Drohungen

Gewalt gegen Medien – wer sich mit der Fussballszene beschäftigt, ist besonders gefährdet

Auch vor dem Gebäude der CH Media in Aarau standen Polizisten, nachdem eine anonyme Drohung eingegangen war.

In einer neuen Studie wurden 637 Journalisten befragt, ob sie belästigt oder angegriffen werden. Gut die Hälfte bestätigte 2017, mindestens einmal verbal angegriffen worden zu sein. Manche Attacken sind gefährlich.

Im vergangenen November standen plötzlich schwerbewaffnete Polizeikräfte vor dem Ringier-Pressehaus und vor dem Medienhaus von CH Media in Aarau. Ein anonymes Schreiben war eingegangen, das «ein Blutbad in der ‹Blick›-Redaktion» ankündigte. Der Anschlag auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo», der im Januar 2015 zwölf Todesopfer forderte, werde im Vergleich dazu «wie ein Lausbubenstreich aussehen».

Mario Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich sagt, es komme immer wieder vor, dass die Polizei aktiv werden müsse, wenn gegen Medien und Medienschaffende Drohungen geäussert würden. Cortesi stützt die Einschätzung der Reporter ohne Grenzen, die in ihrer jüngsten Auswertung die Schweiz auf Platz 6 stellen, was die Informations- und Medienfreiheit betrifft. Im Vergleich zu Ländern, in denen Journalisten regelmässig umgebracht werden, herrsche hierzulande ein «günstiges Umfeld».

Ärger wegen Ausländerthemen

In einer neuen Studie des soziologischen Instituts der Universität Zürich wurden 637 Journalisten befragt, ob sie belästigt oder angegriffen werden. Gut die Hälfte bestätigte 2017, mindestens einmal verbal angegriffen worden zu sein. Einflussreichere Medienschaffende werden in der Regel eher aggressiv angegangen. Besonders leicht zur Zielscheibe werde, wer sich zu Themen wie Migration, Asyl, Islam, Religion und zur SVP äussere.

Die Studie ergab, dass weibliche Journalisten nicht häufiger angegangen werden, sich aber emotional stärker beeindrucken lassen als Männer und eher reagieren, indem sie ihre Berichterstattung ändern oder ganz auf bestimmte Themen verzichten.

Der «Weltwoche»-Autor Alex Baur ist sich Schmähungen gewohnt, ohne bisher seinen Stil anzupassen. Dass am 1. Mai rhetorische Aggression in physische Gewalt umgeschlagen hat und ihn eine Gruppe Autonomer zu verprügeln versuchte, ist jedoch nicht spurlos geblieben, wie er gegenüber dem Branchenportal «persoenlich.com» erzählt. Schliesslich sei nicht nur er angegangen worden, sondern auch seine Familie. Der Essstand, den seine Frau seit Jahren an der 1.-Mai-Feier betreibt, wurde beschädigt. Zunächst wollte er keine Strafanzeige einreichen. Nachdem nun aber auch ein Farbanschlag auf das Redaktionsgebäude erfolgte, hat er sich umbesonnen.

Der «Weltwoche»-Verleger und SVP-Politiker Roger Köppel reagiert auf den Farbanschlag mit dem Tweet «Wehret den Anfängen!». Er selbst sieht sich regelmässigen Drohungen ausgesetzt, wie Cortesi bestätigt. Exponiert hatte sich Köppel etwa, als er in der «Weltwoche» die Mohammed-Karikaturen nachdruckte. Zu einer Ermittlung der Staatsanwaltschaft kam es, als der Künstler Philipp Ruch im Magazin «Surprise» als Plakat den Gewaltaufruf «Tötet Roger Köppel» publizierte, das Werbung für sein Theaterstück hätte sein sollen.

Bedrängter Moderator

Politisch motiviert war auch ein Hass-Tweet gegen den «Arena»-Moderator Jonas Projer. Der Absender der Botschaft schrieb: «Mitten in der Nacht werden wir kommen und Dich richten.» Projer reichte Strafanzeige ein, was der Arbeitgeber SRF in solchen Fällen als Standardvorgehen empfiehlt. SRF toleriere keine Drohungen gegen Mitarbeitende, sagt eine SRF-Sprecherin. Nach einer Vergleichsverhandlung und einer Entschuldigung zog Projer die Klage allerdings zurück.

Gefahrenzone Fussball

Besonders gefährdet scheinen in der Schweiz Medienschaffende, die sich mit der Fussballszene beschäftigen. Fünf Ringier-Journalisten, die im Nachgang zu Krawallen an einem Zürcher Derby Beteiligte an den Pranger stellten, wurden daraufhin per Telefon bedroht und auf den Schulwegen ihrer Kinder wurden Flyer verteilt.

Aktuell ist die Bedrohung gegen die Journalistin Rafaela Roth des «Tages-Anzeigers». Die Fassade eines Nachbarhauses wurde versprayt mit der Aufforderung, nicht mehr über die FCZ-Ultras zu berichten. Ende April wurde nach einem weiteren Bericht von ihr ein Stein durch die Glasscheibe der Haustür geworfen.

Um sein Leben fürchtet in der Romandie seit Februar Arnaud Bédat. Der Journalist von «L’Illustré» recherchierte über den Präsidenten des ukrainischen Fussballverbandes, worauf er einen Anruf mit einer expliziten Morddrohung erhielt. Bédat hat Strafanzeige gestellt und um Polizeischutz gebeten, die Situation sei «schwierig zu ertragen».

Ringier weiss, wie gefährlich Journalisten leben, die sich mit Mächtigen in osteuropäischen Staaten anlegen. Jan Kuciak recherchierte für «aktuality.sk», das zum Konzern Ringier Axel Springer gehört, über Verbindungen slowakischer Politiker zur organisierten Kriminalität. Kuciak wurde im Februar 2018 zusammen mit seiner Freundin in seinem Haus erschossen.

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Autor

Christian Mensch

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