Gesundheit
Warum die Schweiz keinen Affenpocken-Impfstoff erhält

Die Schweiz ist eines der am stärksten vom Affenpocken-Virus betroffenen Länder. Doch der Hersteller des Impfstoffs will nicht in die Schweiz liefern. Unter anderem, weil der Schweizer Markt zu klein und die Reglemente zu kompliziert sind. Das ist kein Einzelfall.

Chiara Stäheli
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Diese Männer können sich in Miami bereits gegen das Affenpocken-Virus impfen lassen.

Diese Männer können sich in Miami bereits gegen das Affenpocken-Virus impfen lassen.

Bild: Cristobal Herrera-Ulashkevich / EPA

Gemessen an der Anzahl Fälle pro Million Einwohner sei die Schweiz das am sechstmeisten betroffene Land der Welt, rechnete Alexandra Calmy vom Genfer Universitätsspital am Montag gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS vor. Knapp 380 Personen haben sich in der Schweiz in den letzten drei Monaten mit dem Affenpocken-Virus infiziert, weltweit sind rund 36'000 Fälle bestätigt. Hierzulande kommen wöchentlich rund 50 neue Infektionen dazu. «Die aktuell am stärksten betroffene Bevölkerungsgruppe sind Männer, die Sex mit Männern haben», schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf seiner Website.

Pink Cross, der Dachverband der homo- und bisexuellen Männer, fordert deshalb den Bundesrat auf, die «besondere Lage» auszurufen und den bereits in vielen Ländern verfügbaren Impfstoff zu beschaffen. Damit tut sich der Bund allerdings schwer. «Trotz der intensiv laufenden Abklärungen» könne noch «nicht abschliessend gesagt werden, wann und für welche Zielgruppen ein Impfstoff bereitgestellt werden kann», schreibt das BAG auf Anfrage. Es könnte also noch Wochen dauern, bis in der Schweiz die ersten Personen mit Imvanex – dem in der EU bereits zugelassenen Affenpocken-Impfstoff – geimpft werden.

Schweizer Markt ist zu wenig attraktiv

Dass sich der Bund überhaupt mit der Beschaffung des Affenpockenimpfstoffs befassen muss, liegt mitunter an der geringen Bevölkerungszahl der Schweiz. So ist Imvanex-Herstellerin Bavarian Nordic nur bereit, ihren Impfstoff «an Staaten und in grösseren Mengen» zu liefern. Das erklärt, weshalb der deutsch-dänische Impfstoffspezialist bis anhin noch keinen Zulassungsantrag bei Swissmedic eingereicht hat. Der Verdacht liegt nahe, dass der Schweizer Markt für Bavarian Nordic finanziell schlicht nicht interessant genug ist.

Deshalb prüft der Bund nun eine zentrale Beschaffung des Impfstoffs. Zwar fehlt noch der definitive Beschaffungsentscheid des Bundesrats, doch bereits jetzt steht das BAG in Kontakt mit dem Hersteller des Impfstoffs und führt Verhandlungen. Wie weit diese bereits fortgeschritten sind, bleibt unklar: Bavarian Nordic reagierte bis Montagabend nicht auf eine entsprechende Anfrage.

Rahmenbedingungen hindern Hersteller

Doch nicht nur beim Affenpocken-Impfstoff zeigen ausländische Pharmaunternehmen wenig Interesse daran, ihre Arzneimittel in der Schweiz anzubieten. «Auch für andere Medikamentenhersteller ist der Schweizer Markt zu wenig attraktiv», sagt Athanasios Zikopoulos, Geschäftsführer der Firma Lipomed, welche ihren Hauptsitz in der Schweiz hat und in der Forschung, Entwicklung, Herstellung und dem internationalen Vertrieb von Arzneimitteln tätig ist.

Das Desinteresse liege einerseits an den zahlreichen regulatorischen Vorschriften, welche die Hersteller erfüllen müssten. So dauern etwa die Schweizer Zulassungsverfahren gemäss Interpharma deutlich länger als in anderen Ländern – im Median vergehen ab Einreichung des Antrags bei Swissmedic 650 Tage bis das Arzneimittel zur Verfügung steht.

«Andererseits ist der Spielraum bei den behördlich regulierten Medikamentenpreisen für die Hersteller trotz zusätzlichem Aufwand sehr gering», so Zikopoulos. Weil zusätzlich der Schweizer Markt vergleichsweise klein und der Absatz begrenzt ist, verzichten immer wieder Pharmaunternehmen darauf, ihre Arzneimittel hierzulande überhaupt anzubieten.