Missbrauch
Gestörte Mutterliebe: «Ein Krankheitsbefund beim Kind bringt nur kurzzeitige Entlastung»

Eine Mutter quält ihre Tochter mit Arztbesuchen. Solche Mütter wollen vor allem Aufmerksamkeit, sagt Psychiater Wolfram Kawohl, im Interview.

Riccardo Castellano
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Wolfram Kawohl.Chris Iseli

Wolfram Kawohl.Chris Iseli

Chris Iseli

Eine Mutter schleppt ihr Kind jahrelang zu Ärzten, bis diese einen Verdacht schöpfen: Nicht eine Krankheit des Kindes ist das Problem - sondern die Mutter. Am Ende steht das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom im Raum. Wolfram Kawohl, Chefarzt Psychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau PDAG, erklärt, was es mit dieser Krankheit auf sich hat.

Wie kommt es dazu, dass Mütter ihr Kind krankreden und mit Arztbesuchen quälen?

Wolfram Kawohl: Genau geklärt ist das nicht. Es ist aber davon auszugehen, dass eine Mutter, die so etwas macht, Aufmerksamkeit und Zuwendung sucht und diese dadurch von Angehörigen und Fachleuten bekommt.

Haben alle Patienten mit dem Stellvertreter-Syndrom auch das gewöhnliche Münchhausen-Syndrom?

Beide Syndrome zählen zu den sogenannten artifiziellen Störungen, also Störungen, bei denen künstliche Beschwerden hervorgerufen werden. Sie unterscheiden sich aber grundlegend: Patienten mit einem Münchhausen-Syndrom sind meistens Männer, die sozial isoliert sind. Diese Menschen berichten über Beschwerden, fordern deren Abklärung und Behandlung ein und nehmen auch riskante medizinische Prozeduren in Kauf. Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom kommt fast nur bei Frauen vor, immer wieder auch bei solchen, die selber in einem Gesundheitsberuf tätig sind und dadurch verschiedene Krankheitsbilder kennen.

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Die Krankheit ist äusserst selten. Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom wurde wie das Münchhausen-Syndrom nach Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, dem «Lügenbaron», benannt. Das Stellvertreter-Syndrom beschreibt Eltern, die Krankheiten meist bei ihren Kindern erfinden, übersteigern oder selber verursachen. Der Elternteil – in der Regel die Mutter – verlangt daraufhin medizinische Behandlungen. Es handelt sich um eine Form der Kindsmisshandlung, die im schlimmsten Fall gefährliche Folgen haben kann. In einem Fall vor mehr als sechs Jahren vergiftete die Mutter ihre Tochter mit Valium.

Haben die Mütter kein schlechtes Gewissen dabei oder merken sie gar nicht, dass sie ihrem Kind schaden?

Nicht unbedingt. Sie erleben sich selbst oft als besonders fürsorglich, indem sie sich intensiv um das kranke Kind kümmern und in dieser Rolle auch von Dritten bestätigt werden.

Sind andere Krankheiten der Auslöser oder kann das Syndrom allein stehen?

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die der Sache zugrunde liegen. Allein durch eine häufige psychische Erkrankung wie eine Depression ist dieses zum Glück seltene Verhaltensmuster nicht zu erklären. Betroffene haben häufig selber eine Vorgeschichte mit selbstverletzendem Verhalten wie es zum Beispiel im Rahmen bestimmter Persönlichkeitsstörungen auftritt.

Gibt es einsichtige Mütter oder braucht es in jedem Fall eine Therapie?

In jedem Fall sollte eine Therapie durchgeführt werden. Im Vordergrund steht aber zunächst das Kindeswohl. Wenn also erkannt wird, dass ein Kind Opfer eines Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms geworden ist, muss sichergestellt werden, dass die Schädigung sofort aufhört. Dies geschieht durch geeignete Kindesschutzmassnahmen, zum Beispiel einen Sorgerechtsentzug.

Wie läuft so eine Therapie im groben Rahmen ab?

Das kommt auf den jeweiligen Fall an, zumal systematische Behandlungsstudien fehlen. Zunächst einmal ist es aber wichtig, bei der betroffenen Mutter ein Problembewusstsein herzustellen. Dies gelingt manchmal, aber nicht immer. In der Therapie werden sowohl das schädigende Verhalten als auch allfällige eigene erlittene Traumata thematisiert. Insgesamt ist die Therapie dieser Störung aber äusserst schwierig.

Was bedeutet es für das Kind? Wird es in Zukunft psychische Probleme haben oder gar selber anfällig für das Syndrom?

Leider ja: Viele Täterinnen sind als Kind selbst Opfer von Gewalt gewesen, teilweise auch selbst Opfer im Rahmen eines Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms.

Wäre eine Person mit diesem Syndrom erleichtert über einen tatsächlichen Krankheitsbefund beim Kind?

Dies dürfte allenfalls eine kurzzeitige Entlastung bringen. Es ist aber durchaus möglich, dass die Mutter diese tatsächliche Erkrankung negativ beeinflussen wird und das Kind zusätzlich schädigt.

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