«Umma Schweiz»
Geplantes Muslim-Parlament sorgt für rote Köpfe

Sowohl Islamkritiker als auch das Forum für einen fortschrittlichen Islam üben Kritik am geplanten Islam-Parlament, genannt «Umma Schweiz». Dieses wollten die beiden grössten muslimischen Organisationen des Landes auf Ende Jahr gründen.

Simon Fischer
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Fids-Präsident Hisham Maizar und Kios-Präsident Farhad Afshar

Fids-Präsident Hisham Maizar und Kios-Präsident Farhad Afshar

key/ho

In einem Ende Januar publizierten Bericht kritisiert die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die zunehmende Diskriminierung der in der Schweiz lebenden Muslime. Sie empfiehlt dem Bund deshalb, die Bildung einer Dachorganisation für Muslime zu unterstützen. Denn heute sind die Muslime in unzähligen Organisationen, Verbänden und Dachverbänden organisiert, die sich allerdings in entscheidenden Fragen oft nicht einig sind (siehe Kasten).

Muslimverbände

Die islamische Gemeinschaft in der Schweiz ist sehr vielfältig. Muslime, die vom Balkan stammen, haben andere gesellschaftliche Hintergründe und leben ihren Glauben anders als Muslime, die aus dem arabischen Raum stammen. Entsprechend schwierig ist es, die oft sehr unterschiedlichen Positionen unter einen Hut zu bringen und unter den unzähligen Organisationen und Verbänden einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Grösste muslimische Organisation in der Schweiz ist die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids). Sie existiert seit 2006. Seither haben sich der Föderation rund 150 verschiedene muslimische Organisationen angeschlossen. Fids-Präsident Hisham Maizar vertritt die Auffassung, dass für die verschiedenen Religionen unterschiedliche Teilrechtssysteme gelten sollen.

befürwortet deshalb die Anerkennung gewisser Teile der Scharia, des islamischen Rechts. In dieser Hinsicht noch etwas konservativer ist die Haltung innerhalb der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), die vom iranischstämmigen Schweizer Soziologen Farhad Afshar präsidiert wird. Im Gegensatz zu Maizar befürwortet er die Übernahme der Scharia für Muslime grundsätzlich, mit gewissen Anpassungen an die Schweiz. Gerade diese Frage führt oft zu Uneinigkeit unter den beiden Verbänden. Weniger bedeutend, dafür umso präsenter in den Medien, ist der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS). Der fundamental-islamistisch geprägten Gruppierung gehören viele junge, streng gläubige Konvertiten an. Wegen seiner extremistischen Ausrichtung ist der Zentralrat bei moderaten Muslimen verpönt.(sf)

Die beiden grössten muslimischen Organisationen des Landes, die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids) und die Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), wollen ihren eigenen Weg gehen, unabhängig von der OSZE-Empfehlung. Sie planen, bis zum nächsten Jahr eine Art muslimisches Parlament zu schaffen, genannt «Umma Schweiz». Jede angeschlossene Organisation soll einen Parlamentsvertreter wählen. «Das Parlament soll sich in gesellschaftlichen und politischen Fragen, die Muslime betreffen, einigen, damit wir danach mit einer Stimme sprechen können», sagt Fids-Präsident Hisham Maizar.

«Die Idee ist irritierend»

Die Pläne der Muslimorganisationen lassen bei Islamkritikern bereits alle Alarmglocken läuten. «Diese Idee scheint ein weiterer Vorstoss zu sein, um in der Schweiz eine muslimische Parallelgesellschaft zu schaffen», sagt etwa der St.Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann, der bereits an vorderster Front für die Anti-Minarett-Initiative kämpfte.

Kritik ernten Fids und Kios auch aus den eigenen Reihen. «Die Idee ist irritierend», sagt Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Es gebe mehr als genug islamische Organisationen in der Schweiz. «Das eigentliche Problem ist, dass all diese Verbände nur die 10 bis 15 Prozent jener Muslime in der Schweiz ansprechen, die ihren Glauben auf traditionelle und nicht hinterfragte Art praktizieren.» Der Rest werde schlicht ignoriert und von niemandem vertreten. Keller-Messahli fordert von den muslimischen Dachverbänden schon lange eine kritische Debatte über die Rolle des Islam in der Schweiz. «Leider spüre ich dort jeweils nicht einen Hauch von Selbstkritik.» Auch die Schaffung eines Parlaments werde diese Situation nicht verbessern. «Vielmehr bestätigt die Idee eine Tendenz zur Abschottung unter konservativen Muslimen.»

Fids-Präsident Hisham Maizar wehrt sich entschieden gegen die Kritik. «Wir planen nicht die Schaffung einer Parallelgesellschaft, sondern das genaue Gegenteil.» Das Parlament solle eine Plattform sein, um auf demokratische Art Fragen zu diskutieren, die alle Muslime in der Schweiz beträfen. «Deshalb sind auch alle Organisationen eingeladen, mitzumachen.»