Gerichtsurteil
Anti-Doping-Agentur ging gegen 90-Jährige vor – weil sie illegale Anti-Aging-Hormone importieren wollte

Eine Seniorin bestellte im Ausland Wachstumshormone für eine Anti-Aging-Therapie. Der Import solcher Mittel ist verboten. Die Anti-Doping-Agentur wollte die Bestellung vernichten und der Frau dafür Gebühren auferlegen. Sie zog vor Gericht.

Christoph Bernet
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Eine 90-Jährige wurde

Eine 90-Jährige wurde

Es ist ein kurioser Fall: Der Zoll fing am 29. November 2019 am Flughafen Genf ein Paket ab. Neben zwei unbedenklichen Heilmitteln fanden sich darin zwölf Ampullen des Wachstumshormons Somatotropin. Bestellt hatte das Paket eine unterdessen 90-jährige Frau.

Wachstumshormone sind gemäss Sportförderungsverordnung verbotene Dopingmittel. Deshalb meldete die Zollverwaltung die verdächtige Sendung der Stiftung Antidoping Schweiz, der nationalen Agentur zur Bekämpfung von Doping.

Antidoping Schweiz ordnete in der Folge die Einziehung und Vernichtung der zwölf Ampullen an und auferlegte der Seniorin die dafür fälligen Gebührenkosten von 400 Franken. Die Einfuhr der Ampullen sei «unzulässig», teilte man der Dame am 23. Januar 2020 schriftlich mit. Und räumte ihr die Gelegenheit zu einer Stellungnahme ein.

Nachträglich ärztliches Rezept eingereicht

Diese Gelegenheit nahm die Frau wahr. Per Mail bat sie Antidoping Schweiz, die zurückgehaltenen Wachstumshormone freizugeben und ihr rasch zuzustellen. Sie sei krankheitshalber darauf angewiesen. Diese dienten einem «medizinisch legitimierten Zweck». Dem E-Mail der Seniorin liegt eine ärztliche Bestätigung bei, datiert auf den 27. Januar 2020. Die Frau hatte sie also erst Monate nach dem Importversuch eingeholt, nachdem sie über die möglichen Vernichtung der Bestellung Bescheid wusste.

Die Antwort der 90-Jährigen beeindruckte Antidoping Schweiz nicht. Die Organisation verfügte im April 2020 die Vernichtung der eingezogenen Ware und erlegte der Frau die 400 Franken Gebühr auf. Da ein aktuelles, vor dem Import ausgestelltes Arztrezept fehle, könne «nicht von einem medizinisch legitimierten Zweck ausgegangen werden».

«Zweck der Stiftung ist nicht Verfolgung einer Seniorin»

Das wollte die Dame nicht auf sich sitzen lassen. Sie reichte beim Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen Beschwerde ein. Sie wiederholte ihre Begründung, das Somatropopin habe sie zum Eigengebrauch und für den medizinischen Gebrauch importieren wollen.

In ihrer Beschwerde warf sie Antidoping Schweiz «Unangemessenheit sowie die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich der Überschreitung oder Missbrauch des Ermessens» vor. In einer Replik fügte sie an, der Zweck der Stiftung sei die Bekämpfung von Doping im Sport «und nicht die Verfolgung einer 90-jährigen Pensionärin».

Hormone «im Sinne eines Anti-Aging eingesetzt»

Doch auch am Bundesverwaltungsgericht fand sie kein Gehör. Für die Richter ist das nachträglich eingereichte ärztliche Rezept ebenfalls unzureichend. Ausserdem stammt es von einem Arztes ohne Zulassung für die Tätigkeit in der Schweiz. Der Mediziner ist ein international bekannter Vertreter der «total hormon replacement therapy». Diese Behandlungsform versucht gemäss Urteilsschrift, Mängel im Hormonhaushalt des Körpers mittels Hormonersatz auf den Stand einer etwa 20-jährigen Person zu korrigieren.

Die von der 90-Jährigen Frau eingereichten medizinischen Unterlagen zeigen laut Gericht, dass sich ihr Wachstumshormon-Spiegel auf einem «tiefen, normalen Niveau» bewege. Die Hormone würden also nicht zur Behandlung einer eigentlichen Krankheit, sondern zur Vorbeugung im Sinne eines Anti-Agings eingesetzt: «Ein medizinisch legitimierter Zweck ist zu verneinen», so das Fazit der Richter.

Die Tatsache, dass die 90-jährige Frau ihre Beschwerde ohne Hilfe einer Anwältin oder eines Anwalts eingereicht hatte, zeigt: Zumindest geistig scheint sie kein Anti-Aging nötig zu haben.