1.Mai
Gewerkschaften in Bedrängnis – nun treten sie die Flucht nach vorne an

Kein Vaterschaftsurlaub, keine Lohngleichheit, Altersvorsorge unter Druck: Die Gewerkschaften essen hartes Brot. Doch wer ist schuld an ihrer schwierigen Lage?

Jonas Schmid
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KEYSTONE

Kundgebungen, Kampfparolen und ein rotes Fahnenmeer: Tausende gehen morgen, am Tag der Arbeit, wieder auf die Strasse, um lautstark für mehr Arbeiterrechte zu kämpfen.

An der Spitze des Umzugs marschieren die Gewerkschafts-Bosse. «Vor hundert Jahren hat die Armee noch auf uns geschossen. Heute lobt selbst Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann unsere Bemühungen um Gesamtarbeitsverträge», sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB). Als Dachorganisation vertritt der SGB knapp 370'000 Arbeitnehmer.

Bittere Niederlagen

Trotz friedlicheren Zeiten: Viel zu feiern haben die Gewerkschaften auch heuer nicht. Im Gegenteil: Sie müssen bittere Niederlagen verkraften. Die 1:12-Initiative und die Forderung nach einem Mindestlohn wurden vom Volk hochkant versenkt. Im Detailhandel stossen sie mit ihrem Wunsch nach einem GAV bei den Arbeitgebern auf taube Ohren. Dasselbe gilt für einen besseren Kündigungsschutz von älteren Arbeitnehmern.

Auch beim Rentenalter sind die Gewerkschaften in die Defensive geraten: die vorberatende Kommission des Nationalrats will das Rentenalter flexibilisieren und bei Frauen von 64 auf 65 erhöhen, gegen den erbitterten Widerstand des Gewerkschaftsbunds.

Auch die zweite Säule steht unter Druck – der Umwandlungssatz soll gesenkt werden. Spätestens seit dem Rechtsrutsch bei den Wahlen ist klar: der Sozialstaat wird eher ab- als aufgebaut. Und im öffentlichen Sektor jagt eine Sparrunde die nächste.

Mit der AHV-plus-Initiative, die wohl im Herbst zur Abstimmung kommt, tritt der SGB nun die Flucht nach vorne an. Trotz Frankenstärke und einer alternden Gesellschaft will er dem Stimmvolk zehn Prozent mehr AHV schmackhaft machen. Keine leichte Aufgabe.

Manch ein Gewerkschafter mag da mit Wehmut auf vergangene Erfolge zurückblicken. So der erfolgreiche Kampf für die 48-Stunden-Woche, die gesetzlich verankerten vier Wochen Ferien oder die Möglichkeit einer Frühpensionierung im Baugewerbe.

Schuld an ihrer schwierigen Lage sind weniger die Gewerkschaften selbst als vielmehr die rasch voranschreitende Globalisierung. Gegen das mobile Kapital sind die Gewerkschaften letztlich machtlos. Arbeitsplätze werden wegrationalisiert oder wandern ab ins Ausland.

Die Migration hat zugenommen. Das weckt bei vielen Arbeitnehmern Ängste, wovon vor allem populistische Parteien profitieren. In den 90er-Jahren ist die Klientel scharenweise zur SVP übergelaufen.

Mit der Arbeitswelt hat sich auch die Struktur der Gewerkschaften verändert. Während der Arbeitgeberverband nach wie vor von Männern dominiert wird, sind die Arbeitnehmerorganisationen weiblicher geworden. Im Verband öffentlicher Bediensteter (VPOD) sind die Frauen in der Mehrheit, an der Spitze der grössten Gewerkschaft Unia steht mit Vania Alleva erstmals eine Frau.

Zugleich ist der SGB die grösste Ausländerorganisation der Schweiz. «Ein Drittel der Arbeitsstunden in der Schweiz werden von Ausländern geleistet», sagt Lampart. Viele Mitglieder sprechen kaum deutsch, was für die interne Kommunikation herausfordernd ist.

Nichtsdestotrotz: Indem die Gewerkschaften die kollektiven Forderungen der Arbeitnehmer geordnet vertreten, sind sie wichtig für die Stabilität des Landes. An allzu schwachen Gewerkschaften dürfte also selbst die Wirtschaft keine Freude haben.

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