Das Buch zum Vierfachmord
Georg Metger: «Da beginne ich zu ahnen, dass man mich als Verdächtigen qualifiziert»

Georg Metger, Angehöriger der Ermordeten von Rupperswil, erzählt, wie er plötzlich in den Fokus von Polizei und Medien geriet. Nun nimmt er seine Geschichte selber in die Hand.

Andreas Maurer
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Georg Metger nach dem Prozess vor den Medien.

Georg Metger nach dem Prozess vor den Medien.

Sandra Ardizzone

Darf man aus dem Leid der Angehörigen ein Geschäft machen? Daniel Dunkel, Chefredaktor der Zeitschrift "Schweizer Familie", ist hin- und hergerissen. In der aktuellen Ausgabe denkt er in einem Artikel darüber nach, ob es richtig sei, einen exklusiven Vorabdruck aus dem Buch von Georg Metger (50) zu publizieren. Dieser war der Partner von Carla Schauer, die 2015 in Rupperswil AG mit ihren beiden Söhnen und der Freundin des Älteren ermordet worden war. Das Buch erscheint morgen Donnerstag und wird vom Zürcher Wörterseh-Verlag herausgebracht, der mit der Tamedia-Zeitschrift eine Medienpartnerschaft eingegangen ist.

Der Chefredaktor berichtet von seinen Zweifeln: "Der Gedanke, dass sich die ‚Schweizer Familie‘ auf Kosten der Opferfamilien journalistisch profiliert, war mir zuwider." Dennoch entschied er sich dafür, da er Metger stellvertretend für alle Opferfamilien eine Stimme geben wolle. Was Dunkel nicht weiss: Seine Verlagsabteilung nutzt den exklusiven Vorabdruck für eine Marketingaktion, um Probeabos zum Spezialpreis zu verkaufen.

Vom Opfer zum Tatverdächtigen

Metger hadert ebenfalls mit seiner Rolle, wie er im Buchauszug schreibt. Es beginnt mit der Einvernahme auf dem Polizeiposten. Er glaubt, als Angehöriger befragt zu werden. Als die Polizisten seine Hände und Nägel auf Russspuren untersuchen, hätten sie gesagt, es handle sich um eine Routineuntersuchung. Metger: "Erst als ich meinen Tagesablauf akribisch schildern und viele seltsame Fragen beantworten muss, beginne ich zu ahnen, dass man mich als Verdächtigen qualifiziert." Zu diesem Zeitpunkt habe er am liebsten tot sein wollen.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
45 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. vor Gericht.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Gerichtszeichung von Thomas N. bei der Urteilsverkündung am Freitag.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER

Zuerst gerät Metger in den Fokus der Polizei, dann in jenen der Medien. Der "Blick" spekuliert nach der Tat: "Drehte der Ex-Mann durch?" Metger berichtet, dass er nach diesem Artikel von "obskuren Theoretikern", religiösen Gemeinschaften und Hellsehern kontaktiert worden sei. "Aber auch Frauen, die mich auf der Stelle heiraten möchten, gelangten an mich." Zudem habe er Schreiben wie dieses erhalten: "Hey, sorry für die Störung. Weisst du, wer der Täter ist?" Metger: "Ich blicke auf den Bildschirm meines Handys. Ich kenne den unhöflichen Fragesteller nicht, der mich duzt und diese absurde Frage stellt."

Der Staat habe sich zu wenig um ihn gekümmert

Metger fühlt sich allein gelassen: "Wir Angehörigen haben viel Unterstützung erfahren durch unser Umfeld, aber von Staates wegen wurde wenig unternommen, dass wir nicht in ein schwarzes Loch fielen."

Metgers Buch "für immer"

Metgers Buch "für immer"

HO

Im Umgang mit Medienvertretern hätte er sich eine staatliche Stelle gewünscht, die ihn beraten und geschützt hätte. Die Polizei hätte aus seiner Sicht verhindern sollen, dass ein Fotograf die Erinnerungsbilder der Familie nach dem Trauergottesdienst aufnehmen konnte. Metger kritisiert, dass die "Schweizer Illustrierte" die Bilder auf der Titelseite zeigte.

Inzwischen hat Metger seine Geschichte selber in die Hand genommen und publiziert sie freiwillig in einer Illustrierten. Damit die in Ich-Form geschriebenen Sätze gut klingen, holte er sich Unterstützung der Autorin Franziska Müller. Selber wolle er, der als Filialleiter einer Bank arbeitet, kein Geld daran verdienen. Er kündigt an, die Tantiemen für wohltätige Zwecke zu spenden.