Seit der überraschenden Absetzung von NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann am Dienstag ist die Schweizer Medien- und Politszene in Aufruhr.

Was passiert im Hause NZZ wirklich? Warum propagiert die Blocher-nahe «Weltwoche» zwei Tage später in einem Leitartikel den bürgerlichen Schulterschluss zwischen FDP und SVP und gibt faktisch eine Empfehlung für die Besetzung des NZZ-Chefpostens ab? Steht die Schweiz vor einem medienpolitischen Coup erster Güte?

Unruhe im Bundeshaus

Die Aufregung hat gestern Donnerstag auch das Bundeshaus erfasst. Von links bis rechts macht sich Unruhe breit. Die staatspolitische Bedeutung der «alten Tante» ist nach wie vor gross. Das «Flaggschiff des politischen Journalismus» in SVP-Hand ist auch für viele Bürgerliche ein Horrorszenario.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Situation unübersichtlich. Einigermassen gesichert sind folgende Informationen: Der NZZ-Verwaltungsrat ist offenbar unzufrieden mit dem politischen Kurs des Blattes. Gefordert sei eine «dezidiert bürgerliche Ausrichtung», wie sie zum Beispiel Inlandchef René Zeller verkörpere. Dass es die NZZ gewagt habe, etwa die massive Verwässerung der Zweitwohnungsinitiative durch die bürgerliche Mehrheit im Ständerat zu kritisieren, sei «überhaupt nicht goutiert» worden.

Entgegen ersten Spekulationen hat die NZZ gemäss Informationen der «Nordwestschweiz» kein Interesse, die «Basler Zeitung» zu kaufen. Zur Erinnerung: Bevor diese in die Hände Christoph Blochers fiel, war auch die NZZ an der BaZ interessiert. Doch Blocher trieb den Preis in die Höhe, bis die NZZ verzichtete. Jetzt aber versichern gut informierte Quellen: Der Kauf eines weiteren Printtitels sei angesichts schrumpfender Erträge in der Branche nicht erstrebenswert.

Dennoch hat sich die NZZ möglicherweise auf einen Deal mit Blocher oder ihm nahe stehenden Investoren eingelassen: So könnte Blocher der NZZ etwa deren Regionalzeitungen «St. Galler Tagblatt» und «Neue Luzerner Zeitung» abkaufen. Blocher, der seinen Einfluss auf die Medien unbedingt ausbauen will, wäre in drei grossen Deutschschweizer Städten im Besitze einer starken Tageszeitung.

Die NZZ wiederum käme zu dringend benötigten flüssigen Mitteln, um ihre Online- und Österreich-Strategie endlich zu forcieren. Im Gegenzug erlaubt es dies Blocher, einen Intimus an der Spitze der NZZ-Redaktion zu platzieren – zum Beispiel BaZ-Chefredaktor und Verleger sowie Blocher-Biograf Markus Somm.

Somm für Spillmann: Mehrere Indizien weisen darauf hin, dass dieser Deal Anfang Woche vorerst geplatzt ist. NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod soll dem Vernehmen nach kurzfristig Termine abgesagt haben. Spillmann musste in der Folge – für die NZZ völlig unüblich – Hals über Kopf verabschiedet werden. Damit ist freilich nicht gesagt, dass Somm nicht doch noch auf dem Chefsessel der NZZ Platz nehmen wird. Die Gespräche dauern offenbar an. Somm sagt auf Anfrage der «Nordwestschweiz»: «Kein Kommentar.»

Wandlung bei der «Weltwoche»

Früher, als er für den «Tages-Anzeiger» im Bundeshaus arbeitete, war Somm politisch linksliberal ausgerichtet, spätestens als Inlandchef bei Roger Köppels «Weltwoche» aber wandelte er sich zu einem Vertreter des strammen SVP-Kurses blocherscher Prägung. So sprach sich Somm etwa für die Masseneinwanderungsinitiative aus, zeigte viel Verständnis für Ecopop und liess seine Inlandredaktion ein Ja zur Goldinitiative empfehlen.

Am 1. November publizierte er einen Leitartikel mit dem Titel: «Die Zukunft der bürgerlichen Schweiz». Darin plädierte Somm für einen nationalen Schulterschluss zwischen FDP und SVP. «Wenn man die beiden Parteien vergleicht, dann ist offensichtlich, dass sich die beiden in sehr vielen Fragen einig sind», schrieb er.

Sein alter Kumpel Roger Köppel fand im gestrigen «Weltwoche»-Editorial – Zufälle gibts – fast die gleichen Worte: «Die konkrete parteipolitische Aufgabe des neuen Chefredaktors besteht darin, das bürgerliche Lager zu versöhnen, die neurotischen Grabenkämpfe zu entschärfen, SVP und FDP auf eine einigermassen gemeinsame Linie gegen die Linken zu bringen.»

Medienjournalist Nick Lüthi hält die Ernennung Somms zum NZZ-Chef nicht für abwegig: «Somm würde nicht schlecht zur NZZ passen: seine Vita, seine unter Beweis gestellte Wandlungsfähigkeit, seine FDP-Mitgliedschaft.»

Auch Franz Steinegger, bis April 2013 Präsident des NZZ-Verwaltungsrats, schliesst Somm nicht a priori aus: «Er müsste sich an die NZZ anpassen und nicht umgekehrt.» Steinegger traut Somm diese «intellektuelle Flexibilität» durchaus zu. Christoph Blocher war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.