Bondo

Geologe über Bergsturz: «Warnungen vor Ort nehmen die Berggänger oft nicht ernst»

Hans Rudolf Keusen ist Geologe und Mitglied der Zentralen Hüttenkommission des SAC.

Hans Rudolf Keusen ist Geologe und Mitglied der Zentralen Hüttenkommission des SAC.

Hans Rudolf Keusen, Geologe beim Schweizer Alpen-Club (SAC), über die Gründe, weshalb Warnschilder missachtet werden

Herr Keusen, es ist anzunehmen, dass die vermissten Berggänger von Bondo die Warnschilder ignoriert und die Wege trotz Gefahr betreten haben. Weshalb tun Menschen so etwas?

Das ist typisch menschliches Verhalten. Es trifft nicht mich, sondern andere, denkt man. Das Unglück wird nicht heute eintreten, wenn man unterwegs ist, sondern morgen. Dieses Verhalten kann man beim Menschen schon seit eh und je beobachten. Schon bei früheren Bergstürzen wollte die lokale Bevölkerung ihre Siedlung nicht verlassen. Wenn jemand einen Wanderweg oder ein Klettergebiet betritt, das mittels Hinweistafeln gesperrt ist, ist das demnach zwar ein menschliches Verhalten. Dieses Verhalten unterliegt aber der kompletten Eigenverantwortung.

Wollen Sie damit sagen, dass es in der Natur des Menschen liegt, in solchen Situationen das Risiko kleiner zu machen, als es eigentlich ist?

Ja. Die Risiken werden oft nicht erkannt und die Warnungen vor Ort nicht ernst genommen. Das beobachte ich in meiner Tätigkeit als Geologe und Verantwortlicher der SAC-Hütten immer wieder. Nicht jeder Mensch verhält sich so. Aber es ist ein typisches Verhalten. Sogar Wege, die von der jeweiligen Gemeinde mittels Schranken abgesperrt werden, werden einfach begangen. Allerdings muss in Bezug auf die aktuellen Ereignisse von Bondo gesagt werden, dass es sich hier um eine aussergewöhnliche Situation handelt. Ein derartiges Szenario tritt sehr selten ein. Genau diese geringe Wahrscheinlichkeit bestätigt aber wiederum die verbreitete Annahme, dass einem selbst nichts passieren kann. Das ist gefährlich.

Umgeht ein Bergsteiger denn bewusst Verbote, um sich selbst und anderen etwas zu beweisen?

Nein, das glaube ich nicht. Die Missachtung von Warnungen erfolgt nicht gezielt. Schlussendlich hat jeder Mensch ein eigenes Verständnis von Risiko. Die einen sind risikofreudiger, die anderen vorsichtiger.

Hat ein Bergsteiger mit wachsender Selbstsicherheit immer mehr das Gefühl, unverletzlich zu sein?

Ja, ich denke, es gibt diesen Typ Bergsteiger. Ein Beispiel dafür war Ueli Steck. Man entwickelt das Gefühl, über den Risiken zu stehen. Diese Selbstsicherheit hat zwei Seiten: Sie ist gut, solange ein Berggänger das Risiko durch sein eigenes Verhalten steuern kann. Kommen höhere Naturgewalten ins Spiel, wie im Falle des Bergsturzes von Bondo, ist der Mensch schlichtweg machtlos. Erkennt ein Berggänger diese Gefahr nicht, mündet seine Selbstsicherheit in Selbstüberschätzung.

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Was für Personen gehen in SAC-Hütten ein und aus?

Grundsätzlich sind dies vor allem Wanderer, Alpinisten und Kletterer. Rund um die beiden SAC-Hütten Sasc Furä und Sciora in der Val Bondasca, dem Gebiet des Bergsturzes von Bondo, verkehren viele erfahrene Wanderer, denn die alpine Gegend ist für Wanderer sehr attraktiv. Leider sind viele Wanderer versucht, bei der Sciora-Hütte nicht hinunter ins Tal abzubiegen, sondern auf der gefährlichen Route weiterzugehen, die sich im Sperrgebiet befindet. Natürlich sind aber auch unerfahrene Wanderer in solchen Gegenden unterwegs. Sie verursachen denn auch den grössten Anteil an Unfällen im Berggebiet – nicht erfahrene Berggänger.

Was bedeutet die Katastrophe in Bondo für die SAC-Hütten in der Val Bondasca, die Sasc Furä und die Sciora?

Die Hütten selbst sind vom Bergsturz nicht betroffen. Aber das umliegende Gebiet und das Bergell generell sind momentan nur schwer oder gar nicht zugänglich.

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