Herr Rechsteiner, wenn Parlamentarier über Renten und Pensionskassen diskutieren, fliegen normalerweise die Fetzen. Nun hat die Sozialkommission des Ständerates Ihre Version der Altersreform 2020 ohne Gegenstimme abgesegnet. Woher kommt die plötzliche Harmonie?

Paul Rechsteiner: Die Kommission hat die Lehren aus den gescheiterten Reformvorlagen der Ära von alt Bundesrat Pascal Couchepin gezogen. Wir wollen die Altersvorsorge bis 2030 finanziell absichern. Die Erfahrungen der Vergangenheit haben gezeigt: Die besten Chancen haben jene Sozialreformen, die nicht nur Kürzungen, sondern auch Verbesserungen für die Menschen beinhalten. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist die Erhöhung der monatlichen AHV-Beiträge um 70 Franken positiv.

Als linker Politiker muss Sie die geplante Anhebung des Frauen-Rentenalters von 64 auf 65 Jahre dennoch schmerzen. Genauso wie die Senkung des Umwandlungssatzes bei der beruflichen Vorsorge von
6,8 auf 6 Prozent.

Das sind die beiden Negativpunkte. Für die betroffenen Frauen wäre das Rentenalter 65 ein klarer Einschnitt. Auch Ehepaare müssten länger warten, bis sie die volle gemeinsame Rente beziehen könnten. Die Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent fällt doppelt so stark aus wie bei der Abstimmung 2010, als das Stimmvolk einen Satz von 6,4 Prozent ablehnte. Aber: Die Vorschläge der Kommission beinhalten gegenüber der Version des Bundesrates auch Verbesserungen. Oder besser ausgedrückt: Verschlechterungen konnten verhindert werden.

Zum Beispiel?

Bei der Witwenrente werden keine Abstriche gemacht und auch der Bundesbeitrag an die AHV soll nicht gekürzt werden.

Für einen Gewerkschafter klingen Sie erstaunlich zufrieden.

Die Bilanz ist gemischt: Der Kommissionsentscheid beinhaltet zumindest die erste Erhöhung der AHV-Renten seit mehr als 20 Jahren. Das war schon immer eine wichtige Forderung der Gewerkschaften. Der Rückstand der AHV-Renten gegenüber der Lohnentwicklung wird so teilweise aufgeholt.

Geht es Ihnen auch um die Symbolik?

Nein, die Verbesserung ist real, wenn man die Lebenslagen der Menschen betrachtet: Die zusätzlichen 70 Franken pro Monat sind für Leute mit tiefem Einkommen besonders stark spürbar. Sie profitieren relativ gesehen am meisten von der Erhöhung.

Wenn es bei den 70 Franken bleibt: Werden die Gewerkschaften ihre Volksinitiative «AHV Plus» zurückziehen? Diese verlangt eine allgemeine Rentenerhöhung von zehn Prozent.

Für diese Diskussion ist es noch viel zu früh. Der Kommissionsentscheid ist ein Teilerfolg für unsere Initiative. Die Erhöhung um 70 Franken gilt ja nur für Neurentner. «AHV Plus» zieht auch die aktuellen Bezüger mit ein.

Mit einem Referendum der Gewerkschaften gegen die Altersvorsorge 2020 ist aus heutiger Sicht aber nicht mehr zu rechnen.

Bei den ursprünglichen Vorschlägen des Bundesrates haben wir eine Referendumsdrohung ausgegeben. Diese gilt weiterhin.