Erster Weltkrieg
Gilberte de Courgenay: Von der Serviertochter zur nationalen Ikone

Vor 100 Jahren ordnete die Schweiz die Generalmobilmachung an. Viele der Soldaten im Ersten Weltkrieg waren irgendwann im Jura stationiert, wo eine junge Serviertochter zur verklärten Lichtgestalt der geistigen Landesverteidigung wurde.

Peter Schenk
Merken
Drucken
Teilen
Anne-Marie Blanc im Film «Gilberte de Courgenay» (1941) von Franz Schnyder. Mit der Rolle der Petite Gilberte erfuhr sie ihren Durchbruch als Schauspielerin.

Anne-Marie Blanc im Film «Gilberte de Courgenay» (1941) von Franz Schnyder. Mit der Rolle der Petite Gilberte erfuhr sie ihren Durchbruch als Schauspielerin.

Als Ende Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war Gilberte Elsa Montavon 18 Jahre alt. Sie arbeitete wie ihre beiden älteren Schwestern als Serviertochter im elterlichen Hôtel de la Gare im jurassischen Courgenay. Die beiden jüngeren Brüder sorgten für musikalische Unterhaltung in der Beiz mit dem grossen Saal, der während des Krieges zum Treffpunkt der Soldaten und Offiziere wurde.

Da die Grenztruppen in regelmässigem Turnus abgelöst wurden, ist ein Grossteil der Schweizer Soldaten während ihres Aktivdienstes mindestens einmal im Jura gewesen. Viele von ihnen kannten Gilberte. Die hübsche junge Frau war nicht nur lebhaft, heiter und sprachgewandt, sie zeichnete sich auch durch ihre besondere Herzlichkeit aus. Vor allem, sie sprach und verstand Schweizerdeutsch, das sie nach ihrer Primarschulzeit während eines einjährigen Aufenthalts in der Deutschschweiz gelernt hatte. Durch ihren leichten welschen Akzent erhielt ihr Deutsch einen besonderen Charme.

Zudem war Gilberte hilfsbereit, nähte Knöpfe an und schrieb auf der Schreibmaschine Briefe für die Soldaten oder Offiziere. Ähnlich beliebte junge Frauen muss es auch in anderen Beizen im Jura gegeben haben, wie Gilbertes Biograf, der jurassische Historiker Damien Bregnard, anmerkt. Besonders an Gilberte aber war ihr ausserordentliches Personengedächtnis.

Der Refrain wird zum Ohrwurm

100 Jahre nach dem Krieg

Als nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 das Unheil seinen Lauf nahm, ordnete die Schweiz am 31. Juli vor 100 Jahren die Generalmobilmachung für den 3. August 1914 an. Am 1. August erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg, am 3. August Frankreich. Am 4. August 1914 marschierten deutsche Truppen in Belgien ein. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen.

Hanns in der Gand legt so den ersten Stein für die Entstehung des Mythos der «Gilberte de Courgenay», «indem er dieses Mädchen in den militärischen Kreisen noch bekannter macht», wie Bregnard in seiner Biografie schreibt. In der Zwischenkriegszeit wird das Hôtel de la Gare zur Wallfahrtsstätte und der Mythos hält Einzug in die Familien. «Gilberte gehört nicht mehr allein den Soldaten, sondern der ganzen Nation», so Bregnard weiter.

Endgültig als nationale Ikone durchsetzen aber wird sich die Petite Gilberte im Vorfeld und während des Zweiten Weltkriegs. Bregnard analysiert das so: «Vor der Bedrohung durch totalitäre Ideologien (besonders des Nationalsozialismus) setzen die schweizerischen Behörden alles in Bewegung, um die zentrifugalen Kräfte in der Schweiz zurückzubinden. Die Kultur stellt sich in den Dienst der Geistigen Landesverteidigung.» Rudolf Bolo Maeglin schreibt zum 25. Jahrestag der Grenzbesetzung 1939 den Roman «Gilberte de Courgenay: ein Stück aus der Grenzbesetzung 1914 bis 1918» und unmittelbar darauf eine Theaterfassung, die mit grossem Erfolg auch in Basel oder Zürich aufgeführt wird. Bei der Premiere war auch die «echte» Gilberte anwesend und wurde, mit Ovationen bedacht, zum regelrechten Star.

Es bleibt nicht beim Theaterstück. 1941 folgt mit Anne-Marie Blanc in der Hauptrolle ein populärer Film, der laut Bregnard beachtliche technische Qualitäten besitzt, im Grunde aber nur eine Herz-Schmerz-Romanze sei, «die in munterer Folge abgedroschene Klischees aneinanderreiht». Trotz oder gerade wegen seines Schnulzencharakters wird der Film zu einem ungeheuren Kinoerfolg. Er nutze die Kriegsnostalgie von 1914, um indirekt auf die Probleme der Stunde hinzuweisen.
Mit der Realität hat der Film dabei weniger zu tun. So merkt Bregnard an: «Anne-Marie Blanc spielt mit Talent die Rolle eines herzigen, aber eher schüchternen Mädchens, was aber in Wirklichkeit dem munteren Charakter der Gilberte Montavon nicht entspricht.»

Der Basler Historiker Georg Kreis äussert sich ähnlich: «Die Filmikone war das reine Gegenteil der jungen Frau aus Courgenay: Nicht nur, dass sie blond und nicht schwarzhaarig, grazil und nicht kraftvoll war, sie war auch unnahbar und nicht wirklich gesellig – eine entrückte jungfräuliche Schönheit. Ihre Aufgabe war es, mit ihrer entsagungsvollen Pflichtbereitschaft und ihrer warmen Zuversicht die Normen und Tugenden der idealen Schweizerin zu verkörpern.»

Mythos braucht Erinnerungsort

Da ein Grossteil des Lieds, Buch, Theaterstück und Film auf Deutsch erschienen ist, verwundert es nicht, dass der Erinnerungskult um die Petite Gilberte in der deutschen Schweiz stets ausgeprägter war als in der französischen Schweiz. Ein Mythos braucht allerdings auch einen Erinnerungsort. Nachdem das Hôtel de la Gare 1997 geschlossen wurde, sorgte eine Stiftung 2001 für die Wiedereröffnung. Diese allerdings hat im August 2013 Konkurs gemacht. Wie es langfristig weitergeht, ist unklar.

Damien Bregnard Gilberte de Courgenay, 2001, Hôtel de la Gare. Georg Kreis Schweizer Erinnerungsorte, 2010, Verlag NZZ, Zürich, S. 145–155.