Eigentlich ist es die Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte: Heute werden 68 Prozent der alpenquerenden Güter mit der Bahn transportiert. Mit der Eröffnung der Neuen Alpentransversale (Neat) kann dieser Wert noch ausgebaut werden. Dann können 50 Millionen Tonnen Güter via Schiene durch die Schweiz gekarrt werden.

Die Kapazität des Güterverkehrs wird so um 30 Prozent erhöht. Das hat Heinz Pulver, Experte für internationale Bahnplanung, für die Vertreter der Alpeninitiative errechnet.

Letztere folgern daraus: «Mit der Neat können mehr Güter durch die Alpen transportiert werden, als man heute insgesamt auf Strasse und Schiene verfrachtet.»

Damit sei erwiesen, dass ausreichend Kapazitäten vorhanden seien, um Autos und Lastwagen während der Sanierung des alten Strassentunnels auf die Schiene zu verlagern. Zwar sagt auch der Bundesrat, dass ein zweiter Strassentunnel nicht zwingend sei. Er hält ihn schlicht für die bessere Lösung.

Die Gegner der zweiten Röhre stören sich aber daran gleich doppelt. Sie fürchten, dass der Tunnel die Verlagerungspolitik des Bundes untergrabe. Nun stellt sich die Frage: Ist diese Angst begründet?

Schiene wird «konkurrenzfähig»

Die Ausgangslage am Gotthard wirft gewisse Fragen auf: Die Neat-Verbindung ist nicht nur schneller, dank dem Gotthard-Basistunnel, dem Ceneri-Tunnel und dem Ausbau der Nord-Süd-Achse zu einem
4-Meter-Korridor können Güter günstiger von Grenze zu Grenze verschoben werden. So kann beispielsweise pro Zug eine Rangierlok gespart werden. Heute werden nämlich zwei Loks vor einen Güterzug gespannt, um ihn über 500 Höhenmeter bergauf zum alten Eisenbahntunnel zu schleppen. Auf der Neat genügt eine Lok, da sie keine grossen Höhen überwinden muss.

Auch Frank Furrer, Generalsekretär des Verbands der Verladenden Wirtschaft (VAP), verspricht sich einiges vom Projekt: «Der Gütertransport auf der Schiene wird durch die Neat nicht nur beschleunigt, sondern dank 4-Meter-Korridor und längeren Zügen auch effizienter.» Das mache die Schiene endlich «konkurrenzfähig». Bis anhin sei die Verlagerungspolitik nur erfolgreich gewesen, weil der Transitverkehr stark subventioniert wurde, sagt Furrer.

Weil der Transitverkehr auf der Schiene teurer ist als auf der Strasse, unterstützt der Bund die Verlagerung seit 2000 mit über drei Milliarden Franken. Die Folge: Die Zahl der Lastwagen, die jährlich die Alpen passieren, hat abgenommen.

Von 1,4 auf 1 Million. Gemäss Furrer trugen auch andere Massnahmen zum Erfolg der Verlagerung bei. Nebst der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe (LSVA) hat das Nacht- und Sonntagsfahrverbot sowie das Tropfenzählersystem die Durchfahrt für Lastwagen erschwert. Im Gegenzug wurde die Schiene immer attraktiver.

Trassenraub bei Güterverkehr

Der VAP ist deshalb überzeugt, der Bau eines zweiten Strassentunnels gefährde die Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene nicht. Der Verband unterstützt vielmehr den Bau einer zweiten Röhre, um zu verhindern, dass die Trassen anstatt für Güter für die rollende Landstrasse (Rola) gebraucht werden. Furrer verweist auf die negative Erfahrung am Lötschberg, wo kurz nach der Eröffnung des Basistunnels der Personen- auf Kosten des Güterverkehrs ausgebaut wurde.

Misstrauen gegenüber Behörden

Der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) hegt gegenteilige Bedenken. «Ein zweiter Strassentunnel wäre ein falsches Zeichen, das wir der EU senden», sagt Sprecher Roger Baumann. «Wir würden signalisieren, dass wir die Verlagerungspolitik aufgegeben haben.» Wie alle Gegner der zweiten Röhre traut auch der VöV dem Bundesrat nicht, dass die Strassentunnels langfristig einspurig betrieben werden.

Sie sind überzeugt, dass die Kapazität der Strasse verdoppelt und so die Verlagerung torpediert werde. Jon Pult, Präsident der Alpeninitiative, nennt weitere Gründe, wieso die Verlagerungspolitik gefährdet sei: «Kurz vor der Abstimmung tun alle so, als würden sie die Verlagerungspolitik begrüssen.» Doch man brauche sich nichts vorzumachen: Die Strassenlobby sei stark, sie werde die Verlagerungspolitik bekämpfen.

Zumindest kurzfristig wird die Schiene aber weiter gestärkt: Das Tropfenzählersystem am Gotthard soll Gesetz werden, und die LSVA soll 2017 erhöht werden.