Glosse
Die Schweiz - ein wahrhaft fürstliches Gastgeberland: Wenn ein Blaublüter anreist, wird sich ins Zeug gelegt

Der Kluge fährt im Zuge. Das ist auch bei Staatsbesuchen so. Wenn aber ein Blaublüter anreist, dann löst das vielleicht auch eine Zugfahrt aus, die für mehr CO2 sorgt als jede Zugfahrt eines Normalsterblichen.

Lucien Fluri
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Roter Teppich für den Staatsgast: Bundespräsident Ueli Maurer begrüsste im April 2019 in Sargans Erbprinz Alois sowie Sophie von und zu Liechtenstein.

Roter Teppich für den Staatsgast: Bundespräsident Ueli Maurer begrüsste im April 2019 in Sargans Erbprinz Alois sowie Sophie von und zu Liechtenstein.

Keystone/Gian Ehrenzeller

Was waren das für Bilder! Sie wären in Erinnerung geblieben, wären sie nicht von all den Covid-19-Auftritten verdrängt worden. Umweltbewusst zeigte sich Simonetta Sommaruga, als sie im Januar Bundespräsidentin wurde. Im Nachtzug ging es zum Antrittsbesuch nach Wien.

Gute Bilder dazu fehlten nicht, und diese Bilder verfehlten wiederum ihre Wirkung nicht. Auch reiste Sommaruga mit dem Zug (gut fotografiert) ans WEF, um den Mächtigen in Davos ins Klimagewissen zu reden. Die umweltbewusste Umweltministerin, die 2019 noch nach Leipzig oder Berlin geflogen war, machte Zugfahren 2020 zum Statement. Der Bundesratsjet ist kein Statussymbol mehr. Richtiger Luxus ist, wenn man sich auch in diesem stressigen Amt Zeit nehmen kann. Erst recht für den Klimaschutz.

Sonderzug für Seine Durchlaucht

Man darf sich jetzt aber nicht blenden lassen, wenn Staatsoberhäupter in der Schweiz Zug fahren. Vielleicht hat keine andere Zugfahrt eines Normalsterblichen so viel CO2 ausgelöst wie 2019 der Staatsbesuch des Blaublüters Alois von und zu Liechtenstein aus dem benachbarten Ministaat. Im Sonderzuge reiste Seine Durchlaucht mit Bundespräsident Ueli Maurer und Aussenminister Ignazio Cassis von Sargans nach Bern. Doch um den Staatsgast zu empfangen und mit ihm Zug zu fahren, flogen die beiden Bundesräte per Helikopter nach Sargans. Als sich schliesslich der Besuch des Bald-Fürstenpaares zum Ende neigte, startete in Bern Belp der Bundesratsjet und flog Erbprinz Alois sowie Gemahlin (Sophie, eine königliche Hoheit aus Bayern) nach St. Gallen-Altenrhein, wo sie in ihre Limousine umstiegen. Dies zeigt die Auswertung der Flugdaten des Bundesratsjets.

Nein, nein, nein. Jetzt bitte keine Häme. Man darf da nicht knausrig sein. Selbstverständlich steht es auch der republikanischen Schweiz gut an, ein richtig fürstlicher Gastgeber zu sein. Erst recht, wenn einer aus richtig fürstlichem Blut zu Besuch kommt. («Die Schweiz zeigte sich von ihrer freundlichsten Seite», titelte danach die liechtensteinische Presse immerhin.)

Es hat nicht jeder so viel Zeit wie Sommaruga

So oder so nimmt die Schweiz immer mal wieder liechtensteinische Diplomaten oder die Aussenministerin des Ländles im Bundesratsjet mit. Und macht dafür auch mal einen Sonderhalt in Altenrhein. Dagegen ist nichts einzuwenden. Unter guten Freunden gehört sich das so. Die Frage ist nur, was dies in der Schweiz zur Folge hat – ausser CO2 natürlich. Diesen September besuchte Aussenminister Ignazio Cassis für einen Arbeitsbesuch das Ländle. Natürlich mit dem Flugzeug. Bern-Altenrhein-Lugano, so die Flugstrecke des Tessiners. Wohl lag die Nutzung des Flugzeugs am engen Terminplan. (Es hat ja nicht jeder so viel Zeit wie Simonetta Sommaruga.) Und wenn der Fürst in der Schweiz hin und her fliegt, dann muss doch auch ein Bundesrat.

Doch vielleicht hat es einen anderen Grund: Man stelle sich vor, man geht vor die Türe, steigt ins Auto ein, fällt ein-, zweimal um, und schon ist man zu Gast im Nachbarland. Wie klein würde sich da ein Schweizer Aussenminister, wie verzwergt müsste sich ein liechtensteinischer Fürst fühlen. Bringt da ein Flug nicht mindestens das Gefühl, einen wahrhaft grossen Staat zu regieren?