Gesundheitswesen
Und das in der Schweiz: 5288 Operationen durchgeführt, für die Spitäler keine Zulassung haben sollten

Spitäler erreichen die Mindestfallzahlen bei gut sechs Prozent der Operationen nicht – obwohl die Mindestmenge tief angesetzt ist. Das bleibt trotz akuter Gefahr für die Patienten meist ohne Folgen.

Anna Wanner
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Eine Knieoperation gelingt besser, je öfter sie durchgeführt wird.

Eine Knieoperation gelingt besser, je öfter sie durchgeführt wird.

Reto Martin

Die gute Nachricht zuerst: Die meisten Kantone haben erkannt, dass Routine bei medizinischen Eingriffen zu höherer Qualität führt. Um Komplikationen und Langzeitschäden bei Patienten zu verhindern, geben die Kantone den Spitälern über die Spitalplanung Mindestfallzahlen für komplizierte Eingriffe vor.

Und nun zu den schlechten Nachrichten: Einzelne Kantone wehren sich bis heute gegen Mindestfallzahlen – bereits die Mindestzahl von zehn Operationen pro Jahr sind ihnen zu viel. Überhaupt setzen die Kantone die Mindestfallzahlen auch für komplizierte Eingriffe sehr tief an. Dabei ist seit den Siebzigerjahren erwiesen, dass höhere Fallzahlen zu besserer Qualität führen. Die Logik ist bestechend: Wer eine Operation immer wieder macht, dem unterlaufen weniger Fehler. Die Qualität lässt sich über verschiedene Massstäbe messen, etwa ob ein Patient innert Jahresfrist wegen einer vergangenen OP wieder ins Spital eintritt oder deswegen nochmals behandelt werden muss. Das Resultat ist in sämtlichen Studien dasselbe.

Gelegenheitsoperation bei über 5000 Patienten

Und nun zur dritten schlechten Nachricht: In der Schweiz wurde 2018 an 5288 Patienten ein Eingriff durchgeführt, für welchen das Spital eigentlich keine Zulassung haben sollte, weil es die Mindestfallzahlen nicht erreicht. Solche meist komplexen Eingriffe nennt man im Jargon Gelegenheitsoperationen, weil den Ärzten die Routine fehlt.

Das zeigt eine neue Studie des Krankenversicherers Helsana, der zusammen mit der deutschen Krankenkasse Barmer Daten der Spitäler in der Schweiz und in Deutschland ausgewertet hat. Die Ergebnisse zeigen, dass auch das föderalistisch organisierte Deutschland sich mit der Einführung von Mindestfallzahlen schwertut – obwohl dort im Gegensatz zur Schweiz, wo die Kantone selber bestimmen können, die Kompetenz beim Bund liegt.

Das Problem in der Schweiz: Werden die Mindestfallzahlen nicht eingehalten, passiert meistens nichts. Wenn also Lukas Engelberger, Gesundheitsdirektor des Kantons Basel-Stadt und Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz, gegenüber den Studienleitern sagt, sein Kanton arbeite schon lange mit Mindestfallzahlen und sanktioniere die Nicht-Einhaltung, dann ist er eher die Ausnahme. Dabei wäre es im Sinne des Erfinders, dass an Spitälern, wo solche Gelegenheitsoperationen stattfinden, der Leistungsauftrag entzogen wird. Engelberger sagt selber, dass sich dadurch die Qualität verbessere.

Lukas Engelberger, Gesundheitsdirektor des Kantons Basel-Stadt und Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz.

Lukas Engelberger, Gesundheitsdirektor des Kantons Basel-Stadt und Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz.

Juri Junkov

Trotzdem: Kein schlechtes Zeugnis für die Schweiz

Die Studie zeigt, dass bei gewissen Eingriffen die Betroffenheit grösser ist. Beispielsweise sollte eine bestimmte Herzoperation, die in der Schweiz an vier Spitälern angeboten und durchgeführt wird, an höchstens zwei Spitälern tatsächlich gemacht werden. Die anderen erreichten die Mindestfallzahl 2018 nicht, obwohl diese mit zehn Fällen pro Jahr bereits tief angesetzt ist. Auch eine Operation an der Lunge, die an 34 Spitälern angeboten wird, sollte an 15 Spitäler nicht durchgeführt werden, weil sie die Mindestmenge nicht erreichen. Die Liste ist lang. Trotzdem schätzt Annette Jamieson, Gesundheitsökonomin bei Helsana, die Situation in der Schweiz gut ein:

«Das System basiert auf Freiwilligkeit, die Kantone haben also selbst entschieden, die Qualität über Mindestfallzahlen zu verbessern.»

Der Kanton ­Zürich war dabei Vorreiter: Er hat vor bald zehn Jahren Mindestfallzahlen mit den Leistungsaufträgen verknüpft. Viele Kantone haben das System seither übernommen.

Allerdings lehnen einzelne, vor allem kleinere Kantone diese Verbesserung nach wie vor ab, sie warnen vor Fehlanreizen: Spitäler würden Operationen ohne medizinische Notwendigkeit durchführen. Annette Jamieson von Helsana lässt das Argument nicht gelten: «Solche Fehlanreize lassen sich über bessere Indikationsqualität, also Massnahmen wie Zweitmeinungen, minimieren.» Der Fehlanreiz sei heute eher, dass keine Vorgaben für komplexe Operationen bestehen.

Derweil schneidet die Schweiz im Vergleich zu Deutschland gut ab. Dort gelten nur in fünf Bereichen landesweite Mindestfallzahlen. Die Schweiz ist da deutlich weiter, wenn auch nicht überall. Und Zürich hat als Vorreiter die Mindestfallzahlen auf neue Bereiche und auf einzelne Ärzte ausgedehnt.

Luft nach oben bleibt - nicht nur weil die Mindestfallzahlen heute zu tief sind. Es fehlt auch die Transparenz für Patienten, die bis heute kaum wissen, welches Spital sie bei welchem Eingriff besser meiden sollten.