Interview

«Geschwächte Zivilisation»: Star-Architekt Mario Botta kritisiert Bau-Boom und Agglo-Architektur

«Die Denkmalpflege will eine Nachahmung, das Neue darf nicht sichtbar sein»: Mario Botta kritisiert die Verhinderung seiner Kuppelin Baden.

«Die Denkmalpflege will eine Nachahmung, das Neue darf nicht sichtbar sein»: Mario Botta kritisiert die Verhinderung seiner Kuppelin Baden.

Der Tessiner Architekt Mario Botta (74) äussert sich im grossen Interview über die Folgen des Bau-Booms, seine Liebe zu Altstädten und seine Zukunft: «Ich will noch zwanzig Jahre weiterarbeiten.»

Wir treffen Mario Botta an der Badenfahrt, dem wohl kreativsten Stadtfest der Schweiz, für das er zusammen mit seiner Ehefrau aus dem Tessin in den Aargau reiste. In den vergangenen acht Jahren war Botta immer wieder in Baden; hier soll in rund zwei Jahren das «Botta-Bad» eröffnet werden. Sein Projekt weckt grosse Erwartungen, denn das einst blühende Bäderquartier ist in den letzten Jahrzehnten heruntergekommen – künftig soll es jährlich eine halbe Million Gäste anziehen.

Signor Botta, was sind Ihre Eindrücke nach einem Rundgang durch die Badenfahrt?

Mario Botta: Ich habe wunderbare Bars und Restaurants gesehen, darunter eines, das aus lauter Büchern gebaut wurde. Es gibt Bühnen und Türme, auf die man klettern kann – wunderbar! Und das mitten in der Stadt, vor allem in der Altstadt. Ich liebe Altstädte, und sie sollten ganz den Fussgängern, den Menschen gehören. Das ist in diesen zehn Tagen der Fall.

Mario Botta an der Badenfahrt

Mario Botta an der Badenfahrt

Architekt Mario Botta besucht am ersten Wochenende die Badenfahrt 2017.

Was ist der Reiz von Altstädten?

Die europäischen Altstädte – etwas, das in Amerika und auch in Asien fehlt – stehen für die Werte und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Sie bedeuten für mich Friede, Harmonie, ja Menschheit. So viel hat sich verändert in unseren modernen Gesellschaften: Kultur und Wirtschaft wurden globalisiert, der Konsum dominiert unser Leben. Aber die Altstädte – sie sind immer noch da als Zeugen unserer Vergangenheit. Ich glaube daran, dass Europa, das ein bisschen müde geworden ist, dank seinen Städten eine Renaissance erleben könnte.

Ist das nicht etwas nostalgisch?

Traditionen, die für die Architektur so wichtig sind, verstehe ich immer als Teil der Gegenwart. Ich existiere, weil ich mich erinnere. Altstädte sind nicht besonders funktional oder praktisch – man kann Städte heute besser organisieren. Aber sie sind schön und erinnern uns daran, woher wir kommen und dass wir Teil einer Geschichte sind.

Die Altstadt von Baden wird für bloss zehn Tage mit riesigem Aufwand in ein Festgelände verwandelt. Wird da ein bisschen übertrieben?

Keineswegs. Solche Feste bieten nicht nur Kreativität und Vergnügen, sondern auch Improvisation und Reflexion. Es sind Rituale, die Identität stiften und gerade in Zeiten der Globalisierung wichtig sind.

Das Bistro dieser Zeitung ist inspiriert von der sogenannten «Botta-Kuppel», die Sie im Badener Bäderquartier bauen wollten. Die Behörden haben sie aber verhindert: Zu gewagt …

Tja, 1:0 für die Journalisten gegen die Architekten! Ihnen ist gelungen, woran ich gescheitert bin (lacht). Sie konnten sich durchsetzen.

Das «Bistro de la Presse»

Das «Bistro de la Presse»

Haben Sie oft Konflikte mit der Denkmalpflege?

Ja. (Er zückt seinen roten Metall-Bleistift und beginnt zu zeichnen) Sehen Sie, das Hotel «Verenahof», auf dem die Kuppel vorgesehen war, ist ein seltsames Gebilde: Es sind verschiedene Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten um diesen Lichthof platziert. Deshalb wollte ich hier eine Drehscheibe schaffen: den kleinen Hof mit dem Lichtkegel darüber und darum herum einen Kranz mit Zimmern. Ich wollte das Alte und das Neue trennen, und mit der neuen Geometrie die alten Teile verbinden. Die Denkmalpflege will aber eine Nachahmung, das Neue darf nicht sichtbar sein. Das ist falsch. Das ist der übliche Konflikt in der Schweiz: Man will nur konservieren.

Kuppeln und Kirchen sind für Sie ein wiederkehrendes Thema. Warum?

Das Licht, das von oben kommt, ist gratis. Noch gibt es keine Gebühr dafür! (Lacht). Im Ernst: Ohne Licht gibt es keinen Raum. Ohne Licht verschwindet seine Dimension, verschwindet alles. Das Licht im Zusammenspiel mit der Geometrie und den Materialien – das macht Architektur aus. Oberlichter bedeuten Natur, und sie haben etwas Spirituelles und Sakrales, nicht nur bei Kirchenbauten. Architektur ist für mich nichts anderes als die Verwandlung von Natur in Kultur.

Nebst Oberlichtern sieht man in vielen Ihrer Bauten hell-dunkle Streifenmuster. Warum sind sie so wichtig für Sie?

Diese Streifen haben eine lange Tradition, man sieht sie bereits in der römischen Architektur. Sie können selbst ein armes Haus reich machen, weil sie dessen Prägung verändern. Entstanden sind solche Muster auch aus technischen Gründen: Früher baute man am ersten Tag die erste Schicht, am zweiten Tag die zweite. So sah man auch im Nachhinein, wie ein Bau gewachsen war.

Oft wird kritisiert, die heutige Architektur sei langweilig: Wohnungen werden zu immer gleichen Cremeschnitten übereinandergeschichtet, Geschäftsbauten folgen den immer gleichen Rastersystemen.

Das ist keine langweilige Architektur, sondern schlechte Architektur! Der Bauboom der letzten zwanzig Jahre hat sehr viele schlechte Bauten hervorgebracht.

Aber warum? Es gibt mehr Architekten, die an ETH, Fachhochschulen oder Ihrer neuen Universität in Mendrisio besser ausgebildet sind als je.

Die Architektur wird nicht nur von den Architekten bestimmt. Die Architektur ist bestimmt durch die Politik, durch die Raum- und Städteplanung, durch die Investoren und Spekulanten, durch die Bauherren, durch die Einschränkungen des architektonischen Ausdrucks zugunsten der Rentabilität. Der Architekt hat Verantwortung, aber er steht am Schluss einer langen Entscheidungskette.

Ist zu viel reglementiert?

Die Gesellschaft bestimmt die Reglemente. Die Architektur ist deshalb immer der Spiegel der Gesellschaft, die Agglomerationen sind der unbarmherzige Spiegel unserer Epoche. Die historischen Städte waren lebendige, soziale Gebilde, die Agglomerationen zeigen eine geschwächte Zivilisation, sie sind Orte der Vereinzelung, Isolation, manchmal auch der Gewalt.

Die Gesellschaft verändert sich auch durch den technologischen Fortschritt. Welche Veränderungen bringt die Digitalisierung in der Architektur?

Manchmal gute, manchmal aber wird der technische Fortschritt als Alibi für finanzielle Absichten gebraucht. Und weil technisch immer mehr möglich ist, will man das auch ausschöpfen.

Mit Spannung wartet man darauf, wie Ihr Projekt im Badener Bäderquartier ankommen wird. In zwei Jahren soll es fertig sein. In den letzten Jahrzehnten scheiterten alle Versuche, es wiederzubeleben. Warum glauben Sie an den Erfolg?

Wir sollten uns nicht von den letzten Jahren oder Jahrzehnten irritieren lassen, wo in der Tat nichts mehr ging. Sondern den grossen Bogen spannen: In den Badener Thermen wurde schon vor über 2000 Jahren gebadet. Als mich Investor Benno Zehnder für dieses Projekt anfragte, war mir sofort klar: Wir müssen nichts anderes machen, als der Bestimmung dieses Ortes zu folgen. Es ist ein Geschenk des Himmels, dass hier nicht weniger als 36 Quellen sprudeln und das Wasser 47 Grad warm ist. Wo gibt es so etwas?

Was ist Ihre architektonische Grundidee?

Die Anknüpfung an das grosse Erbe. Viel verspreche ich mir vom Einbezug der Limmat. Das Bäderquartier liegt ja in diesem wunderbaren Limmatbogen. Die Bauten sollen gewissermassen Besitz ergreifen von der Limmat. Wir haben eine grosse Chance: Die heutige Generation kann die Leere im Bäderquartier wieder mit Leben füllen.

All das garantiert noch nicht, dass das «Botta-Bad» wie geplant jährlich eine halbe Million Menschen anziehen wird.

Es braucht einen ganzen Strauss von Massnahmen: für die Bäder, die Infrastruktur, die Atmosphäre, die Besucher … Wir haben einen Businessplan gemacht, die Besucherfrequenz vorgegeben. Es sollen nicht nur Leute aus der Stadt und der Region kommen, sondern auch Auswärtige – wie früher die Zürcher. Sicherheit, ob alles aufgeht, haben Sie aber nie.

Der Wellness-Trend ist nicht wirklich neu. Hat Baden den Zeitpunkt nicht verpasst, gross einzusteigen?

Zu spät ist es nicht. Man plant ja nicht ein Bad nur für Sportler oder nur für alte Menschen. Über das Konzept entscheide nicht ich als Architekt, aber mit der Qualität des Baus kann ich zum Erfolg beitragen. Die Besucher werden in unserem Bad zwischen unterschiedlichen Becken, Räumen und Atmosphären wählen können.

Kritiker monieren, Ihr Bad-Projekt sei ein Fremdkörper im Quartier.

In meinen Augen ist es ein bescheidenes Projekt. Es ist bescheiden gegenüber dem Fluss. Es ist ein grosses Volumen, deshalb habe ich die Form in einzelne Elemente, in Finger aufgelöst, damit es vom Fluss her bescheidener erscheint.

Aber es ist sehr langgezogen.

Es ist lang. Aber wenn Sie sehen, wie dicht und hoch das Gebiet einst bebaut war, wie voll alles war, dann ist das neue Bad eine Reduktion. Wenn man im 21. Jahrhundert fordert, das Neue müsse sich verstecken, ist das für mich ein Misstrauen gegenüber dem zeitgenössischen Bauen in unserer Gesellschaft.

Es gibt die Idee, dass man eine Seilbahn vom Bahnhof zu den Bädern baut. Was halten Sie davon?

Alles, was in die Thermen führt, ist gut! Alles, was sie näher rücken lässt, unterstütze ich.

Ihre drei Kinder arbeiten in Ihrem Büro «Mario Botta Architetti». Aber kann die Firma dereinst ohne Sie funktionieren? Auftraggeber wollen nicht das Büro Botta, sie wollen Mario Botta.

Auftraggeber fragen ohnehin nicht viele an. Schon gar nicht aus der Schweiz. Eher aus China. Aber ich will nicht klagen: Ich kann hier in der Schweiz sicher leben, wir haben seit fünfzig Jahren Frieden, ich bin privilegiert, dass ich hier leben und arbeiten kann.

Werden Ihre Kinder Ihre Arbeit so international und erfolgreich weiterführen können?

Ich weiss es nicht. Es gibt grosse Architekturbüros, wo die Nachfolge funktioniert. Aber wir haben noch Zeit, ich will noch zwanzig Jahre arbeiten.

Was haben Sie in China gebaut?

Ich habe sechs Projekte in China, sehr unterschiedliche: Eine grosse Kunst-Universität, eine Bibliothek, eine Moschee, ein Museum … In diesem Museum wird in wenigen Tagen eine grosse Ausstellung über mein Schaffen eröffnet. Soll ich Ihnen den Katalog schicken? Auf Chinesisch (lacht)?

Wie erleben Sie dieses riesige Land?

China ist viel ärmer, hat viele Probleme. Aber die chinesische Gesellschaft ist voller Energie und voller Hoffnung, ganz im Gegensatz zur europäischen Gesellschaft. Das ist ein guter Boden für die Arbeit eines Architekten.

Themawechsel. Von Fernost in Ihre Heimat. Braucht das Tessin Ignazio Cassis als Bundesrat?

Woher soll ich das wissen? Ich bin Architekt, nicht Politiker.

«Das Leben eines Architekten besteht darin, zu warten»: Ein Gespräch mit Mario Botta

«Das Leben eines Architekten besteht darin, zu warten»: Ein Gespräch mit Mario Botta (17. Januar 2017)

Sie haben bestimmt eine Meinung.

Ignazio Cassis ist ein guter Mann, mit dem ich freundschaftlich verbunden bin. Aber: Wir brauchen nicht in erster Linie einen Tessiner, sondern einen guten Bundesrat! Wenn er dann noch aus dem Tessin kommt, umso besser.

Was macht einen guten Bundesrat aus?

Wir brauchen Persönlichkeiten, die sich um die grossen Herausforderungen und nicht um das Kleinklein kümmern. Wir reden darüber, ob der neue Bundesrat ein Romand, ein Tessiner oder am Ende doch ein Deutschschweizer ist, statt dass wir fragen: Wohin steuert unser Land? Es gab Generationen, die mit Kriegen fertig werden mussten. Das ist glücklicherweise nicht mehr der Fall. Aber Unsicherheiten gibt es sehr wohl. Und wir müssen aufpassen, dass die Privilegien, die die Schweiz ihren Bewohnern bietet, erhalten bleiben.

Was meinen Sie damit?

Wir sind in gewisser Weise eine Insel, aber sie ist verbunden mit dem Rest der Welt, dessen müssen wir uns bewusst sein. Spätestens seit wir alle Smartphones haben, ist das sehr offensichtlich. Wir sind Schweizer, aber wir sind auch Weltbürger. Unser Land braucht Bundesräte, die das wissen und auch leben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1