Gibt es ein gelbes Blutvergiessen?

Seit bekannt ist, dass die Post sich daran macht, kleine Geschäftsstellen zu schliessen, macht die Gewerkschaft Kommunikation dagegen mit einer Petition mobil. Der neue Post-Präsident Claude Béglé kündigt jetzt einen Kurswechsel an.

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Von Hans Peter Schläfli

In jedem Pöstler fliesst gelbes Blut - dieses geflügelte Wort versuchen die Angestellten der Post jeden Tag von neuem zu bestätigen. Doch die Idylle früherer PTT-Zeiten ist längst vorbei. Der «Gelbe Riese» hat sich verändert. Weg vom uneingeschränkten Service public hin zum gewinnorientierten Unternehmen. Rund 1500 Poststellen wurden deshalb in den vergangenen zehn Jahren bereits gestrichen. Die Post hat angekündigt, weitere 500 Standorte «zu überprüfen».

Heimiswil bei Burgdorf wurde vom Schicksal bereits ereilt, Küttigkofen ist die nächste Poststelle der Region, die es trifft. Am Freitag, 15. Mai, ist sie das letzte Mal offen, ab Montag, 18. Mai, gibt es in der Bucheggberger Gemeinde nur noch den Haus-Service beim Briefträger. «Dieser nützt nur den Einwohnern etwas, die nicht arbeiten», kritisiert Daniel Münger, Regionalsekretär Nordwestschweiz der Gewerkschaft Kommunikation. «Nur wenige sind dann zu Hause, wenn der Briefträger vorbeikommt. Alle Arbeitstätigen müssen eine Poststelle ausserhalb ihres Wohnortes aufsuchen. Auch die Post im Dorfladen ist keine Alternative, weil man dort nicht einmal Geld abheben kann.» Für die Küttigkofer bedeutet dies, dass sie eingeschriebene Briefe nun in Mühledorf abholen müssen.

Die Liste der gefährdeten Poststellen hält die Post geheim. Deshalb hat die Gewerkschaft Kommunikation anhand der Klassierung der Poststellen und der Erfahrung aus früheren Rationalisierungswellen die gefährdeten Orte zusammengestellt und veröffentlicht. Jede dieser 1150 Poststellen hat von der Gewerkschaft einen Brief erhalten mit dem Titel: «Ihrer Poststelle droht das Aus». Münger: «Die Reaktionen waren sehr positiv. Viele Gemeinderäte konnten es fast nicht glauben, dass ihre Poststelle gefährdet sein soll.»

Auskunft von der Post zu bekommen ist allgemein schwierig geworden. Wer bestimmte Poststellen anrufen will, findet immer dieselbe Nummer: 0848 888 888. Beim Drücken auf der Tastatur kann man sich danach leicht im Nirvana verlieren. «Die Post ist dabei, sich einzuigeln», sagt Münger.
Seine Kernbotschaft: «Mich stört es, dass wieder einmal auf dem Buckel der kleinsten gespart werden soll. Für mich ist der Service public etwas vom wichtigsten in unserem Land. Er macht sehr viel von der Lebensqualität in der Schweiz aus, ohne dabei sehr teuer zu sein. Neben den zehn Prozent Reichen gibt es neunzig Prozent gewöhnliche Leute in der Schweiz, die auf den Service public angewiesen sind.»

Den Service Public zu messen ist schwierig. «Den Wert erkennt man leider meistens erst, wenn es ihn nicht mehr gibt», sagt Münger. «Beim Strom bekommen wir die Auswirkungen gerade jetzt mit Preiserhöhungen zu spüren. Irgendwann wird vielleicht auch das Wasser kein Allgemeingut sein. Nestlé kauft nicht ohne Grund bereits alle Quellen auf, die zu haben sind.»

Nun machen die Gewerkschafter mobil. Um die Post von der Schliessung abzuhalten, sammeln sie vor den gefährdeten Poststellen und im Internet (www.poststellennetz.ch) Unterschriften für eine Petition. «Damit soll der Post bewiesen werden, wie gross die Opposition ist, und dass die Bevölkerung die kleinen Poststellen unterstützt», sagt der Regionalsekretär Nordwestschweiz. «Es werden nicht nur die kleinsten Poststellen überprüft, die Liste ist lang.

Das heisst nicht, dass alle auf unserer Liste geschlossen werden, aber alle sind in Gefahr.» Der Einsatz der Gewerkschafter scheint sich gelohnt zu haben: Im Gespräch mit «Sonntag» kündigt der neue Verwaltungsratspräsident der Post, Claude Béglé, einen Kurswechsel an. Die Post werde bald einen neuen Vorschlag präsentieren. Demnach sei ersatzloses Schliessen der Poststellen keine Option mehr. Die gefährdeten Filialen würden entweder weitergeführt - oder die Dienste sollen anders erbracht werden

Rund 2500 Poststellen gibt es in der Schweiz noch. Postintern soll folgendermassen gerechnet werden: 80 Prozent des Umsatzes machen die 1000 wichtigsten Geschäftsstellen. Weitere 1000 Poststellen sorgen für 17 Prozent. Die restlichen 500, nun gefährdeten Poststellen, machen nur drei Prozent aus.

Wird von der Post nun rein nach Managementgesichtspunkten und gewinnorientiert beurteilt? «Auf den ersten Blick sieht es so aus», sagt Münger. «Der Service public scheint ausgeklammert zu werden. Mein Gefühl sagt mir, dass die Post die Gemeinden in Angst und Schrecken versetzen will. Dann wird sie auf diese zugehen und fragen: Was seid ihr bereit zu geben, damit wir die Poststelle aufrechterhalten?»

Poststellen

Hochgradig gefährdet

3251 Wengi b. Büren
3295 Rüti b. Büren
3308 Grafenried
3309 Kernenried
3373 Röthenbach b. Herzogenbuchsee
3412 Heimiswil
3433 Schwanden im Emmental
3475 Riedtwil
4581 Küttigkofen
4714 Aedermannsdorf
4915 St. Urban

Stark gefährdet

3365 Grasswil
3368 Bleienbach
3428 Wiler b. Utzenstorf
4532 Feldbrunnen
4556 Aeschi SO

Poststellen

Gefährdet

2552 Meinisberg
3253 Schnottwil
3254 Messen
3264 Diessbach b. Büren
3293 Dotzigen
3296 Arch
3297 Leuzigen
3362 Niederönz
3367 Thörigen
3421 Lyssach
3423 Ersigen
3425 Koppigen
3426 Aefligen
3472 Wynigen
4514 Lommiswil
4515 Oberdorf SO
4522 Rüttenen
4524 Günsberg
4533 Riedholz
4534 Flumenthal
4538 Oberbipp
4554 Etziken
4564 Obergerlafingen
4565 Recherswil
4573 Lohn-Ammannsegg
4574 Nennigkofen
4583 Mühledorf SO
4623 Neuendorf
4624 Härkingen
4625 Oberbuchsiten
4626 Niederbuchsiten
4628 Wolfwil
4629 Fulenbach
4652 Winznau
4653 Obergösgen
4656 Starrkirch-Wil
4703 Kestenholz
4712 Laupersdorf
4716 Welschenrohr
4718 Holderbank SO
4923 Wynau
4937 Ursenbach
4952 Eriswil
4954 Wyssachen