Kaum ein Projekt beschäftigt die Genfer länger als die Querung der Seebucht, auf Französisch «La Traversée de la Rade». In den Annalen des Kantons taucht die Idee eines Autotunnels 1896 auf, und 1937 schlug eine Verkehrsstudie die Entlastung der Innenstadt vor.

Heute ergiesst sich eine Blechlawine ganz anderer Ausmasse durch das Genfer Stadtzentrum. Die SVP lancierte deshalb eine Volksinitiative für eine Untertunnelung der Bucht. Denn die Bevölkerung hat in den letzten Jahren trotz zweier abgelehnter Projekte dem Grundsatz einer unter- oder oberirdischen Seequerung bereits 1988 zugestimmt.

1,2 -Milliarden kostet das Projekt

Die SVP-Vorlage, die am 28. September an die Urne kommt, übernimmt ein Projekt, das 2004 noch unter der Federführung des grünen Verkehrsdirektors und heutigen Genfer Ständerats Robert Cramer ausgeheckt worden war. Zwei rund 1,4 Kilometer lange, zweispurige Autotunnels sollen die beiden Seeufer miteinander verbinden, rund einen Kilometer von der Mont- Blanc-Brücke entfernt.

Geht es nach den Initianten, ist das Werk innert sechs Jahren vollendet und halbiert das Verkehrsaufkommen auf der Brücke und den Quais. Kostenpunkt: 1,2 Milliarden Franken für den Kanton, an denen die SVP in Form eines «Public Private Partnership» auch Private beteiligen will.

Mehr Verkehr?

Mit Ausnahme des populistischen MCG sind alle anderen Parteien dagegen und sprechen gar von einem Desaster für Genf. Denn der Bau eines Tunnels am vorgesehenen Ort werde das Zentrum nicht entlasten, sondern im Gegenteil zu Staus an den Einfallstrassen und an den Tunnel-Eingängen führen, argumentieren sie. Negativ verbucht wird auch, dass einer der Tunneleingänge mitten durch ein Trinkwasservorkommen führt. Tatsächlich heben verschiedene Studien, die das Projekt von 2004 genauer analysierten, dieselben Schwachpunkte hervor.

Die Regierung bevorzugt denn auch eine Variante, die das Verkehrsproblem viel weiter vor Genf abfangen und in das schweizerische Nationalstrassennetz einbinden will: eine rund sechs Kilometer lange Autobahnverbindung vom linken Seeufer nach Frankreich, vier Kilometer von der Mont-Blanc-Brücke entfernt.

Allerdings kann diese «Traversée du Lac» der SVP-Initiative nicht als unmittelbare Alternative gegenübergestellt werden, denn sie figuriert erst im kantonalen Richtplan für das Jahr 2030.

Das Projekt der Regierung ist mindestens drei Mal so teuer, hat aus Sicht der Genfer Steuerzahler aber den Vorteil, dass es als Teil des Nationalstrassennetzes vom Bund mitfinanziert werden könnte.

Im April 2013 hat das Bundesamt für Strassen in seiner Programmbotschaft die Nützlichkeit der Seequerung zur Entlastung der Innenstadt anerkannt. Die Regierung befürchtet, der Bund könnte das Vorhaben nach hinten schieben, falls die Genfer am 28. September Ja sagen zur SVP-Initiative.

Die SVP wiederum vertritt die Ansicht, man könne beide Bauvorhaben verwirklichen, zuerst den Tunnel durch die Bucht, danach die grosse Seequerung.