Für ihren sanften Umgang mit dem Regime von Irans umstrittenen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad wurde Bundesrätin Micheline Calmy-Rey im In- und Ausland oft kritisiert. Zuletzt regte sich offenbar sogar im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) Widerstand dagegen, dass die Schweiz die harten Sanktionen der EU gegen Iran nicht umsetzen will, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete.

Unterstützung bekommt Micheline Calmy-Rey nun von Michail Gorbatschow, dem ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion. Für den heute 79-Jährigen Friedensnobelpreisträger ist die liberale Politik der Schweiz gegenüber Iran vorbildhaft: «Handel und Kooperation mit Iran müssen weitergehen», sagt Gorbatschow im Gespräch mit dem «Sonntag». Gleichzeitig ist für ihn klar: «Es ist inakzeptabel, das Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangt.»

Verhärtete Fronten

Im Konflikt um Teherans Atomprogramm sind die Fronten verhärtet: Noch in diesem Monat will die islamische Republik trotz internationaler Kritik ihr erstes Atomkraftwerk in der Nähe der Stadt Bushehr in Betrieb nehmen. Fertig gestellt wurde das Kraftwerk mit russischer Unterstützung.

Die USA hingegen tun alles, um Iran international zu isolieren - die US-Regierung übt Druck auf alle Firmen aus, die weiter mit Teheran geschäften. Das spürt auch die Axpo-Tochter EGL, die mit Iran 2008 einen milliardenschweren Gasliefervertrag geschlossen hat. Sie sah sich vergangene Woche gezwungen zu sagen, dass noch nicht alle Bedingungen erfüllt seien, um den Vertrag umzusetzen.

«Normale Atmosphäre schaffen»

Isolation sei im Umgang mit Iran jedoch der falsche Weg, findet Michail Gorbatschow. «Es muss eine normale Atmosphäre geschaffen und Vertrauen aufgebaut werden. Nur so kann der Atomstreit gelöst werden.»

Gorbatschow weiss, wovon er spricht: Er war Präsident der Sowjetunion, als der Kalte Krieg und das nukleare Wettrüsten mit den USA ihren Höhepunkt erreicht hatten und die Welt am Rande eines Atomkriegs zu stehen schien. «Damals, 1985, sah es so aus, als könne nichts getan werden, um diesen Konflikt zu lösen», sagt Gorbatschow. «Wie jetzt im Atom-Streit mit Iran.»

Treffen mit Reagan

Doch dann fand im November 1985 Genf ein Treffen zwischen Gorbatschow und dem amtierenden US-Präsidenten Ronald Reagan statt. «Ich habe Reagan am ersten Tag noch als Dinosaurier bezeichnet. Im Gegenzug hat er mich einen tyrannischen Bolschewiken genannt», erinnert sich Gorbatschow. «Trotzdem haben wir innerhalb von zwei Tagen sehr viel erreicht.»

Die beiden Weltmächte waren sich einig, dass es nicht zu einem Atomkrieg kommen darf - das Gipfeltreffen in Genf wurde zum Wendepunkt des Kalten Krieges. «Auch nach dem Treffen haben wir auf dem Dialog beharrt, obwohl es zeitweise so aussah, als ginge die Konfrontation ungehindert weiter», sagt Gorbatschow. «Nur so konnten wir die Abrüstungsverträge mit den USA aushandeln und den Kalten Krieg beenden.»

Noch nicht alle Wege ausgeschöpft

Auch im Atomstreit mit Iran seien noch längst nicht alle Verhandlungswege ausgeschöpft, sagt Michail Gorbatschow. «Deshalb ist es falsch, wenn einige Staaten jetzt mit militärischer Gewalt drohen.» Ein Angriff, so Gorbatschow, hätte einen extrem gefährlichen Konflikt zur Folge.

«Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren», sagt der ehemalige Präsident der Sowjetunion. «Und wir müssen auf Verhandlungen setzen. Dank Präsident Barack Obama habe ich eine grössere Hoffnung, dass noch eine politische Lösung gefunden wird.»