Aussensicht
Gerangel um das Genfer Becken – was die Wähler in Genf beschäftigt

Im Kanton Genf werden am Sonntag der Grosse Rat und die Regierung zusammen gewählt. Doch wie tickt Genf? «Die Nordwestschweiz» wollte es wissen und reiste in die Schweizer Grossstadt, von der wir in der Deutschschweiz nur wenig wissen.

Daniel Fuchs
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Genf, die Schweizer Grossstadt, von der wir in der Deutschschweiz nur wenig wissen
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100 000 Frontaliers – «c’est énorme»: Jean-François Besson vom GTE.

Genf, die Schweizer Grossstadt, von der wir in der Deutschschweiz nur wenig wissen

Emanuel Freudiger

Rue de Genève 50 in Annemasse – das erste Ziel unserer Genf-Reise liegt in Frankreich und beheimatet das Groupement Transfrontalier européen (GTE), die grösste französische Grenzgänger-Organisation.

Der Bus der Linie 61 verlässt an diesem Spätsommervormittag den Bahnhof Genf fast leer.

Zwei deutsche Touristinnen steigen in den Bus mit französischem Kennzeichen.

Wer SBB-Fahrkarten hat, kommt nicht weit. Fürs Ticket der Verkehrsbetriebe Annemasse verlangt der Chauffeur Euros und nicht Schweizer Franken.

20 Minuten später passiert der Linienbus den Zoll. Da, wo sich morgens und abends der Verkehr staut, überqueren nur wenige Autos und Lieferwagen die Grenze.

Die deutschen Touristinnen steigen kurz nach der Grenze aus. Etwas verloren bleiben sie in dieser französischen Agglomeration einer Schweizer Stadt stehen und suchen nach dem Hotel, das diesseits der Grenze noch günstiger sein mag.

in Annemasse sind die Preise in den vergangenen Jahren ebenfalls gestiegen. Angestellte der französischen Zentralverwaltung meiden die Region, seit ihre Löhne nicht mehr mit den Salären mithalten können, die Grenzgänger aus der Schweiz mitbringen.

Das sagt einer, der es wissen muss: Jean-François Besson ist Generalsekretär der Grenzgänger-Organisation GTE und sitzt im Sitzungszimmer der Zentrale.

Die Frontaliers treiben diesseits der Grenze die Preise und in Genf den politischen Puls in die Höhe – vor allem seit ein paar findige Populisten um den charismatischen Anführer Eric Stauffer die Debatte über französische Grenzgänger zu befeuern begannen.

Auch vor dem kantonalen Wahlgang, zu dem die Genfer diesen Sonntag schreiten, gibt Stauffers Mouvement des citoyens genèvois (MCG) den Takt vor:

«Ob verstopfte Strassen, teure Mieten, Arbeitslosigkeit oder Umweltverschmutzung – für den MCG tragen die Frontaliers die Schuld», erklärt Besson, der den Parlaments- und Regierungswahlen bang entgegenblickt. «Gewinnt der MCG, dann ist das sicher nicht zum Vorteil der Frontaliers.»

100'000 Grenzgänger, die in Genf arbeiten

Gerade einmal 4,5 Kilometer – so kurz ist die Grenze zwischen den Kantonen Genf und Waadt, dem einzigen Bindeglied mit der Schweiz.

103 Kilometer lang dagegen die Grenze zu Frankreich: Eingebettet zwischen französischen Alpen und Jurakette ragt das «Genfer Becken» weit in die französischen Départements Haute-Savoie und Ain hinein.

In ihrer Freizeit zieht es viele Genfer nach Frankreich. Vor allem dann, wenn Pendler die Autobahn- und Zuglinie Richtung Lausanne verstopfen.

Viele Franzosen dagegen zieht es ins wirtschaftlich attraktive Genf. Die wenigsten stammen noch aus der Region. «Die Grenzgänger kommen aus ganz Frankreich, um in Genf zu arbeiten», so Besson.

Er nennt Zahlen. Aufgerundet seien es insgesamt 100 000 Grenzgänger, die in Genf arbeiteten. Davon seien 30 000 schweizerisch-französische Doppelbürger.

100 000, eine immense Zahl, angesichts der 240 000 Arbeitsplätze. Vor allem Spitäler, die Hotellerie oder der Bau rekrutierten unter Franzosen, weil sie auf dem heimischen Arbeitsmarkt zu wenige Arbeitskräfte fänden. «C’est énorme», schliesst Besson im Sitzungszimmer an der Rue de Genève freundlich lächelnd.

Der Ausländeranteil beträgt in Genf über 40 Prozent und ist damit fast doppelt so hoch wie der Schweizer Durchschnitt.

Zählt man die Grenzgänger hinzu, so kommt eine grosse Gruppe von Personen zusammen, die von der Genfer Politik direkt betroffen ist. Und das, ohne politisch mitsprechen zu können.

Nicht besser ergeht es den sogenannten Expats, Leute also, welche von Unternehmen für ein paar Jahre hergeholt werden und danach wieder wegziehen.

«Leben ist zu gut, um über Politik den Kopf zu zerbrechen»

Die meisten von ihnen wohnen auf Genfer Kantonsgebiet. Schätzungen gehen von 68 000 Expats aus. Einer von ihnen heisst Nir Ofek. Der Israeli kam vor zehn Jahren für einen US-amerikanischen Multi nach Genf.

Wir treffen ihn dort, wo die Rhone aus dem Genfersee fliesst. Auch zehn Jahre nach seiner Ankunft in Genf spricht Ofek kaum Französisch.

Noch fühlt er sich als Expat, kann sich aber vorstellen, mit seiner amerikanischen Frau und seinem Kind an der Rhone zu bleiben. «Vorausgesetzt, wir finden eine zahlbare Wohnung», sagt Ofek, womit er ein handfestes Problem anspricht, von dem Genf betroffen ist.

Überteuerter Wohnraum und die Verwandtschaft in der fernen Heimat – warum bleibt er trotzdem?

«Sicherheit hat in Genf eine ganz andere Qualität als in meiner Heimat Tel Aviv: Ich schätze Genf, weil ich hier nicht ständig Raketenangriffe fürchten muss», erklärt Nir Ofek.

Genf habe zwar auch ein Sicherheitsproblem. Er selber gehe nachts nicht gerne durch Strassen, in welchen es von Dealern und Prostituierten wimmle.

Die Lokalpolitik verfolgt Ofek trotzdem nicht. Sie interessiert ihn nicht. Hinzu komme, dass er auch nach zehn Jahren noch immer über keine politischen Partizipationsrechte verfüge.

Das Wasser der Rhone fliesst gemächlich in Richtung französische Grenze, auf dem weiten Weg ins Mittelmeer. Nachdenklich sitzt Ofek am Ufer. «Es mag kaltschnäuzig tönen: Aber das Leben in dieser Blase, in der wir Expats uns befinden, ist zu gut, um sich über Lokalpolitik den Kopf zu zerbrechen.»