Globale Gerechtigkeit
Impfen ist solidarisch, aber dreimal ist im Moment einmal zu viel

In der Schweiz läuft die Diskussion um die dritte Impfung. In weniger reichen Ländern fehlt der Impfstoff.

Pascal Ritter
Pascal Ritter
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Der Direktor der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus will zuerst die ärmeren Länder beliefern, statt Booster-Impfungen im Norden.

Der Direktor der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus will zuerst die ärmeren Länder beliefern, statt Booster-Impfungen im Norden.

Fabrice Coffrini / KEYSTONE

In den sozialen Medien zeigten einige Nutzer ihren Oberarm mit dem Pflästerchen. Sie wollten damit sagen: «Ich impfe mich, ich bin solidarisch, ich bin ein Vorbild.» In dieser Wahrnehmung ist unsolidarisch, wer sich ohne guten Grund nicht impfen lässt. Weil die Seuche sich vor allem über Ungeimpfte weiterverbreitet und auch solche trifft, die sich nicht impfen konnten oder deren Impfschutz nur schwach ist.

Doch es gibt auch die globale Sicht. Aus dieser Perspektive ist nicht jede Impfung immer ein solidarischer Akt. Während in der Schweiz schon jede zweite Person – vom Säugling bis zum Greis – doppelt geimpft ist, sind es global betrachtet nur 15 Prozent. Und die Unterschiede sind gross. In Kenia ist nur 1,25 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft. 84 Prozent aller Impfungen wurden in Ländern mit hohem oder gehobenem Einkommen gespritzt.

Bereits als die reichen Länder damit begannen, Jugendliche zu impfen, erklang darum Widerspruch. Sollten nicht die Gefährdeten und das Gesundheitspersonal in ärmeren Ländern wenigstens einmal geimpft werden, bevor in den reichen Ländern Teenager dran sind? Nun stellt sich die Frage bei der dritten Impfung erneut. Sie soll den Impfschutz angesichts des mutierenden Virus erneuern. Auch in der Schweiz wird darüber diskutiert.

Die Weltgesundheitsorganisation protestierte diese Woche dagegen, dass reiche Länder die dritte Impfung planen, während anderenorts noch nicht einmal die erste zur Verfügung steht. Da ist etwas dran. Sollten wir uns wirklich eine Auffrischung gönnen, während andernorts der Impfstoff fehlt und wir doch mit zwei Impfdosen relativ sicher sind? In den sozialen Medien gibt es die ersten Wortmeldungen mit der Botschaft: «Doppelt reicht, nun sind die anderen dran.» Das ist eine sympathische Idee. Globale Gerechtigkeit ist wichtiger als die Auffrischung. Allerdings reicht der indivi­duelle Verzicht nicht aus. Die Politik muss sicherstellen, dass der Transfer gelingt und wir nicht im schlimmsten Fall auf abgelaufenem Impfstoff sitzen.

Bisherige Bemühungen um globale Impfgerechtigkeit trugen zu wenig Früchte. Darum ist es eine gute Nachricht, dass im September das Thema an einer globalen Impfkonferenz in Genf besprochen werden soll. Es darf aber nicht bei Worten bleiben.

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