer der Aktivisten ist der 18-jährige Petr Doubravsky. «Ich bin mit dem Bus aus Tschechien angereist, um einen Beitrag an die globale Bewegung zu leisten.» In seinem Heimatland habe er die «Fridays for Future»-Proteste mitinitiiert, nun wolle er Kontakte knüpfen und die künftige Strategie mitdefinieren. Der Saal ist durchmischt: Barfuss laufende Teenager mit Rasta-Haaren sind ebenso vertreten wie Anzug tragende Mitzwanziger. Die Mehrheit ist über 18 Jahre alt. Männer und Frauen sind etwa gleich stark vertreten.

Mehrweglaschen statt PET-Cola

Die Bewegung ist weit gekommen. Doch nun stellt sich die Frage: Wie weiter? Reichen die symbolstarken Proteste in den Strassen von Zürich, Berlin und Paris? Oder braucht es für einen nachhaltigen Erfolg eine professionelle, zentrale Organisation? Es könnte ein Wendepunkt für die Bewegung sein. Das weiss auch Aktivist Petr Doubravsky, als er mit fünf anderen Aktivisten aus der Ukraine und Moldawien zusammensitzt. «Wir sind uns zum Beispiel nicht einig, welche demokratische Struktur die Bewegung künftig haben soll, und wie wir das heutige System ändern wollen», sagt Peter. Auf seinem Laptop kleben Sticker gegen Kohlekraftwerke und für Trans-Rechte.

Was auch auffällt: Auf fast allen Tischen stehen Mehrweg-Getränkeflaschen der Teilnehmer, während an der Uni-Kantine nebenan Valser-Wasser und Cola in Plastikflaschen verkauft werden. Heuchler wären rasch entlarvt. Die jungen Teilnehmer diskutieren konstruktiv. Die Methodik erinnert derweil an Primarschul-Arbeiten: Die einzelnen Gruppen, in denen Englisch gesprochen wird, schreiben ihre Ideen auf farbige Zettel, die sie dann vorne auf einer Tafel aufhängen: «Grosse Streiks während den Sommerferien organisieren», «Enger mit Gewerkschaften zusammenarbeiten», «Monatliche Telefongespräche mit allen Ländern». Mithilfe weiterer Workshops soll bis Ende Woche die neue Strategie entstehen.

Per Schiff nach New York an den Klimagipfel

Bei Zwischenfazits, die auf der Bühne besprochen werden, wird in der Regel nicht applaudiert, sondern zustimmend mit beiden Händen in der Luft gewedelt. So wird zum Beispiel entschieden, dass eine Handy-App nicht oberste Priorität hat. Ist Stille im Saal nötig, wird der so genannte Schweigefuchs mit der Hand geformt.

Greta bleibt die ganze Woche in Lausanne, um sich in die Gespräche einzubringen und am Freitag beim abschliessenden Klimastreik teilzunehmen. Mitte August will sie dann mit ihrem Vater in See stechen: Mit einer emissionsfreien Hochseejacht fährt sie über den Atlantik nach New York, um Ende September am Uno-Klimagipfel teilzunehmen.