Analyse

Grenzenlose Liebe: Der Staat will Beweise!

Lucien Fluri

Wir reisten ins Ausland, lernten Menschen kennen und lieben. Dann kam Corona und der Staat schränkte das grenzüberschreitende Lieben ein. Eine Analyse, warum in der Coronakrise der behördliche Mief der «Schweizermacher» zurückgekehrt ist.

Und dann das: Innert weniger Minuten begräbt eine Bundesbeamtin die letzten Hoffnungen auf die grenzenlose Liebe.

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Eigentlich hat die Beamtin aus dem Justizdepartement vergangene Woche Erfreuliches verkündet: Partner und Partnerinnen, die in einem Drittstaat – also ausserhalb des europäischen Schengenraumes – leben, dürfen endlich wieder zu ihren Liebsten in die Schweiz. Vorbei die staatlich erzwungenen Trennungen!

Doch so einfach geht das nicht in diesem Land, das auch in der Liebe wohlorganisiert ist. Der Bund stellt Bedingungen: Es braucht nicht nur einen Einladungsbrief aus der Schweiz. Es müssen nicht nur Visahürden und Quarantäneregeln umschifft werden.

Beide müssen eine Paarbestätigung unterzeichnen. Sie müssen Fotos, Telefonabrechnungen oder alte Flugtickets vorlegen - oder die Beamten gleich an Liebes-E-Mails teilhaben lassen. Beweise, dass die Partnerschaft «langandauernd» ist. Wer seine Beziehung leben will, muss den Staat durch das Schlüsselloch blicken, sich quasi unter die Bettdecke schauen lassen.

Emil und die Schweizermacher leben auf!

Es sind über 40 Jahre her, seit die «Schweizermacher» mit Emil gedreht wurden. Tempi passati? Nun, sehen wir:

In der Krise schimmert durch, wie tief das traditionelle Familienbild verwurzelt ist. Lebensformen wie die Partnerschaft: Für den Staat sind sie suspekt, im Zweifel vernachlässigbar. Plötzlich ist die Ehe - nichts gegen sie! - als Beziehungsform so wichtig wie lange nicht mehr. Nur sie ermöglichte es in Coronazeiten, sich über die Grenzen zu treffen. Nur sie garantierte, dass Liebesbeziehungen 2020 gelebt werden können.

Der Staat hat dies so gesteuert

Es griffe zu kurz, nur Corona dafür verantwortlich zu machen: Es waren stets bewusste Entscheide der Behörden, die (mit)verhinderten, dass sich Liebende treffen konnten. Zwei Beispiele:

Erstens: Bereits bei der Frage, ob sich deutsch-schweizerische Paare besuchen durften, zierte sich die Schweiz, eine rasche Lösung zu finden. Die Grenze blieb zu. Während Österreich Lösungen suchte, sagte Bundesrätin Karin Keller-Sutter Ende April im Interview mit der «Schweiz am Wochenende»: Ehepartner, also verheiratete Paare (und nur sie), könnten sich ja treffen. Und für alle anderen blieben die Grenzen «ja nicht dauerhaft geschlossen». Neben Härtefällen erlaubte man nur Grenzübertritte, die «auch im volkswirtschaftlichen Interesse» liegen.

Zweites Beispiel: Heute kann jeder Schweizer wieder ins (nahe) Ausland und zurück reisen. Berlin, Bergamo, Belgrad, alles möglich. Die Quarantänepflicht bei Rückkehrenden aus Risikogebieten wird nur lückenhaft kontrolliert. Die Reisen sind erlaubt, obwohl aus epidemiologischer Sicht nicht immer sinnvoll. Doch während Berlin, Bergamo und Belgrad für uns Schweizer möglich sind, waren Einreisen für Liebende aus Israel oder Kolumbien, aus Russland oder den USA bisher unmöglich. Wie diese Ungleichbehandlung epidemiologisch zu begründen ist, bleibt schleierhaft.

In der Krise blitzen die alten Muster auf

Wir flogen durch die Welt, wir lernten Leute kennen und lieben. Es war ein sorgloses Vor-Corona-Leben, das plötzlich verschwunden ist. Seinen Wert erfassen wir erst jetzt wirklich. Plötzlich bleiben Grenzen zu, können Beziehungen nicht mehr gelebt werden. In der Krise greift der Staat auf Bekanntes, Konservatives zurück. Auf die klassischen Muster sind wir schneller zurückgeworfen, als uns lieb ist. Man reibt sich verwundert die Augen, welche Beziehungsform der Staat im Jahr 2020 im Zweifelsfall bevorzugt. Die gesellschaftlichen Öffnungen der letzten Jahre schienen uns selbstverständlich, unumkehrbar.

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