Gleichgeschlechtliche Ehe
Zwist in der Kirche: Die katholischen Frauen widersprechen den Bischöfen und befürworten die «Ehe für alle»

In den verschiedenen Kirchen in der Schweiz herrscht Uneinigkeit zur gleichgeschlechtlichen Ehe.

Kari Kälin
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Der Schweizerische Katholische Frauenbund, der rund 130'000 Frauen vertritt, begrüsst die Ehe für alle, explizit auch die Samenspende für lesbische Paare. (Symbolbild)

Der Schweizerische Katholische Frauenbund, der rund 130'000 Frauen vertritt, begrüsst die Ehe für alle, explizit auch die Samenspende für lesbische Paare. (Symbolbild)

Getty

Joseph Bonnemain gilt als Hoffnungsträger der sogenannten progressiven Gläubigen im Bistum Chur. Gesellschaftspolitisch revolutionäre Signale sendet der Nachfolger von Vitus Huonder vorerst – wenig überraschend – keine aus. Die Ehe für alle, über welche das Volk am 26. September abstimmt, lehnt er ab. Er tue das nicht aus einer konservativen Haltung heraus, sondern weil er finde, dass auf der biblischen Grundlage mit dem Begriff der Ehe eine bestimmte Art der Partnerschaft bezeichnet werde.

«Es ist dies eine lebenslange, treue, für das Leben offene Partnerschaft zwischen Mann und Frau», sagte Bonnemain in einem Interview mit der NZZ. Er argumentiert mit diplomatischen Worten auf der Linie der katholischen Lehre. Gemäss d­em Katechismus nämlich sind «homosexuelle Handlungen in keinem Fall zu billigen». Dort heisst es konkret, die Heilige Schrift bezeichne Homosexualität als «schlimme Abirrung».

Sorgen um das Kindswohl stehen im Vordergrund

Nebst zivilrechtlicher auch kirchliche Trauung für Homosexuelle? Joseph Bonnemain lehnt beides ab.

Nebst zivilrechtlicher auch kirchliche Trauung für Homosexuelle? Joseph Bonnemain lehnt beides ab.

Bild: Christoph Ruckstuhl

Derartiges Vokabular benutzt die Schweizer Bischofskonferenz nicht. In ihrem Positionsbezug führt sie primär ethische Argumente ins Feld. Niemand habe ein Recht auf Kinder, es gebe vielmehr die Rechte des Kindes. Die Bischofskonferenz sei generell gegen die Nutzung der Fortpflanzungsmedizin, auch für heterosexuelle Paare.

Mit Blick auf die Möglichkeit der Samenspende für lesbische Paare sorgen sich die Bischöfe um das Recht der Kinder auf Kenntnis ihrer biologischen Herkunft. Allerdings: Die Vorlage, über die der Souverän entscheiden wird, wahrt das Recht des Kindes auf dessen Abstammung.

Katholischer Frauenbund sieht es anders als Bischöfe

Freilich tickt die katholische Basis bisweilen anders als die Oberhirten. Der Schweizerische Katholische Frauenbund, der rund 130'000 Frauen vertritt, begrüsst die Ehe für alle, explizit auch die Samenspende für lesbische Paare und die Öffnung der Adoption für gleichgeschlechtliche Paare.

Es gebe auch ein anderes Verständnis von Ehe als jenes der katholischen Kirche, so der katholische Frauenbund: «Das Verständnis der Ehe als Ausdruck einer verantwortungsvollen Liebe zweier Erwachsener, unabhängig ihrer Geschlechter.» Und: «Homosexualität ist Teil der göttlichen Schöpfung.»

Mit dem «Njet» zur Öffnung der Institution Ehe, vom deutschen Sozialphilosophen Max Horkheimer einst als «Keimzelle des Faschismus» bezeichnet, stellen die Bischöfe unter den Religionsgemeinschaften keine Ausnahme dar. Die Schweizerische Evangelische Allianz, bei der rund ein Viertel der Mitglieder reformierte Kirchgemeinden sind und der Rest Freikirchen, warnt, die Ehe für alle könnte das Terrain für die Leihmutterschaft ebnen. Und die Allianz befürchtet negative Folgen, wenn ein Kind entweder ohne Mutter oder ohne Vater aufwächst.

Der Dachverband der Regenbogenfamilien kontert mit Studienergebnissen. Diese zeigten, dass sich Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern genauso gut entwickelten wie jene aus konventionellen Familien. Entscheidend sei die Beziehungsqualität und nicht das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung der Eltern.

Islamischer Dachverband: Ehe ist ein freier Entscheid

Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), betont, die Kios sei politisch neu­tral und sehr zurückhaltend bei politischen Fragen. Die Kios dürfte sich ergo kaum exponieren im Abstimmungskampf.

Inhaltlich lehnt sie die Vorlage ab, wie aus einer Stellungnahme Afshars hervorgeht: «Die Ansichten des Islams zur Ehe für alle entsprechen den theologischen Vorstellungen der katholischen Kirche und des Judentums. Die Ehe ist eine Institution zur Wahrung der Familie und hat einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft.»

Die Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids) schliesst sich aus theologischer Sicht den Bischöfen und der Schweizerischen Evangelischen Allianz an. «Diese theologische Sicht ist aber nur ein Teil der Realität», sagt Sprecher Önder Güneş.

«Wenn sich zwei gleichgeschlechtliche Personen zu einer Ehe entscheiden, dann leben sie vermutlich auch schon zusammen und haben die theologische Sichtweise sozusagen abgehakt.» Es sei ihre freie und eigene Entscheidung, ob sie dieses Zusammensein auch rechtlich verankern möchten.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) legt sich nicht auf eine klare Position fest. Nach jüdischer Lehre kann eine Ehe nur zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts abgeschlossen werden, schrieb er in der Vernehmlassung. Jede andere Praxis stehe im Widerspruch zu dieser Denkweise. Der SIG akzeptiere aber die Ehe für alle als Ausdruck persönlicher Freiheit in einem weltlichen Wertesystem.

Kirchliche Trauungen für homosexuelle Paare

Mit einer einheitlichen religiösen Ablehnungsfront sehen sich die Verfechter der Ehe für alle also nicht konfrontiert. Die evangelisch-reformierte Kirche stellte sich schon im November 2019 deutlich hinter die Vorlage. Für sie gilt die göttliche Zusage auf ein Leben in Gemeinschaft ausnahmslos allen Geschöpfen, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Nebst einem Ja zur zivilrechtlichen Ehe für alle gleichgeschlechtlichen Paare empfiehlt sie auch die kirchliche Trauung.

Die Christkatholiken mit rund 13'000 Mitgliedern streben die Schaffung eines einzigen Sakraments an, das für die Ehe heterosexueller und homosexueller Paare gelten soll. Auf zivilrechtlicher Ebene plädieren die Christkatholiken für die gleichgeschlechtliche Ehe.