GRENZAFFÄRE
Hat die Schweiz Migranten nach Frankreich verfrachtet?

Laut Pariser Medien hat die Schweiz 41 Migranten im TGV nach Paris geschickt – und sogar ihr Zugbillett bezahlt. In Bern hält man diese Darstellung für «unwahrscheinlich».

Stefan Brändle, Paris
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Im Zug durch Europa irren: Immer mehr Migranten aus Afghanistan benutzen die Strecke Wien-Zürich-Paris

Im Zug durch Europa irren: Immer mehr Migranten aus Afghanistan benutzen die Strecke Wien-Zürich-Paris

Keystone

Mittwochabend im Gare de Lyon. Als der letzte TGV aus Zürich um 21.41 Uhr in den Pariser Bahnhof einfährt, sind unter den Ankommenden auch 41 Migranten. Die Polizei fordert sie auf, sich in einer Zweierkolonne aufzustellen, und führt sie zur Überprüfung der Formalitäten ab. Die Afghanen erzählen, sie seien von Österreich in die Schweiz und von dort nach Frankreich weitergereist. Und sie fügen ein pikantes Detail an: Die Schweizer Behörden seien damit nicht nur einverstanden gewesen, sie hätten ihnen auch die Zugreise im TGV Zürich-Paris bezahlt.

Bis an den Ärmelkanal

Diesen Vorgang schilderte die Zeitung Le Parisien in ihrer Sonntagsausgabe. Der Beitrag stösst in Frankreich auf umso mehr Echo, als das Thema Migration dort in aller Munde ist: Die Präsidentschaftswahlen nähern sich; und dazu hat der Versuch Tausender Migranten, von Calais aus nach England überzusetzen, zu einem bilateralen Streit mit London und zum tragischen Tod von 27 Bootsmigranten geführt.

Le Parisien bringt selber Fragezeichen zur Darstellung der TGV-Reisenden an. Die Zeitung zitiert korrekt die Stellungnahme der schweizerischen Migrations- und Zollämter, die von nichts wissen wollen und klarmachen, dass die Schweiz die «Sekundärmigration» innerhalb Europas bekämpfe. Das Pariser Lokalblatt fügt immerhin eine Bemerkung an: Selbst wenn die Schweizer Behörden die Tickets nicht bezahlt hätten, hätte ihnen eine Gruppe von 41 Migranten im Bahnhof doch auffallen müssen.

Der Artikel von «Le Parisien»

Der Artikel von «Le Parisien»

Kenner der Verhältnissen stufen die Pariser Darstellung gegenüber CH Media als «unwahrscheinlich» ein. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) erklärte auf Anfrage, es habe «keine Kenntnis» von dem Fall und habe von den französischen Behörden eine Präzisierung erbeten. Die Eidgenössische Zollverwaltung präzisierte allgemein, dass «vermehrt irregulär einreisende afghanische Migrantinnen und Migranten» aus Österreich in die Schweiz kämen. Wenn sie kein Asyl beantragten und volljährig seien, würden sie der Kantonspolizei St. Gallen überwiesen und aus der Schweiz weggewiesen. «Sie haben danach sieben Tage Zeit, um selbstständig das Land zu verlassen“, hält die Zollverwaltung fest. «Die Kosten für Bahntickets werden nicht übernommen.»

Das französische Innenministerium will den Fall nach eigenen Angaben abklären. Gegenüber Le Parisien erklärte es: «Wenn die Schilderung zutreffen sollte, wäre das inakzeptabel.» Einig sind sich die französischen und Schweizer Stellen, dass der Korridor Wien-Zürich-Paris von afghanischen Migranten in letzter Zeit wieder stark benutzt wird – möglicherweise eine Folge der Taliban-Machtergreifung in ihrem Land.

Halt im Grünen?

So wie die Schweiz die asylgesuchslosen und volljährigen Einreisenden nach Österreich zurückschafft, schickt sie Frankreich in die Schweiz zurück. Die französische Bahn SNCF prüft derzeit in Absprache mit der Regierung in Paris, die Züge aus der Schweiz nach dem Passieren der Grenze zu einem «technischen Halt» im Grünen zu veranlassen, um Zollkontrollen durchzuführen. So geht die SNCF schon in Südfrankreich mit Zügen aus Italien vor.

Auch wenn die ominöse Frage der Ticket-Bezahlung ungeklärt ist, zeigt der Fall der 41 Afghanen generell die Absurdität des europäischen Asylverfahrens auf. Viele zieht es nach England, wo sie Bekannte haben, Arbeit finden und sich sprachlich verständlich machen können. Die Rückschaffung von Frankreich in die Schweiz, von dort nach Österreich und von dort in das «Ersteintrittsland» der EU – häufig Griechenland – gleicht vor allem einer Sisyphusarbeit. Und zwar für die Migranten wie auch für die Behörden. Wobei von den 41 Migranten nur fünf wirklich zurückgeführt werden; die anderen irren in Europa umher und setzen am Ärmelkanal ihr Leben aufs Spiel.

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