Die Debatte wird – wie oftmals, wenn es um religiöse Themen geht – emotional geführt: Sollen die hiesigen Kirchenglocken auch in der Nacht im Viertelstundentakt läuten dürfen? Es geht um christliche Werte, Tradition – und um erholsamen Schlaf. Denn mit diesem Argument, alimentiert von einer ETH-Studie, kämpfen in mehreren Gemeinden Anwohner gegen die nächtlichen Glockenschläge. Das Bundesgericht wird sich demnächst mit der Problematik befassen.

Gestern nun haben die Gegner des «Viertelstundentakts» Support von vermeintlich unerwarteter Seite bekommen. In einem Meinungsbeitrag in der «Nordwestschweiz» zeigt Gottfried Locher, Präsident des Evangelischen Kirchenbundes, Verständnis für ihr Anliegen: «Vermeiden wir, dass der kostbare Glockenklang zum Lärmproblem wird. Darum mein Tipp: Freuen wir uns einmal pro Stunde an diesem Solidaritätsruf, Kunsthandwerk und Friedenspuls.»

«Im abstrakten Sinn zustimmen»

Wenn sich also der oberste Protestant der Schweiz offen zeigt für den nur noch stündlichen Glockenschlag, muss das der Basis, die sich für die Beibehaltung der Tradition einsetzt, gehörig in die Knochen fahren – könnte man meinen. In der Berner Gemeinde Worb, wo der Glockenstreit gerade besonders virulent geführt wird, zeigt man sich aber erstaunlich versöhnlich. «Ich bin froh, dass sich Locher zu Wort gemeldet hat. Sein Meinungsbeitrag ist besonnen, ich kann ihm im abstrakten Sinn voll zustimmen», sagt Werner Lüthi, Präsident des Kirchgemeinderates von Worb.

Zur Erinnerung: Es war der gleiche Kirchgemeinderat, der einstimmig beschlossen hat, den Entscheid der Berner Kantonsverwaltung ans Verwaltungsgericht weiterzuziehen. Denn die Behörde wollte die Gemeinde mit Verweis auf die ETH-Studie zwingen, den Viertelstundenschlag in der Nacht auszusetzen.

Dammbruch befürchtet

Der Kirchgemeinderats-Präsident von Worb fürchtet sich denn auch weniger vor einem allfälligen Verbot der aktuellen Praxis, sondern vor einem «Dammbruch». Wenn man nun den Viertelstundenschlag abschalte, komme bald schon die Forderung, selbes mit dem stündlichen Glockenschlag und dann letztlich gar mit dem kirchlichen Geläut zu tun. «Und das will ich keinesfalls», so Lüthi.

Er verweist darauf, dass sein Rat die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich wisse. Das schliesse er aus Rückmeldungen aus der Bevölkerung und der Diskussion auf einem lokalen Online-Portal. «Wir wollen nicht das Interesse von Einzelpersonen über dasjenige der Allgemeinheit stellen», so Werner Lüthi.

Im zürcherischen Wädenswil ist der Kirchenglockenstreit ähnlich gelagert – auch in diesem Fall befassen sich nun die Gerichte mit der Forderung nach Abschaltung des nächtlichen Geläuts. Für eine Reaktion auf Lochers Beitrag war der zuständige Kirchgemeinderat gestern nicht erreichbar. Vor zwei Tagen argumentierte der Kirchenpflegepräsident aber auch mit dem Willen der Bevölkerungsmehrheit – dies habe eine Petition ergeben.

iWatch im Stall

Und was sagt eigentlich die katholische Kirche zur Polemik? Das Bistum Basel richtet auf Anfrage aus, dass das weltliche Zeitschlagen zwar «eine lange Tradition» habe, aus kirchlicher Sicht – anders als das theologisch begründete, kirchliche Glockengeläut – «aber nicht erforderlich» sei. Bischof Felix Gmür bitte Kirchgemeinden demnach um Nachsicht, wenn es darum geht, das weltliche Glockenschlagen der Uhrzeit einzuschränken.

Der Sprecher des Bistums Chur, Giuseppe Gracia, wird gar pathetisch. «In vergangenen Jahrhunderten, als viele Menschen um 5 Uhr morgens ohne Handy und iWatch in den Kuhstall mussten und froh waren um den Weckruf der Glocken des Herrn, war es sicher wichtig, ob sich die Glocken alle 15, alle 30 oder nur alle 60 Minuten meldeten», schreibt er. Dies sei mittlerweile überholt. «Gott wird nichts dagegen haben, wenn wir die Glockensache
etwas lockerer sehen.»