Tunnel-Fest
Gotthard-Fan: «Schnäll mal dure go Risotto frässe»

Der Besuch beim Publikumsfest zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels war ein Bad in uralt-moderner Swissness. Das Gefühl «Wir-sind-ein-einig-Volk-von-Bahnern» schwebte am Wochenende über allem.

Max Dohner, Rynächt
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Besucher laufen in Rynächt auf den ersten Zug am Samstagmorgen.
25 Bilder
Rynächt: Wer im ersten Zug, der durch den Gotthard-Basistunnel fährt, einen guten Platz will, muss sich sputen.
Der erste Zug fährt von Rynächt Richtung Pollegio
Besucher halten die Einfahrt ins Südportal des Gotthard-Basistunnels in Pollegio fest
In Pollegio
Im Tunnel werden die Handys gezückt
Blick aus dem Zug aufs Festgelände in Erstfeld
In Erstfest wird gefeiert
Volksfest zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels
Festplatz Rynächt beim Nordportal in Erstfeld
Festplatz Rynächt beim Nordportal in Erstfeld
Besucher fotografieren am Publikumsanlass in Erstfeld zur Eröffnung des Gotthardbasistunnels
Kabarettist Emil Steinberger wird interviewt vor seinem Auftritt
Emil Steinberger mit seinem Programm «Chileli vo Wasse»
Ein Smiley macht ein Selfie
Besucher schiessen in Rynächt Fotos
SBB-CEO Andreas Meyer zur Eröffnung in Rynächt
Lino Guzzella (Präsident ETH Zürich), Thomas Bieger (Rektor der Universität St. Gallen), Andreas Meyer (CEO SBB), Remo Lütolf (Vorsitzender der Geschäftsleitung ABB Schweiz) und Peter Spuhler, Inhaber und CEO der Stadler Rail Group während dem Medienrundgang
SBB-CEO Andreas Meyer
Peter Spuhler, Inhaber und CEO der Stadler Rail Group, mit einer Brille, mit der man eine virtuelle Reise durch den Gotthard-Basistunnel macht
Pünktlich zur ersten Tunnelshow stehen die Besucher lange Schlange.
André Bernheim von Mondaine mit Hilfikers berühmter Bahnhofsuhr auf dem Kopf und natürlich am Handgelenk. Eine Spezialedition in 2016 nummerierten Tunnel-Exemplaren.
An diesem Tag werden Tausende Erinnerungsfotos geschossen

Besucher laufen in Rynächt auf den ersten Zug am Samstagmorgen.

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Schweizer sind gradlinig», heisst es auf einem Riesenplakat. Deshalb habe die Schweiz jetzt die schnellste Verbindung zwischen Süd und Nord. Die halbe Schweiz, bleibt zu mäkeln. Denn die andere Hälfte, die Schweizerinnen, sind offenbar nicht gradlinig. Aber sie sind «stolz auf diese Kappe!» Das sagte eine Schweizerin gerade heraus, nur ein paar Meter weiter, wo die Credit Suisse rote Kappen mit weissem Kreuz verteilte.

Warum ich das erzähle? Um etwas Bemerkenswertes aufzuzeigen vom Wochenende am Nord- und Südportal des Tunnels: Ging man hier stundenlang unter seinesgleichen, als Teil des «Schweizer Volks», herum, verfestigte sich ein Eindruck mit jedem Schritt mehr: In den letzten fünfzig Jahren hat dieses Land in Wahrheit keinen Bruch erlebt.

Von Bruch schwafelt nur die Politik. Natürlich hat sich die Schweiz verändert. Sie ist zersiedelt, um zwei Millionen gewachsen, international konkurrenzstark, reich, gewieft und verwöhnt. Gefühlt aber ist die DNA dieses Landes noch immer hart wie Bergbauernbrot, wie Gotthardgneis.

Kinderwagen und Rollatoren

Weltmeister sei die Schweiz jetzt dank einem Loch. «Wenn man bedenkt», sagt eine Frau, «dieses Bohren durch den Stein.» Seis drum: Weltmeisterlich ist die Schweiz längst in Sachen Organisation. Wenn gestern geschrieben wurde, es habe «wenige Engpässe gegeben» beim Transport der Leute zwischen den Festplätzen, ist das als Pedanterie schlicht gemein. Die Wahrheit ist: Es hat hervorragend geklappt. Das Abenteuer Tunnel dagegen ist ein Klacks, Schweizer Organisation die wahre Sensation. Würdigen konnten das adäquat leider nur die Deutschen.

Dutzende gaben auf Schritt und Tritt Auskunft, welcher Bus wohin ging. Keinen Bus liess man überladen fahren. Hinter ihnen stand Polizei, um die Leute abzusichern gegen die Strasse, wo der Verkehr natürlich weiterrollen musste. Diskret über dem Parkplatz beim Erstfelder Brummi-Zentrum wachten Leute mit Adleraugen auf einer Felsplattform. Die Armee hielt Wache an strategischen Punkten. Helikopter kreisten. Sanität und Feuerwehr hatten ihre Basen. Securitas ordnete Fussgänger. Selbst die Stützen des Infozelts der SBB waren mit Sandsäcken beschwert. Schweizer ordnen im Heer, denken aber an alles. Kein Heer der Welt schüfe das jedoch ohne Freiwillige, deren Zahl hier Legionen sind.

Vom Kinderwagen bis zum Rollator – alle Alter waren da. Eine unglaubliche Vielfalt der Gesichter. Von der Hausfrau aus dem Thurgau zum Gymnasialrektor aus der Waadt, über den Bürgler Bergler mit Rauschebart bis zum bloss skizzierten, immer aber lächelnden Mondgesicht aus Tibet. Pilger zum heiligen Gotthard. Wer für die Pilgerreise sorgt, gerät selber in die sakrale Aura: die Bahn. Jeder Schweizer, jede Schweizerin hat 3000 Franken bezahlt für die Neat. Für Gütergleise, auf denen ab und zu auch Publikum rollt, in einer Zahl, die jede S-Bahn spielend jeden Morgen übertrifft. Selbst Kaderleute der SBB können dieses Mysterium kaum fassen.

Festbänke und Bratwürste

Dieses «Wir-sind-ein-einig-Volk-von-Bahnern» schwebte am Wochenende über allem. Es herrschte Tunnel-Expo. Alles da wie vor vierzehn Jahren auf den Arteplages: Firmen und Pavillons, Technik-Shows, Kunst-Medien-Bling-Bling. Aufleuchtende Kristalle etwa auf einem Lichtdom-Fels, über den Lichtquellwasser sprühte. Was nutzt ein realer Bristen vor der Nase, wenn das Gotthard-Feeling im verdunkelten Pavillon echter wirkt? «Da isch d’Zukunft», heisst es. Gemeint ist weder der Gotthard noch die Neat. Sondern die 3D-Brillen, mit denen sich alles «360 Grad virtuell-reell» erleben lässt.

Da treibt man also unter seinesgleichen, sitzt in der «Betonhalle» auf den gleichen Holzbänken. Es ist längs getischt wie in jeder Turnverein-Festhütte. Auch das ein unzerstörbarer Reflex: Festbänke ohne Lehnen, Bratwurst, Raclette, Älplermagronen – so ist Stimmung, das ist Fest. Die Pünktlichkeit, mit der ein langer Tunnel fertig gebaut wurde, gilt auch fürs Essen. Schlag zwölf Uhr ist die Menge hungrig. Auch mit neuer Neat-Zeit: «Wir gehen», sagt ein Vater zu seinen zwei Söhnen, «schnäll mal dure nach Pollegio go Risotto frässe.»

Man musste nicht lange anstehen, auch hier nicht. Dafür sorgte unter anderem ein «Radgrill», aus Aluminium gefertigt, natürlich im Tunnelprofil. Die Preise waren satt, nicht überrissen. Die Leute durchs Band entspannt, cool und höflich. Immer etwas schwatzhaft bei Ausflügen, passend zum Wetter ausgerüstet, nicht überschäumend, ordentlich munter, ohne jeden Hauch von Griesgram. «Volkskörper» – ein traumatischer Begriff; hier, mitten drin, war er sehr verträglich.

Wenn Männer zu Buben werden

Und noch etwas: zur angeblichen Moderne, in welche dieses Land jetzt ein Loch geschlagen habe, um mit Volldampf durchzubrausen. Ohne den Dampf der Nostalgie wäre das nicht möglich gewesen. Das zeigte sich im Depot Erstfeld, bei den sogenannten Legenden: «Gotthard-Loki» (Ae 6/6 mit Kantonswappen), «Roter Pfeil», «Elefant» und «Kroki». Da rannten Männer Buben über den Haufen für ein Trainspotter-Bild, weil auch sie wieder Buben waren. Da wirkte jede Aufregung während der Fahrt im Tunnel künstlich, weil man hier echtes Fieber erlebte. Kein Tunnel der Welt wird auch nur annähernd das Karma solcher «Legenden» annehmen, geschweige denn die Wunder der Bergstrecke aufsaugen können.

Emils gefühlt tausendstes «Chileli vo Wasse» in Rynächt war ein Abgesang.

Der Schweizer Vater hats seinen Söhnen bereits beigebracht: «Schnäll mal dure go Risotto frässe. Dänn gats sofort zrugg.»

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