Von rund 273'000 Sozialhilfeempfängern im Jahr 2016 waren knapp 194'000 volljährig. Die Hälfte von ihnen hat keinen Berufsabschluss, und 30 Prozent haben Schwierigkeiten mit Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen, wie die Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) und der Verband für Weiterbildung (SVEB) am Montag schrieben.

Sozialdienste schätzten in einer Umfrage der SKOS, dass 40 Prozent der Erwachsenen mit Sozialhilfe - also landesweit rund 75'000 - mit Weiterbildung mehr Chancen auf eine berufliche Integration haben. Einige Sozialdienste und Sozialämter haben bereits Angebote für diese Menschen, und in Pilotprojekten werden Ansätze erprobt.

Verbandspräsident und SP-Nationalrat Matthias Aebischer sowie Raphael Golta (ZH-Stadtrat) im Interview:

Gezielte Weiterbildung soll Sozialhilfebezügern zu Jobs verhelfen

SKOS und SVEB schlagen in ihrer am Montag in Bern präsentierten Strategie ein dreistufiges Modell vor: Erwerb von Grund- und Alltagskompetenzen, danach Qualifikationen unterhalb des Niveaus einer Lehre und - als dritte Stufe - das Absolvieren einer Berufslehre oder einer Attestlehre.

Die beiden Verbände fordern ein Umdenken: Um Menschen mit Sozialhilfe zu einer Erwerbsarbeit zu verhelfen, brauche es nicht Beschäftigung im zweiten Arbeitsmarkt, sondern zielgerichtete und begleitete Weiterbildung nahe am regulären Arbeitsmarkt. Die Qualifizierung müsse so gründlich wie nötig sein.

Stipendien in jedem Alter

Vom Bund fordern SKOS und SVEB für die Jahre 2021 bis 2024 einen "substanziellen Kredit" für ihr Vorhaben - einen Betrag nennen sie nicht. In der BFI-Periode 2017-2021 (Bildung, Forschung und Innovation) seien pro Jahr im Mittel 15 Millionen von 26 Milliarden Franken für diesen Zweck eingestellt worden, machen sie geltend.

Von den Kantonen verlangen die Verbände, den Anspruch auf Stipendien auf alle Altersgruppen und auf alle Ausbildungen auszudehnen, die an die obligatorische Schule anschliessen. Die Stipendien sollten die Existenz möglichst vollumfänglich sichern. Ebenso müssen die Kantone für zur Weiterbildungsoffensive passende Bildungsangebote sorgen.

Standortbestimmung für alle

Die Sozialdienste wiederum müssen sicherstellen, dass Bezüger und Bezügerinnen von Sozialhilfe eine Standortbestimmung erhalten, in der ihre Fähigkeiten abgeklärt werden. Auch müssen sie mit den Bildungswilligen verbindliche Bildungsziele festlegen.

SKOS und SVEB sehen ihre Weiterbildungsoffensive auch als Beitrag zur Ausschöpfung des Arbeitskräfte-Potenzials im Inland: Ausbildung für eine Arbeit bringe nicht nur Sozialhilfebezüger weiter, sondern nütze auch der Wirtschaft und der Gesellschaft, schreiben sie. Beispielhafte Projekte in einigen Kantonen seien der Beweis dafür.