Herr Oggier, die Beteiligten nennen die geplante Spitalfusion «visionär» oder «wegweisend». Sind Sie einverstanden?

Willy Oggier: Als ich die Resultate gesehen habe, habe ich mich vor allem gefragt, warum man dieses Projekt mit solchem Brimborium angekündigt hat.

Wie meinen Sie das?

Viele dieser Punkte sind weder aussergewöhnlich noch innovativ, sondern in anderen Regionen der Schweiz üblich und am Laufen. Hier stellt sich die Frage, ob erfüllt wird, was man der Bevölkerung vorgängig gross angekündigt hat. Die Antwort lautet klar: nein. Gerade für Baselland ist das Resultat enttäuschend: Es wird kein einziges Spital geschlossen, nicht einmal das Bruderholzspital.

Durfte man von einer solchen Massnahme tatsächlich ausgehen? Der Widerstand wäre doch immens.

Politisch betrachtet wäre die Ausgangslage sehr günstig: Die beiden Gesundheitsdirektoren verstehen sich relativ gut. Und in Baselland, wo viel mehr Aufgaben zu bewältigen wären, ist mit SVP-Regierungsrat Thomas Weber ein Vertreter jener Partei im Amt, die gesamtschweizerisch immer Umbauten von Spitalstrukturen und Spitalschliessungen verlangt. Besser hätte die politische Konstellation nicht sein können.

Dennoch: Eine Spitalschliessung käme praktisch politischem Selbstmord gleich.

In anderen Kantonen sind Spitalschliessungen schon vor vielen Jahren gelungen. Zudem hätte es Alternativen gegeben: So hat der Direktor der Merian-Iselin-Klinik, Stephan Fricker, vor einiger Zeit öffentlich bekannt gegeben, dass er bereit wäre, seine Klinik auf das Bruderholz zu verlegen und jene in Basel zu schliessen. Eine solche Chance hätte die bürgerliche Baselbieter Regierung doch nutzen können. Das wäre eine innovative Form der Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Spitälern – und es wären Überkapazitäten abgebaut worden.

Dennoch glauben die beiden Basel, gemeinsam mindestens 70 Millionen im Jahr einsparen zu können.

Im Gesundheitswesen heisst es im Nachhinein oft zur Rechtfertigung, dass das Kostenwachstum ansonsten noch viel grösser gewesen wäre. Es wird also gar nicht zu überprüfen sein, ob diese Vorgaben wirklich eingehalten werden. Dafür ist das Gesundheitswesen zu dynamisch. Für den Gesundheitsökonomen ist klar: In Versorgungsregionen mit Überkapazitäten, wie das in den beiden Basel zweifelsohne der Fall ist, kann man am meisten mit Spitalschliessungen einsparen. Das wird hier nicht gemacht. An zweiter Stelle stehen die Schliessungen von Abteilungen. Der jetzt präsentierte Vorschlag will aber vor allem einzelne Leistungen ausdünnen. Der Effekt wird entsprechend geringer sein. Gebremst worden ist wohl vor allem im Baselbiet. Denn vor allem der Landkanton hätte nötige Abbaumassnahmen umsetzen müssen.

Ist man davon ausgegangen, dass Verbesserungen auch ohne drastische Abbaumassnahmen möglich sind?

Die Vorlage riecht für mich stark nach politischem Kompromiss und Flickwerk. Ich habe dem Projekt am Anfang des Prozesses grosse Chancen eingeräumt, dass man hier tatsächlich etwas bewegen kann. Und wenn ich jetzt sehe, was hier als Innovation verkauft wird, muss ich sagen: Das ist über weite Strecken Etikettenschwindel. Ich bin sehr enttäuscht.

Zur Ehrrettung der beiden Gesundheitsdirektoren: Der Schritt geht für Sie zwar viel zu wenig weit. Geht er aber zumindest in die richtige Richtung?

Das wird der weitere Prozess zeigen müssen. Bei der damaligen Ankündigung dieser Spitalfusion habe auch ich an einen Schritt in die richtige Richtung geglaubt. Es wurde der Eindruck erweckt, man wolle den Universitätsstandort Basel stärken und gleichzeitig etwas Innovatives schaffen. Ich bin heute nicht mehr sicher, ob der Schritt letztlich wirklich in die richtige Richtung gehen wird.

Unter dem Strich sagen Sie also: Der Vorschlag hinkt nicht nur hinterher, sondern ist auch noch mutlos?

Richtig. Dahinter scheinen politische Überlegungen zu stecken. In Basel-Stadt stehen Wahlen bevor, da will man wohl nicht allzu viele Widerstände auslösen. Die beiden Regierungsräte haben sich aber selber unter Druck gesetzt, bis wann sie das Projekt präsentieren wollen. Aus Basler Optik machen die Veränderungen ja noch Sinn. In Baselland dagegen werden sie kein einziges Problem lösen, sondern diese lediglich in die Zukunft verschieben.

Was sprechen Sie an?

Zum Beispiel das Spital Laufen, wo man geriatrische Rehabilitation fördern will. Dabei ist völlig unklar, ob es im Rahmen der national koordinierten Spitalplanungsarbeiten künftig überhaupt noch einen Leistungsauftrag für geriatrische Rehabilitation gibt. Oder das Bruderholz, das mit der Tagesklinik als innovative Campus-Lösung angepriesen wird. Dabei weiss man aus internationalen Erfahrungen: Tageskliniken sollten eigentlich dort errichtet werden, wo die grossen Patientenströme durchfliessen wie an Bahnhöfen oder Flughäfen und nicht irgendwo ausserhalb. Ich kann an dem gar nichts Innovatives erkennen.

Waren Ihre Erwartungen nicht schlicht zu hoch?

Wenn man mit einer sehr ambitiösen Projektankündigung startet, darf man sich auch nicht wundern, wenn man dann an diesen Aussagen gemessen wird. Insofern ist das weit unter den Erwartungen. Schade, hier ist eine Chance verpasst worden. Gleichzeitig erinnere ich daran, dass vor einigen Jahren, als in Basel noch Carlo Conti Gesundheitsdirektor war, die Absicht bestand, eine gemeinsame Spitalplanung zwischen den vier Kantonen Basel-Stadt, Baselland, Aargau und Solothurn zu erreichen. Insofern ist das jetzt eher ein Rück- als ein Fortschritt.

Sie klingen wirklich sehr enttäuscht. Erkennen sie gar nichts Positives?

Das einzig etwas Innovative ist die gemeinsame Aktiengesellschaft, die geplant ist. Selbst, wenn es dies in ähnlicher Form auch schon gibt. Wirklich viel Innovation steckt also auch da nicht drin. Kommt hinzu: Wenn die beiden Kantone bei der AG das gleiche Stimmrecht haben, besteht die grosse Gefahr, dass sie sich gegenseitig blockieren können. Immerhin sind es zwei verschiedene Kantone mit unterschiedlichen Interessenslagen und unterschiedlichen Ausgangslagen. Daher wäre ich auch hier vorsichtig. Wenn ich die letzten 20 Jahre in den beiden Basel überblicke, hatten wir wohl mehr Situationen, in denen die beiden Gesundheitsdirektoren Probleme miteinander hatten als umgekehrt.

Letztlich interessiert die Bevölkerung vor allem, wie sich die Spitalfusion im Alltag auswirkt. Wird sie spürbar, etwa über die Gesundheitskosten oder die Krankenkassenprämien?

Das Gesundheitswesen ist ein Wachstumsmarkt. Die Kosten werden weiter steigen, wenn wir das bisherige Leistungsniveau aufrechterhalten wollen. Gerade für Baselland würde ich vor zu hohen Erwartungen warnen. Ich kann eigentlich kein Element erkennen, das in irgendeiner Form nachhaltig Strukturen verändern würde, sodass entweder die Qualität gesteigert oder die Kosten gesenkt würden.