Dies vorweg: Geri Müller sieht sich selbst als unabhängigen Vermittler und Opfer von Verleumdung. In einem E-Mail an die Redaktion schreibt der Aargauer Politiker, der seit 2003 für die Grünen im Nationalrat sitzt: «Wenn man davon ausgeht, und das machen fast alle Kritiker, dass ich ein ‹Freund der Hamas› sei, weil ich auch mit ihnen Kontakt habe, ist das ein Konstrukt.» Er unterhalte ebenso mit israelischen Gruppen Kontakt. «Warum dies immer ausgeblendet wird und ein Kontakt mit Freundschaft gleichgesetzt wird, ist klar. Man will mich ‹desavouieren›.»

Bei der Israelitischen Kultusgemeinde Baden schüttelt man darüber bloss den Kopf. Der Präsident der Kultusgemeinde hat an einer Wahlveranstaltung und in einem Leserbrief eindringlich vor Geri Müller gewarnt. Der 52-jährige Nationalrat und Badener Vize-Ammann kandidiert für den Posten des Stadtammanns der 18 000-Einwohner-Gemeinde; der entscheidende zweite Wahlgang findet am 3. März statt.

Baden hat eine lange jüdische Tradition: Die Kultusgemeinde mit ihren heute 130 Seelen gibt es seit 1859, in Baden wurde einst der Schweizerische Israelitische Gemeindebund gegründet. Die Synagoge im Ortszentrum hat einen eigenen Rabbiner und ist eines von gerade einmal zehn jüdischen Gebetshäusern in der Deutschschweiz. Diesen Frieden nun wähnen die Badener Juden in Gefahr. Ein Mitglied der Kultusgemeinde, das aus Angst vor Übergriffen anonym bleiben möchte, formuliert es so: «Wird Geri Müller Stadtammann, droht Baden zu einem Anziehungspunkt für Islamisten und Antisemiten zu werden.»

In einer längeren Unterhaltung mit der «Nordwestschweiz» spricht der Mann von der schwedischen Stadt Malmö. Die Juden dort wurden von Islamisten so lange terrorisiert, bis sich die Kultusgemeinde auflöste. Er spricht von Biel und dem Islamischen Zentralrat. Er spricht von der Islamistin Malika El Aroud, die während Jahren unweit von Biel Terrorpropaganda betrieben hat. Derlei und Ähnliches also befürchtet die Kultusgemeinde unter einem Stadtpräsidenten Müller.

Ein Kernargument der Müller-Kritiker findet sich auf der vom Aargauer Publizisten Michael Kühntopf betriebenen Internetplattform Jewiki.net: Vor Jahresfrist empfing Müller im Bundeshaus drei führende Köpfe der islamistischen Hamas. Die drei Palästinenser haben sich dem «Heiligen Krieg» gegen Israel verschrieben, alle drei firmieren auf der Terror-Finanzierungsliste der USA. Es wird spekuliert, ist aber nicht erwiesen, die drei Hamas-Köpfe hätten sich auf einer Fundraising-Tour durch die Schweiz befunden.

Auf Jewiki.net wird ausserdem darauf hingewiesen, dass Geri Müller in öffentlichen Aussagen Parallelen zwischen der Situation im Gazastreifen und dem Holocaust gezogen hat. «Diese Art von Holocaust-Relativierung», lehrt Jewiki.net, «wird als Sekundärer Antisemitismus bezeichnet.»

Klar ist, dass Geri Müller die Sache der Palästinenser seit langem zu seiner eigenen gemacht hat. Seit den frühen Neunzigerjahren ist er über ein Dutzend Mal in die Region gereist. Den aktuellen israelischen Botschafter in Bern, Yigal B. Caspi, hat er zwar ebenfalls schon getroffen. Müller erwähnt unter anderem diese Begegnung als Beweis dafür, dass er auch Kontakte zu Israel unterhält. Gemäss Auskunft der Botschaft ist diese Aussprache indes nur zustande gekommen, weil Caspi darum gebeten hatte. Schliesslich war Müllers Haltung zu Israel schon einmal Gegenstand eines besorgten Artikels in der «Jerusalem Post».

Über die Aargauer Kantonsgrenzen hinaus ein erstes Mal breit diskutiert wurde Müllers Parteinahme für die Hamas vor vier Jahren. Müller präsidierte damals die Aussenpolitische Kommission des Nationalrates - ein Amt, das eigentlich zur Zurückhaltung verpflichtet. Als dann aber Israel Ende 2008 zu einem Militärschlag gegen die Hamas im Gazastreifen ansetzte, liess Müller jegliche Zurückhaltung fahren: Er trat als Hauptredner an zwei emotionalen Anti-Israel-Demonstrationen auf, verpasste diesen mithin einen offiziösen Charakter. Eine iranische Nachrichtenagentur meldete: «Der schweizerische parlamentarische Ausschuss für Aussenbeziehungen verurteilt die militärischen Angriffe des zionistischen Regimes auf die wehrlose Bevölkerung von Gaza.»

Entsprechend verärgert reagierten die meisten Kollegen in der Aussenpolitischen Kommission. «Der Ruf der Schweiz leidet unter solch unbedachten Sololäufen», liess ein CVP-Parlamentarier verlauten. Der frühere Solothurner SP-Nationalrat Boris Banga nannte Müller gar einen «antisemitisch angehauchten Politclown». Vorsichtiger äusserte sich der Antisemitismus-Forscher Aram Mattioli von der Universität Luzern. Er attestierte Müller eine «allzu unkritische Sympathie für gewisse Positionen von Hamas und eine allzu israelkritische Haltung». Für Mattioli verriet Müllers Sicht des Nahostkonflikts vor allem Naivität.

Grundsätzlich gut angeschrieben ist Müller in den eigenen Reihen. 2010 stellte ihn die Fraktion als einen von drei Kandidaten für die Bundesratswahl auf. Denn immerhin, auch diese Feststellung gehört hierher: Die Mehrzahl von Müllers Vorstössen im Nationalrat behandelt energiepolitische, mithin urgrüne Fragen. Auch zeugen diese Vorstösse von Sachverstand: Als Präsident der Schweizerischen Energie-Stiftung kann Müller auf das Know-how von AKW-kritischen Fachleuten zählen. Allerdings bleibt dieses Engagement nachgerade wirkungslos. Grund: Müller ist nicht Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie. Wer aber Einfluss auf die Gesetzgebung im Energiebereich nehmen will, muss im vorberatenden Gremium sitzen.

So assoziiert denn selbst ein wohlwollender Beobachter das Stichwortpaar «Müller und Atom» primär mit einer Äusserung des Aargauers aus dem Jahr 2007: Müller war auf Einladung der iranischen Regierung nach Teheran gereist - wieder daheim, verteidigte der Schweizer AKW-Gegner das iranische Atomprogramm. Alfred Donath, der inzwischen verstorbene damalige Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, prangerte diesen Widerspruch an. Weiter sagte Donath in einem Interview, Müller stelle sich «hinter ein klar antisemitisches Regime, das wiederholt erklärt hat, man solle den Staat Israel und die Juden überhaupt vernichten». - Womit sich der Kreis rasch geschlossen hat und unweigerlich wieder Müllers Verhältnis zu den Juden im Fokus steht.

Erlernt hat Müller einst den Beruf des Psychiatriepflegers. Später engagierte er sich im Integrationsbereich. Seine selbst gewählte Berufsbezeichnung lautet «Kulturvermittler». «Geri Müller», heisst es auf seiner Website, «vermittelt zwischen Individuen oder Gruppen, welche in scheinbar unlösbare Konflikte verstrickt sind.» Als Kulturvermittler will er auch an die Weltpolitik herangehen. Er möchte die Motive für eine Handlung verstehen, hat Müller einmal erklärt. Auf diese Weise kann er etwa zur Ansicht gelangen, dass den chinesischen Arbeitslagern der gleiche Gedanke zugrunde liegt wie einst der Schweizer Drogenpolitik: die Umerziehung. Mit solchen Schlüssen erweckt Müller freilich oft den Eindruck, er verharmlose die Missstände ausserhalb der westlichen Hemisphäre. Tatsächlich lassen sich in seinem Kulturrelativismus nur zwei feste Konstanten ausmachen: Antiamerikanismus und Antiisraelismus.

Den Antiamerikanismus lernt kennen, wer sich mit Müller über dessen Politisierung unterhält. Dann erzählt der Nationalrat zunächst, wie er in den Achtzigerjahren in die BRD reiste, um gegen die Stationierung von US-Raketen zu demonstrieren. Und ehe man sich versieht, hat er das Gespräch auf die Ausrottung der Indianer und die Lieblosigkeit amerikanischer Einkaufszentren gelenkt.
Die Haltung zu Israel zeigt sich derweil in Müllers konkreter politischer Arbeit: In den letzten drei Jahren hat er im Parlament neun Vorstösse zu Israel eingereicht. Zumeist sind es Fragen an den Bundesrat, die allesamt von einer zumindest grundkritischen Haltung zum Judenstaat zeugen. Einen Beleg für Müllers Aussage, dass er auf einen Ausgleich zwischen den Parteien bedacht ist, sucht man in der Datenbank des Parlaments vergebens: Ein wie auch immer gearteter Hamas- oder Iran-kritischer Vorstoss aus der Feder von Geri Müller existiert nicht.

Auf die Frage, ob er bei seinem Engagement in der Nahostfrage bislang nicht doch etwas gar einseitig gewesen sei, antwortet Müller: «Nein. Meine Arbeit in dieser Region stützt sich auf breit abgestützte Fakten.»

Zwei Fragen noch zum Schluss an den möglichen baldigen Stadtammann: Kann und will Geri Müller die Ängste der Israelitischen Kultusgemeinde zerstreuen? Wird Baden unter einem Stadtammann Müller keine Hamas-Gäste einladen und damit bestimmt nicht attraktiv für Juden-Hasser? «Das ist Unsinn!», schreibt Müller. «Ich habe noch nie Extremisten irgendwohin eingeladen. Auch nicht ins Bundeshaus. Die drei Hamas-Abgeordneten waren damals als Vertreter der Interparlamentarischen Union in Genf und besuchten mich in Bern, weil ich nicht nach Genf kommen konnte.»

Unseren Gesprächspartner von der Israelitischen Kultusgemeinde beruhigt diese Antwort nicht. Er sagt: «Tatsache ist, dass diese Leute wegen Geri Müller nach Bern gereist sind und dass er sie im Bundeshaus empfangen hat. Warum also sollte er sie nicht auch im Badener Stadthaus begrüssen wollen?»