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Google macht Parlamentarier schwul und magersüchtig

Ab dem ersten Buchstaben erleichtert Google das Leben. Wer einen Buchstaben eintippt, erhält automatisch Suchvorschläge. Bei Bettina Wulff schlug das Programm «Prostituierte» vor. Lesen Sie, was Google über unsere Parlamentarier zu wissen glaubt.

Lucien Fluri
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Was Google über Parlamentarier weiss
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Anita Fetz
Christoph Mörgeli
Ruth Humbel
Geri Müller

Was Google über Parlamentarier weiss

Aargauer Zeitung

Bei der ehemaligen deutschen First Lady Bettina Wulff schlug Google als Ergänzung «Prostituierte» vor – ein falsches Gerücht. Wulff fühlte sich verleumdet und klagte. Der Internetgigant weigert sich mit Verweis auf die Informationsfreiheit, den Vorschlag zu entfernen.

Ruth Humbel magersüchtig?

Schlechte Erfahrungen hat auch die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel gemacht. Wer ihren Namen eingibt, dem schlägt Google automatisch das Wort «magersüchtig» vor – ein falsches Gerücht, das sich Humbel jedoch erklären kann. Sie führt es auf ihre frühere Forderung nach einer unterschiedlichen Kostenbeteiligung für Dicke und Dünne bei den Gesundheitskosten zurück. Die Aussage sorgte für Schlagzeilen. «Man hat gespottet, eine Magersüchtige wolle Übergewichtigen das Leben vermiesen», sagt Humbel.

Das Gerücht ist zum Selbstläufer geworden. Wer den auffälligen Vorschlag bei Google sieht, der wird ihn wohl anklicken. Und weil Google die Suchvorschläge auch nach der Beliebtheit der Begriffe richtet, bleibt das Gerücht aktuell. Humbel ist es bei den letzten Wahlen wieder begegnet. «Es hiess, Magersüchtige könne man nicht wählen.» Vorgegangen ist Humbel gegen die Verbreitung des Gerüchts nie. Würde sie intervenieren, so Humbel, hätte dies noch mehr Reaktionen zur Folge.

Politik interessiert kaum

«Völlig egal», was Google mit seinem Namen verbindet, ist es dagegen SP-Nationalrat Daniel Jositsch («Herkunft», «jüdisch»). Es wäre ihm auch egal, wenn er dort als Wirtschaftskrimineller bezeichnet würde. «Das ist ja nur ein Vorschlag und bedeutet nicht, dass etwas auch stimmt», so Jositsch. «Die Auto-Vervollständigung sagt mehr über die Menschen aus, die suchen, als über die Betroffenen.»

Was die Schweizer über ihre Politiker wissen wollen, hat selten mit Politik zu tun. Bei jüngeren Parlamentarierinnen taucht der Begriff «Baby» auf, bei CVP-Präsident Christophe Darbellay die Grösse und beim grünen Nationalrat Geri Müller das Kiffen. SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli («Ehefrau»; «Toupet») hat mit der Affäre rund um sein Museum offensichtlich nicht interessiert – oder Google hat das Programm nicht aktualisiert: Der Skandal taucht nicht auf.

Nicht immer sind die Beispiele lustig: Offenbar leisten sich einige Schweizer auch den Spass, Politiker zu verleumden. Bei SVP-Präsident Toni Brunner etwa erscheint automatisch der Zusatz «schwul». Ein anderes Problem hat SP-Ständerätin Anita Fetz. Vor Jahren erhielt sie Spendengelder vom Basler Financier und Pleitier Dieter Behring. Noch heute verweist Google ungefragt jeden auf den Karrieretiefpunkt.

Gericht gibt Google recht

Darf Google automatisch Verbindungen mit negativen Auswirkungen auf den Ruf fremder Personen ziehen? Bisher hat sich nur ein Schweizer Gericht damit befasst. Ein jurassisches College klagte gegen Google, weil automatisch das englische Wort «scam» (Betrug) in Verbindung mit dem Institut auftauchte. Die jurassischen Gerichte gaben Google recht. Sie argumentierten, dass die Informationsfreiheit wichtiger sei. Wer sich über ein Institut informieren wolle, müsse alle Vorschläge sehen.

Der gewöhnliche Nutzer wisse, dass es sich um einen Vorschlag und nicht um eine Tatsache handle. Das Gericht wertete hoch, dass Suchmaschinen den Zugang zum Internet erleichtern. Müsste Google den Inhalt der Vorschläge kontrollieren, könnte die Suchmaschine wohl kaum noch arbeiten. Das wäre nicht im Interesse der Internetnutzer.

Frankreich und Italien gegen Google

Nicht überall entschieden die Gerichte so: «Frankreich und Italien haben Google stärker in die Pflicht genommen», sagt der auf Technologierecht spezialisierte Basler Anwalt Roland Mathys. Das Schweizer Urteil hält er für «vertretbar», völlig überzeugt hat es ihn nicht. Denn das Gericht gehe davon aus, dass Google nur wiedergebe, was andere Leute gesucht haben, so Mathys. Dass Google möglicherweise selbst Inhalte von Webseiten absuche und damit eventuell als Vermittler zu womöglich persönlichkeitsverletzenden Homepages fungiere, sei zu wenig beachtet worden.

Manchmal überrascht Google: Wer Pamela Anderson sucht, erhält gar keinen Vorschlag – obwohl Videos aus ihrem Schlafzimmer für viele Suchanfragen gesorgt haben. Dass Google nicht perfekt ist, zeigt auch das Beispiel von Christine Egerszegi. Die Aargauer FDP-Ständerätin wird mit «Schwimmen» verbunden. Google überschreibt sie einfach mit der ungarischen Spitzenschwimmerin Krisztina Egerszegi.